Glattes Derby

Abstiegskandidat Bremen als HSV-Aufbaugegner

Trotz der klaren Abfuhr beim Erzrivalen Hamburger SV steht Trainer Thomas Schaaf laut seines Sportdirektors Klaus Allofs "nicht zur Disposition".

Kapitän Torsten Frings war restlos bedient. „Wenn Spieler immer wieder diese Fehler machen, dann darf man mal die Frage stellen, ob sie es überhaupt noch können“, sagte der Ex-Nationalspieler nach der 0:4 (0:1)-Packung im Nordderby beim Hamburger SV. In diesem Moment voller Frust lief er Gefahr, jegliche Diplomatie aus den Augen zu verlieren, und alle Zuhörer ahnten, an wen Frings dachte: Per Mertesacker. Dann aber besann sich der Bremer Mittelfeldstratege gerade noch: „Natürlich meine ich uns alle.“

Es war der Auftritt einer akut abstiegsgefährdeten Mannschaft, den der SV Werder da in der HSV-Arena angeboten hatte. Die Grün-Weißen als Aufbaugegner des großen Nordrivalen - ein Albtraum für jeden Werder-Anhänger. Nur ein Punkt trennt den viermaligen Meister als 14. der Tabelle noch von einem Abstiegsplatz. Aus den letzten 14 Spielen gelangen nur zwei Siege und vier Unentschieden. Kein Team ist in diesem Zeitraum schlechter.

An eine Ablösung von Trainer Schaaf aber denkt in Bremen niemand. „Er steht nicht zur Disposition“, stellte Geschäftsführer Klaus Allofs trotz der prekären Situation klar.

Der Trainer gab sich trotz der erneuten Enttäuschung kämpferisch. „Wir müssen zusehen, dass wir jetzt wieder eine andere Spur aufnehmen“, sagte Schaaf, „wir haben im Training zuletzt einen guten Weg gezeigt und sind auch gut ins Spiel gekommen. Leider fiel dann das 0:1 aus heiterem Himmel.“ Und danach brach sein Team innerlich zusammen. „Wie wir uns in der zweiten Hälfte präsentiert haben, das lässt nichts Gutes hoffen“, sagte Frings.

Mitentscheidend waren drei Aussetzer von Nationalspieler Mertesacker. Unnötige Ballverluste und mangelhafte Zweikampfführung des „Langen“ führten zu den Toren von Mladen Petric (42.) und Paolo Guerrero (64., 79.). „Nach dem 0:2 haben wir uns nicht mehr gewehrt“, sagte Schaaf. Das 0:4 durch Änis Ben-Hatira (87.) war nur noch der negative Schlusspunkt.

Die Chance zum Befreiungsschlag hat Werder nicht genutzt, obwohl die Gelegenheit günstig erschien. Denn der HSV war nach der peinlichen Niederlage am Mittwoch gegen den kleinen Stadtrivalen FC St. Pauli seinerseits bis ins Mark erschüttert. „Die Mannschaft hat heute einen unheimlichen Druck gehabt“, sagte Trainer Armin Veh, „in der zweiten Hälfte haben wir aber eine Reaktion gezeigt, die so nicht zu erwarten war.“

Dank der Mithilfe der völlig verunsicherten Bremer feierten die Hamburger Versöhnung mit ihren Fans, die am Ende „Oh wie ist das schön“ sangen und skandierten: „Werder, Werder, zweite Liga...“

Nun kann der HSV doch noch um einen Europacupplatz mitspielen. Trainer Veh hatte aus der Pleite gegen St. Pauli Konsequenzen gezogen, die formschwachen Ruud van Nistelrooy und Eljero Elia aus der Mannschaft gestrichen und dafür Guerrero und Jonathan Pitroipa gebracht. Es war nicht der einzige Schachzug, der aufging. Heiko Westermann zog er ins Mittelfeld vor, was ebenso den gewünschten Positiveffekt brachte wie die Einwechslung des flinken Südkoreaners Son Heung Min.

Das Wochenende ist für die Hamburger zudem wahrscheinlich am Sonntag komplett gelungen, wenn Frank Arnesen als neuer Sportdirektor vorgestellt wird. Eine monatelange Suche würde damit zu Ende gehen, die zuletzt ihren negativen Höhepunkt mit der kurzfristigen Absage von Matthias Sammer hatte. Nun steht die Einigung mit dem 54 Jahre alten Dänen unmittelbar bevor, der noch bis Saisonende beim FC Chelsea im Vorstand tätig ist.