Vor dem Inter-Spiel

Die Abwehr ist die Achillesferse des FC Bayern

Der Sieg in Mainz konnte die Probleme der Bayern nicht verbergen. München scheint nur in der Offensive für das Champions-League-Duell mit Inter gerüstet zu sein.

Der Mann mit dem Koffer machte sich keine Freunde. In Mixedzonen der Fußball-Bundesliga ist es immer eng, wenn die Bayern da sind noch ein bisschen enger. Wie also kann sich da einer noch mit einem Metallkoffer direkt vor der Bayern-Kabine platzieren? Nun, der weitgereiste Reporter kam offenbar direkt mit Gepäck vom Frankfurter Flughafen, und sein Interesse galt am Samstagabend nur einem: seinem Landsmann Anatoli Timoschtschuk, dem Ukrainer.

Das war das nächste Ärgernis für die Journalisten in Mainz; nicht mal mithören lohnte sich, denn sie parlierten in der Landessprache. Dabei wäre es ganz interessant zu wissen, was Timoschtschuk so denkt über sein Leben als Innenverteidiger des FC Bayern München. Es ist im Grunde die Versetzung auf einen anderen Planeten für den Mittelfeldspieler, der zur Spezies der sogenannten Sechser gehört. Im Mittelfeld Bälle abfangen und verteilen, das kann er, so avancierte er zum Weltklassespieler, für den die Münchner elf Millionen Euro ausgaben.

Heute aber steckt er tief im Epizentrum der Bayern-Sorgen, denn sein Trainer Louis van Gaal stellt den Ukrainer wegen „seiner guten Spieleröffnung“ neben Holger Badstuber in die Innenverteidigung. Ein Ungelernter und ein Lernender sollen das Münchner Tor beschützen, das mit Thomas Kraft ein Anfänger hütet; Routinier Daniel van Buyten und dem hochgelobten Talent Breno bleibt nur die Zuschauerrolle.

Die Bilanz: schon 26 Gegentore, auswärts mit einer Ausnahme (0:0 beim Hamburger SV) nie zu Null. Da muss den Fans trotz des wichtigen 3:1 (1:0) am Samstagabend in Mainz vor dem Mittwochabend angst und bange werden. Dann geht es zu Inter Mailand, zum Hinspiel im Achtelfinale der Champions League.

Aber es gibt auch neue Zuversicht dank des Offensivspektakels, in Mainz wurden allein 14 Chancen herausgespielt. „Natürlich war das der perfekte Aufgalopp. Nach vorn sah es ganz gut aus. Aber gegen Inter darf die Hintermannschaft nicht so viele Chancen zulassen wie in Mainz“, sagte WM-Torschützenkönig Thomas Müller.

Inter kann kommen, aber bitte ohne Sturm – das ist das Fazit nach der Generalprobe vor den Wochen der Wahrheit für den FC Bayern, in denen auch nationale Aufgaben anstehen: Der zumindest am Samstag eroberte Champions-League-Platz zwei muss gesichert werden, mehr ist nicht drin angesichts des Rückstandes auf Primus Dortmund. Im DFB-Pokal wartet Schalke im Halbfinale am 2. März. Höchste Zeit, die Saison zu retten. Doch kommen die Bayern endlich in Form und haben sie endlich eine Formation? Wer in das Gesicht von Präsident Uli Hoeneß sah, der nach dem Spiel sämtlichen Unparteiischen und Mainzer Betreuern die Hand reichte, sah Zufriedenheit. Klar, er hatte auswärts schon Schlimmeres gesehen diese Saison.

Die jüngsten Ergebnisse schenken den Bayern-Oberen Mut, schon das 4:0 in der Vorwoche gegen Hoffenheim machte Spaß. Und wer nur wegen der Unterhaltung zu Bayern-Spielen geht, wird in diesen Tagen nicht enttäuscht. Die Zuschauer sahen in Mainz ein hochklassiges Spiel ohne Durchhänger, auch weil die Tempodribbler Franck Ribery und Arjen Robben endlich mal beschwerdefrei sind, von einer maladen Fingersehne (Robben) mal abgesehen.

„Robbery“ bereitete Bastian Schweinsteigers erstes Kopfballtor im 239. Bundesligaspiel vor (9.), Robben zauberte den Ball vor dem 0:2 per Rückzieher vor die Füße von Thomas Müller (50.), und Ribery hatte vor Mario Gomez brillantem 0:3 die Füße mit im Spiel (77.). Gomez, der sein 18. Saisontor erzielte, adelte Ribery und Robben als „mit die Besten, die es im Fußball gibt“.

Solange sie vorn mehr Tore schießen als hinten fallen, wäre ja alles gut. Zumal in Toni Kroos, gegen Mainz Joker, der nächste Angeschlagene zurückgekehrt ist. Aber auch Louis van Gaal übersieht die Probleme nicht, beklagte neben der schlechten Chancenverwertung die „vielen Ballverluste im letzten Viertel“ des Spiels. Einen fabrizierte Nationalspieler Badstuber, der neben sich stand und einen „Serbien-Tag“ erwischte. Bei der WM 2010 war er ganz aus der Elf genommen worden, Louis van Gaal wechselte ihn nur wegen Feldverweisgefahr aus.

„Badstuber ist mein Stammspieler“ war er nachsichtig mit dem jungen Mann, dessen Fehler Torwart Krafts Verletzung heraufbeschwor. Der musste gegen Sliskovic Kopf und Kragen riskieren, erlitt eine leichte Schädelprellung und „war von der Welt verschwunden“, wie van Gaal die vorübergehende Orientierungslosigkeit bezeichnete. Der im Januar zurückgestufte Routinier Jörg Butt musste die zweite Hälfte absolvieren, aber für Mailand setzt van Gaal wieder auf Kraft: „Er ist unsere Nummer eins“.

Mal sehen, ob er bis dahin auch einen Platz für Luiz Gustavo gefunden hat. Der begann als Linksverteidiger, was er nicht will, tauschte dann mit Danijel Pranjic und wurde zum Sechser, was er am besten kann, und schließlich löste er Timoschtschuk im Abwehrzentrum ab, wo auch er nichts verloren hat. Van Gaal wollte „sehen, ob Gustavo das kann – und er kann das“. Noch immer ist der Niederländer auf der Suche nach der besten Verteidigung. 13 verschiedene Abwehrketten bot van Gaal diese Saison auf, in Mainz waren es gleich drei. Timoschtschuk hatte seinem Landsmann wahrlich viel zu erklären.