Sieg im Nordderby

Der Hamburger SV schickt vier Lebenszeichen

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Matthias Linnenbrügger

Starke Hamburger blamieren im Nordderby Werder Bremen. Sportdirektor Frank Arnesen aus Dänemark wird der neue, starke Mann bei den Hanseaten.

Entnervt vergrub Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf sein Gesicht in der linken Hand und schüttelte fassungslos den Kopf. Im Spiel beim HSV war die 80. Minute angebrochen. Der Hamburger Stürmer Paolo Guerrero hatte gerade wieder die Bremer Abwehr übertölpelt und zum 3:0 getroffen. Werder verlor am Ende mit 0:4 (0:1) und taumelt weiter den Abstiegsrängen entgegen. „Nach dem zweiten Gegentreffer fehlte uns der Glaube, dass wir es noch umbiegen könnten“, haderte Schaaf. Der HSV hingegen lebt wieder.

Schon im Vorfeld der Partie beeindruckte der Gastgeber mit einigen bemerkenswerten Personalien. Superstar Ruud van Nistelrooy etwa wurde aus der Startelf geworfen. HSV-Trainer Armin Veh war nicht entgangen, dass der Niederländer seit dem geplatzten Wechsel zu Real Madrid die rechte Lust am Fußballspielen offensichtlich verloren hatte. Eljero Elia traf es noch härter. Weil der Stürmer keine Lust mehr auf den HSV zu haben scheint, durfte er auf der Tribüne Platz nehmen.

In den Fokus war am Rande des Spiels ein prominenter Zugang gerückt. Denn der Hamburger SV hat einen dicken Fisch ködern können: Frank Arnesen soll im Sommer den Posten übernehmen, der ursprünglich für Matthias Sammer vorgesehen war. Weil der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aber nach einem wochenlangen Possenspiel aller Beteiligten im Januar den Hamburgern absagte, ging die Suche weiter. Dem amtierenden Sportchef Bastian Reinhardt wurde jedenfalls nicht zugetraut, dem HSV in Zukunft Konturen geben zu können. Nun soll es der Mann richten, der das in den vergangenen Jahren beim englischen Topklub FC Chelsea tat.

Arnesen ist ohne Frage die große Nummer, die nach der Absage Sammer die einzig logische Folge sein konnte. Denn mit dem Dresdner hatte der Klub den Maßstab hoch angesetzt. Wer nach ihm kommen würde, musste ähnliche Strahlkraft besitzen. Der 54 Jahre alte Däne kann da mithalten, er gilt als absoluter Wunschkandidat des HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann. Der Klubchef war schon 2004, Arnesen war noch Sportdirektor des PSV Eindhoven, von ihm beeindruckt. Als Arnesen ihn nun sein Konzept für den Hamburger SV präsentierte, lobte ihn Hoffmann als „Trüffelschwein im internationalen Scouting“.

Denn darum geht es dem HSV. Der Klub kann es sich nicht mehr leisten, teure Spieler zu kaufen. Er muss nach günstigeren Lösungen suchen, die sportlich auf Anhieb wertvoll sind. „Wir werden auf Sicht nicht mehr zweistellige Millionentransfers stemmen können. Unsere Transferquote ist in diesem Bereich auch zu gering. Wenn wir einen Spieler zwischen fünf und zehn Millionen Euro einkaufen, dann muss er bei uns ein gesetzter Spieler sein“, sagte Hoffmann. Arnesen werden Volltreffer zugetraut. Während seiner Zeit in Eindhoven förderte er Spieler wie den damals 17 Jahre alten Ronaldo.

Weil Arnesen auch jahrelang die Nachwuchsarbeit seiner Klubs betreut hat, passt er in das Profil, das der HSV bei der Suche nach einem neuen Sportchef entworfen hat. Klubchef Hoffmann jedenfalls hatte die Anforderung an den Neuen so skizziert: „Er soll eine klare Spielphilosophie festlegen und die Ausbildungs- und Sichtungsarbeit komplett danach ausrichten.“

Und er soll natürlich ein Mann sein, zu dem die Spieler aufblicken. Der profillose Reinhardt konnte mit natürlicher Autorität nicht dienen. „Wenn es mit Arnesen klappt, wäre ein großer Schritt gemacht. Von ihm kann Basti einiges lernen. Im Moment sind wir nicht handlungsfähig. Deswegen wäre es ganz entscheidend, wenn Arnesen kommt“; sagte Trainer Veh. Reinhardt war nach einem Praktikum auf der Geschäftsstelle des HSV, wo er auf der Internetseite des Klubs die Kolumne „Basti Backstage“ verfasste, überraschend im vergangenen Sommer zum Sportchef befördert worden. Mangels Profil und Rückendeckung konnte er den Job aber nie zufriedenstellend erfüllen.

Arnesen dagegen kommt mit Empfehlung des FC Chelsea. Dort wurde er im Sommer 2009 zum Sportdirektor befördert, Nachwuchsleiter und Chefscout war er bei den Londonern schon vorher. Sein Netzwerk ist groß, sein Telefonbuch mit Nummern von Spielern dick. Im Oktober des vergangenen Jahres teilte er dem Klub mit, dass er seinen im Sommer endenden Vertrag nicht verlängern wolle. Am Freitag führte der HSV mit ihm die entscheidende Verhandlungsrunde.

Sein Freund Bjarne Goldbaek, ehemaliger Bundesliga-Profi von Schalke 04 und dem 1. FC Köln, beglückwünschte die Hamburger zu ihrem Coup. „Der HSV hat eine starke Persönlichkeit gesucht, die haben sie mit Frank gefunden. Der HSV kann sich glücklich über den Zuschlag schätzen, denn Frank hatte einige Anfragen von Top-Klubs aus Europa“, sagte Goldbaek. Wenn Chelsea die Freigabe erteilt, will Arnesen schon in den nächsten Tagen seine Arbeit in der Hansestadt aufnehmen. Heute soll er vorgestellt werden.

Schwache Bremer

Die Diskussion um den schillernden Dänen kam am Samstag beim Nordderby ganz gelegen. Denn das Spiel selbst bot zunächst wenig Unterhaltenswertes. Der HSV konnte sich zu Beginn nicht von der Schockstarre befreien, die den Klub nach der bitteren 0:1-Heimniederlage am vergangenen Mittwoch gegen St. Pauli befallen hatte. Bei Werder wurde offensichtlich, dass der drohende Abstieg dem Team viel Sicherheit raubt. „Als Bremer kann man sich nur schämen“, sagte Kapitän Torsten Frings. Es war ein Spiel, das von vielen Fehlern und Fouls geprägt war. Mit Vorteilen für den HSV zwar. Doch es dauerte bis zur 42. Minute, ehe Erwähnenswertes zu dokumentieren war: Mladen Petric schloss eine Hereingabe von Jonathan Pitriopa volley zum 1:0 für den HSV ab. „Zweite Liga, Werder ist dabei“, sangen die Hamburger Anhänger höhnisch.

Tatsächlich sind angesichts der Bremer Vorstellungen Sorgen angebracht. Sie sind seit fünf Spielen sieglos und konnten sich wieder nicht entscheidend von den Abstiegsplätzen absetzen. Nur ein Punkt Abstand ist es bis zum Relegationsplatz 16. „Viele Spieler haben gezeigt, dass sie nicht in die Mannschaft gehören“, sagte Manager Klaus Allofs, der Trainer Thomas Schaaf öffentlich den Rücken stärkt. Warum das Team in der Bredouille steckt, wurde in der 65. Minute deutlich. Abwehrchef Per Mertesacker vertändelte leichtsinnig den Ball, Petric nutzte den Patzer und legte für Paolo Guerrero auf. Es war die Vorentscheidung, Guerrero erhöhte später noch auf 3:0 (79.), Änis Ben-Hatira auf 4:0 (88.). Der HSV konnte sich damit für die Pleite gegen St. Pauli rehabilitieren, bei Werder geht die nackte Angst um.