Bayern-Gegner

Klubchef Moratti – "Inter ist zum Leiden geboren"

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Oliver Birkner

Foto: Getty Images/Getty Images Europe

Inter-Eigentümer Massimo Moratti spricht im Interview auf Morgenpost Online über die Kuriositäten seines Klubs und das Verhältnis zum FC Bayern.

Seit 16 Jahren ist Massimo Moratti, 66, Eigner von Inter Mailand. Lange Zeit stand er im Schatten seines übermächtigen Vaters Angelo, der den Verein 1964 und 1965 zum Sieg im Landesmeister-Wettbewerb führte. Doch mit dem Triumph im Champions-League-Finale im Mai 2010 über den FC Bayern München (2:0) hat sich Massimo Moratti davon befreit. Im Achtelfinal-Hinspiel am kommenden Mittwoch kommt es erneut zum Duell Inter Mailand gegen Bayern München.

Morgenpost Online: Signor Moratti, wo liegt der Ursprung Ihrer Familien-Dynastie?

Massimo Moratti: Alles begann mit meinem Vater Angelo, der Ende der 40er Jahre sein Glück machte. Er war ein harter Arbeiter und ein Genie. Er konstruierte eine Raffinerie auf Sizilien, die er später an Esso verkaufte, und baute dann eine neue auf Sardinien – eine der ersten unabhängigen Raffinerien Europas. Mein Vater war ein Vulkan an Ideen, gepaart mit unglaublicher Menschlichkeit. 1955 übernahm er Inter, eigentlich aus Leidenschaft zum Verein, nicht auf der Suche nach Ruhm.

Morgenpost Online: Welche Werte brachte er Ihnen bei?

Moratti: Vertraue niemals dem materiellen Reichtum, der wahre Reichtum liegt im Kopf. Er kam aus armen Verhältnissen, er erlebte den Krieg und erzählte von einem Verwandten in Deutschland, einem Dirigenten, dessen Vermögen sich während der Inflation in Luft aufgelöst hatte. Mein Vater sagte: Achtet nicht auf das, was ihr in der Tasche, sondern was ihr im Kopf habt. Eine hilfreiche Lehre, die uns zu seriöser Arbeit mahnte, ohne diejenigen zu vergessen, die weniger Glück im Leben besitzen - denn ganz schnell kannst du auch selbst alles verlieren.

Morgenpost Online: Ist das auch der Grund dafür, dass Ihre Familie im Gegensatz zu anderen Italiens ein Leben ohne Exhibitionismus in der Klatschpresse oder auf pompösen Yachten führt?

Moratti: Unsere Familie legte immer einen großen Wert auf Passion. Leidenschaft bei der Arbeit, Leidenschaft zum Fußball – ohne den Drang, dem Geldausgeben aus purer Vergnügung oder Selbstdarstellung zu frönen.

Morgenpost Online: Besaßen Sie in der Jugend nie den Drang, gegen den Vater zu rebellieren? Ihre Teenager-Jahre lagen schließlich in den 60ern.

Moratti: Dazu bestand kein Grund, denn er formulierte keine Direktiven, drängte sich nicht auf und ließ mir alle Freiheiten. Nach seinem Tod fand ich im Schreibtisch einen alten Brief von einem meiner Lehrer. Er solle mich ins Internat schicken, weil ich abgelenkt sei und zu oft an Inter denken würde. Von dem Brief hat mein Vater nie ein Wort erwähnt.

Morgenpost Online: Sie übernahmen Inter im Februar 1995. Wie veränderte sich Ihr Leben?

Moratti: Zuvor gab es in der Firma (der Familie Moratti gehört das Energie-Unternehmen Saras, d. Red.) genug interessante Aufgaben, ich war oft auf Reisen zu unseren Anlagen. Dann beging ich den schweren Fehler, Inter zu kaufen. Ich hätte nie gedacht, dass die Arbeit mit Inter so überladen und eine derartige Signifikanz erhalten würde. Das tägliche Medienspektakel um den Fußball ist bisweilen bizarr. Die Zeitungen berichten, was ich am nächsten Tag machen werde – und das Kuriose ist, sie liegen meist richtig. Sie wissen mehr über meine Aktionen als ich selbst.

Morgenpost Online: Wie hat Ihre Familie auf den Kauf reagiert?

Moratti: Voller Skepsis – und sie hatte recht (lacht).

Morgenpost Online: Stört Sie die Kritik, dass Inter selten mit Italienern spielt?

Moratti: Kürzlich schenkte mir jemand ein Buch aus dem Jahr 1907. Dort wurde ein Zeitungsartikel eines damaligen AC-Mailand-Mitglieds zitiert, der vorhersagte: Bald werden wir den AC verlassen. Es sei an der Zeit, nicht nur restriktiv italienisch, sondern auf internationaler Ebene zu denken. Ein Jahr später gründeten 43 Milan-Dissidenten Inter. Er nahm mir die Worte aus dem Mund. Ich tue mich mit dem Begriff Ausländer sehr schwer. Außerdem haben wir kürzlich einige sehr gute Einheimische verpflichtet (in der Winterpause kaufte Inter die italienischen Nationalspieler Andrea Ranocchia und Giampaolo Pazzini, d. Red.). Nun kann man uns im wahrsten Sinne des Wortes Internazionale nennen, weil wir auch Italiener holen (lacht).

Morgenpost Online: Hat Inter die Familie Moratti verändert oder umgekehrt?

Moratti: Ich denke, jeder Präsident verleiht einem Verein seine eigene Persönlichkeit.

Morgenpost Online: Ihr Inter wäre also…

Moratti: …ein Tohuwabohu (lacht). Ein Team mit Charakter und immenser Geduld.

Morgenpost Online: Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal im Stadion?

Moratti: Mein Vater begann, mich 1949 mitzunehmen. Eine meiner ersten Partien war ein 6:5 für Inter im Derby gegen Milan. Dabei hatten wir nach 19 Minuten 1:4 hinten gelegen. In Erinnerung bleibt nicht bloß dieses unglaubliche Spiel, vor allem die Lautstärke, die Begeisterung der Tifosi, die knisternde Atmosphäre. Für mich war das alles überwältigend, es gab noch kein Fernsehen, und man wusste nicht, was einen erwarten würde.

Morgenpost Online: Später wuchs der Klub unter Ihrem Vater zum „Grande Inter“ mit zwei Landesmeister-Titeln und drei Meisterschaften. Kickten Sie manchmal mit den Stars von damals?

Moratti: Einige kamen ab und zu bei uns Zuhause vorbei, das war natürlich aufregend. Der Italo-Argentinier Angelo Angelillo, ein Phänomen, unterschrieb 1957 sogar seinen Vertrag in unserer Villa auf dem Land und spielte danach mit mir und meinem Bruder im Garten. So etwas wäre heutzutage unvorstellbar. Damals war der Kontakt viel direkter, heute gibt es vor einem Kontrakt erst einmal unzählige Gespräche mit Beratern.

Morgenpost Online: Sie sind seit langer Zeit im Fußballgeschäft. Worüber müssen Sie heute noch schmunzeln?

Moratti: Einmal saß ich auf der Tribüne in Neapel, einige Reihen unter mir gab es Unruhe. Also hob ich einen Siebenjährigen nach oben zu mir. Der Kleine war aus Neapel, aber Inter-Fan, schaute mich mit großen Augen an und fragte: Signor Moratti, wen holen wir nächste Saison? Ich sagte: Roberto Baggio. Der Junge war ja klein, ich hatte keine Bedenken. Zu Hause sah ich den Burschen dann im TV umringt von 300 Mikrofonen: Herr Moratti hat gesagt, wir kaufen Baggio! Deshalb ist damals der Wechsel tatsächlich gescheitert – wegen eines Pimpfs. Fantastisch, ich habe selten so gelacht.

Morgenpost Online: Es spielten viele Deutsche bei Inter. Welche Erinnerungen haben Sie?

Moratti: Rummenigge, Hansi Müller, Brehme, Matthäus, Klinsmann – sie sind alle in die Inter-Geschichte eingegangen. Pfundskerle mit unglaublichem Charakter. 1989 holten wir die Meisterschaft mit Brehme und Matthäus unter Trainer Giovanni Trapattoni, der den Spitznamen „Il Tedesco“, der Deutsche, trug. Komisch, dass seither kaum ein Deutscher mehr zu Inter kam. Wir intensivieren die Suche, das wird demnächst dann schon wieder.

Morgenpost Online: Wen hätten Sie denn gern aus der deutschen Nationalelf?

Moratti: Özil ist ein herausragender Spieler. Einst hatten wir überlegt, ihn zu verpflichten, uns dann aber für Wesley Sneijder entschieden, was letztlich keine so schlechte Wahl war. Real Madrid ist aber sicher überglücklich, Özil gekauft zu haben.

Morgenpost Online: Es heißt, Massimo Moratti ist der letzte Romantiker unter den Vereinspräsidenten?

Moratti: Romantisch im Sinne, dass Vater und Sohn mit Inter denselben Erfolg gefeiert haben. Ein Schicksal wie im Märchen. Unter dem Aspekt der Mannschaftsführung könnte man mich einen unsinnigen Romantiker nennen.

Morgenpost Online: Viele Spieler wie Ronaldo charakterisierten Sie als Vaterfigur.

Moratti: Ja, schrecklich. Und ich sagte: Nennt mich nicht Vater, nennt mich großer Bruder. Ronaldo erachtete ich immer als sympathische Persönlichkeit, ein Genie. Viele sprachen dann von Verräter, weil er von Inter über Real Madrid zum AC Mailand wechselte. Nonsens. So ist das Geschäft eben.

Morgenpost Online: Ibrahimovic wurde nach dem Wechsel zum AC Mailand ebenfalls Verräter genannt.

Moratti: Derselbe Fall. Ein großartiger Profi. Er hat uns drei Meisterschaften gewonnen, wir haben ihn für das Vierfache des Einkaufspreises verkauft – soll ich mich da beschweren?

Morgenpost Online: Erachten Sie die Macht der Spieler inzwischen generell als zu groß?

Moratti: Ganz ehrlich: Viele Klubs klagen in der Öffentlichkeit und sind oft insgeheim froh, wenn sie den Spieler verkauft haben.

Morgenpost Online: Haben Sie seit 1995 jemals ans Aussteigen gedacht?

Moratti: Sehr oft, denn das Leben im Calcio gestaltete sich beizeiten als erdrückend. Doch immer wenn ich mit Abschied rang, dachte ich, warten wir mal ab wie die Geschichte ausgeht.

Morgenpost Online: Sie meinen den Manipulationsskandal um Juventus Turin?

Moratti: Genau. Mit den Jahren avancierte die Lage zu einer unerträglichen Situation, eine unendliche Geschichte. Ein Tunnel, in dem das Ende nicht abzusehen war. Alle hatten sich perfekt geeinigt. Ein Albtraum, den man nicht wahr haben will, der sich aber als sehr real erwies.

Morgenpost Online: Im Uefa-Ranking wird Deutschland Italien bald überholen. Wie schätzen Sie den Status quo des Calcio ein?

Moratti: Unser Kardinalproblem sind die Stadien. Wir Italiener sehen im Fernsehen die Bundesliga – das Gras scheint grüner, die Arenen sind ohne Zäune. In einem schönen Theater wirkt die Aufführung zweifelsohne schöner als bei einer Straßendarbietung. In puncto Stadien oder Merchandising sind wir nicht auf der Höhe Europas. Und so geht mancher Spieler mittlerweile vielleicht lieber nach Deutschland als nach Italien. In der Serie A gibt es mit 20 Klubs auch zu viele Mannschaften – es wird zu oft gespielt, das nimmt Emotionen.

Morgenpost Online: Inter trägt den Beinamen „pazza“, verrückt. Warum?

Moratti: Weil Inter stets leiden muss. Das ist die Eigentümlichkeit des Klubs selbst im Erfolg. Es gibt nie eine relaxte Partie. Führen wir 4:0, steht es plötzlich 4:3. Oder das Siegtor fällt in der Nachspielzeit. Inter ist zum Leiden geboren.

Morgenpost Online: Am Ende der letzten Saison hielt sich das Leiden sicher in Grenzen. Inter gewann neben Meisterschaft und Pokal auch die Champions League.

Moratti: 2009 dachte ich nach Barcelonas Triple, was für eine unglaubliche Leistung, und dass uns das nie gelingen würde. José Mourinho und der Mannschaft ist es gelungen. Mourinho ist ein Perfektionist, ein akribischer Arbeiter, mit einer Leidenschaft, die alle mitriss – in einem perfekten Zeitraum. In zwei Jahren alles zu gewinnen, mehr ging nicht.

Morgenpost Online: Jetzt geht es wieder gegen Bayern...

Moratti: Eine Gelegenheit, die die Münchner nach dem verloren gegangenen Finale freuen wird. Das wird ein hartes Duell. Zwischen beiden Klubs existiert ein freundschaftliches Verhältnis, die Bayern gehören seit Jahrzehnten zu den Vorzeigeklubs Europas, ihr Vorstand ist von einer exemplarischen Zuvorkommenheit. Für die Bayern empfinde ich enormen Respekt.