Kolumne "Nachspielzeit"

Spannung dank Klopps dunkler Vergangenheit

Was vom 22. Spieltag übrig bleibt: Das Comeback von "Robbery" und Bayerns und Bayers Hoffnung, dass es Dortmund so ergeht wie Klopp vor neun Jahren.

Der FC Bayern ist wieder die Nummer eins der Bundesliga. Mit dem meisterhaften 4:0 gegen Hoffenheim löste der Titelverteidiger aus München Herbstmeister Borussia Dortmund als Spitzenreiter ab - der Rückrundentabelle.

Zählt man jedoch fairerweise die erste Saisonhälfte hinzu, bleibt der BVB Tabellenführer mit einem satten Vorsprung von 10 Punkten auf Bayer Leverkusen und 13 Punkten auf Bayern München. Doch der 22. Spieltag macht aus dreierlei Gründen Hoffnung, dass der Titelkampf doch noch spannend und der Durchmarsch der Dortmunder zur Meisterschaft vermieden wird.

Erstens: Die beiden einzigen erstzunehmenden Verfolger Bayern München und Bayer Leverkusen (3:0 in Frankfurt) setzten die spielerischen Höhepunkte des Wochenendes. Erstmals in dieser Saison konnten die Bayern ihre lange Zeit verletzten Superstars Arjen Robben und Franck Ribery gleichzeitig aufbieten, zusammen mit Thomas Müller und Mario Gomez bildeten sie ein Offensivquartett, das in der Bundesliga qualitativ das Nonplusultra ist. In dieser Besetzung sind dem bislang enttäuschenden Vorjahresmeister in seinen restlichen zwölf Partien durchaus zwölf Siege zuzutrauen.

Zweitens: Die Dortmunder spielen zwar wie in der Hinrunde auf konstant hohem Niveau, aber sie haben in den vergangenen vier Partien sechs Punkte liegen gelassen. Gegen die Abstiegskandidaten aus Stuttgart (1:1) und jetzt Kaiserslautern (1:1) kassierte der Tabellenführer jeweils in der Schlussphase den Ausgleich.

Besonders im torlosen Derby gegen Schalke aber zeigte sich, dass die eigentliche Schwäche des angriffslustigen BVB die Chancenverwertung ist. Sie hatte schon im Herbst entscheidend dazu beigetragen, dass Klopps Elf die Gruppenphase der Europa League nicht überstand, als sie es in den vier wichtigen Spielen gegen Paris St. Germain und den FC Sevilla nur auf insgesamt drei Treffer brachte. Ein schmerzhafter Verlust ist das vorzeitige Saison-Aus Shinij Kagawas, des besten Dortmunder Offensivspielers der Hinrunde, der sich beim Asien-Cup den Mittelfuß brach.

Weil zwischen Sieg und Unentschieden zwei Zähler liegen, war in Anbetracht der Siege von Bayer und Bayern das 1:1 in Kaiserslautern eine gefühlte Niederlage. Der BVB verlor zudem seinen kopfballstarken Innenverteidiger Neven Subotic durch eine unberechtigte Gelb-Rote Karte, was Klopp am meisten aufregte. Der Trainer weiß, dass jede Kleinigkeit Auswirkungen auf das große Ganze haben kann. Und eine Schwächephase hat seine talentierte, aber unerfahrene Mannschaft noch nicht verkraften müssen.

Drittens: Jürgen Klopp mag zwar die Ausstrahlung eines Gewinners haben, doch er wird sicherlich nie vergessen, was ihm in seiner ersten kompletten Spielzeit als Trainer für eine Niederlage widerfahren ist. Mit der Mannschaft von Mainz 05, deren Gerüst aus Spielern wie Dimo Wache, Manuel Friedrich, Michael Thurk und Andrej Voronin bestand, gewann Klopp in der Zweitliga-Saison 2001/2002 sensationell die Herbstmeisterschaft und blieb auch danach zielstrebig auf Aufstiegskurs. Am 34. Spieltag allerdings rutschten die Mainzer noch vom zweiten auf den vierten Platz - und in ein Tal der Tränen.

Neben Hannover 96 und Arminia Bielefeld schaffte damals der VfL Bochum als Tabellendritter den Sprung in die Erste Liga. Er hatte nach 22 Spieltagen noch zehn Punkte (!) hinter Klopps Mannschaft gelegen.

Wahrscheinlich war Klopp auch wegen dieses Schattens auf seiner Vergangenheit nicht so locker drauf wie sonst, als er sich am Samstag im "Sportstudio" süffisant fragen lassen muss, ob man in Dortmund wegen seiner Zurückhaltung in Sachen Titel vielleicht gar nicht mitbekomme, wenn der BVB Meister wird. "Wir werden schon merken, wenn wir Meister sind. Aber wir wissen vor allem, dass wir es jetzt noch nicht sind", so die todernste Antwort des Trainers.

Wenn die Dortmunder aber in zwei Wochen, nach ihrem Auswärtsspiel bei Bayern München, auch in der Rückrundentabelle wieder vorn liegen, wird Klopp eine rhetorische Meisterleistung vollbringen müssen, um den letzten Satz überzeugend zu begründen.