Nächstes Derby

Der Hamburger SV ist ein gelähmter Riese

Weil sich die Verantwortlichen des HSV um wichtige Entscheidungen drücken, ist der Klub, der am Samstag gegen Werder spielt, quasi handlungsunfähig.

Eigentlich hat der Hamburger Sportverein großes Glück. Was wäre wohl passiert, wenn der neue Rollrasen im Stadion schon vor anderthalb Wochen bespielbar gewesen wäre? Dann hätte das Derby gegen St. Pauli wie geplant stattgefunden – und anschließend wäre eine Woche Zeit gewesen, aus allen Winkeln auf den strauchelnden Traditionsverein einzuprügeln. Anschließend hätte ein Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg auch nur begrenzten Spielraum für Wiedergutmachung geboten. So aber kommt drei Tage nach dem HSV-GAU ein Gegner in die Arena im Hamburger Volkspark, der dort ähnlich unbeliebt ist wie der Stadtrivale.

Werder Bremen ruinierte sich seinen Ruf an der Elbe endgültig vor zwei Jahren, als die Hamburger erst im Halbfinale des DFB-Pokals am grün-weißen Kontrahenten scheiterten und anschließend auch in der Vorschlussrunde des Uefa-Cups unterlagen. Nun bietet sich dem HSV die Chance, die Fans ein bisschen für die historische Niederlage gegen St. Pauli zu entschädigen – der ersten seit 1977. Der Fanbeauftragte Mike Lorenz erklärte gestern, dass wohl viele Fanklubs das Bremen-Spiel geschlossen boykottieren werden. Es sollen auch schon Hunderte bereits verkaufter Karten für das nächste Spiel in Kaiserslautern wieder zurückgegeben worden sein. Lorenz sagte, er wisse nicht, ob das Team überhaupt Unterstützung erfahre. An eine ähnlich miese Stimmung innerhalb des Fanlagers könne er sich nicht erinnern.

„Wir haben die Chance, ein kleines Pflaster auf eine große Wunde zu kleben“, sagte HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann zur Bedeutung des Spiels am Samstag (15.30 Uhr, Sky). Was er nicht sagt: Es gibt derzeit kein ausreichend großes Pflaster, um ein anderes Manko zu verdecken: Der HSV ist nur noch ein gelähmter Gigant. Und das hat nichts mit dem 0:1 gegen St. Pauli zu tun.

Es ist eine hausgemachte Handlungsunfähigkeit, die vom höchsten Gremium bis zur Mannschaft durchschlägt. Am Jahresende läuft der Vertrag von Hoffmann aus. Er ist seit 2003 die zentrale Figur des Klubs und wäre aktuell mehr denn je gefragt, als Architekt einer schlagkräftigen Mannschaft, die es in Zukunft besser macht als die der Gegenwart. Bis zum Sommer sind wegweisende Entscheidungen zu treffen. Doch wer soll das tun?

Der Ruf des Vorstandsvorsitzenden hat arg gelitten: Sieben Trainer dienten unter ihm, zuletzt versagte der Verein bei der Suche nach einem Sportdirektor. Sein auslaufender Vertrag macht Hoffmann endgültig zur „lame duck“, zur lahmen Ente. Dieser Status wäre leicht zu beheben, und zwar vom Aufsichtsrat, der dem Vorstand übergeordnet ist. Doch der ist nicht weniger lahm.

Seit Anfang Januar vier der zwölf Posten des Gremiums neu besetzt wurden, trafen sich die Kontrolleure genau ein Mal. Im Anschluss an ihre konstituierende Sitzung am 18. Januar wurde jene unheilvolle Pressekonferenz gegeben, in der das Interesse an DFB-Sportdirektor Matthias Sammer bekundet wurde. Der sagte anschließend wegen dieser Indiskretion ab. Seitdem ist der Aufsichtsrat nicht mehr zusammengetreten. Eigentlich sollte die Vertragsverlängerung bei der nächsten turnusmäßigen Sitzung des Gremiums im März Thema sein. Doch dem ist offenbar nicht mehr so: Man habe keine Eile damit, lässt der Vorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff wissen.

Das könnte eine fatale Fehlentscheidung sein. Denn die Verschleppung der zentralen Frage, die Einfluss auf alle weiteren Entscheidungen hat, ist zu wichtig für taktische Spielchen. 15 Spielerverträge laufen bis 2012 aus, acht davon in diesem Sommer. Außerdem kommen zehn verliehene Spieler zurück. All das erfordert schnelles Handeln. „Es wird viele Veränderungen geben, die Mannschaft wird ein anderes Gesicht bekommen“, hat Sportdirektor Bastian Reinhardt bereits angekündigt.

Er allerdings wird dem Team keinesfalls den neuen Anstrich verpassen. Nicht erst seit der Sammer-Posse ist der ehemalige HSV-Profi Reinhardt, der einst von seiner Praktikumsstelle in der Presseabteilung direkt zum Sportlichen Leiter berufen wurde, das schwächste Glied der Vereinshierarchie. Der HSV hat mittlerweile derart häufig nach einem Ersatz für ihn gesucht, dass alle warmen Worte nicht übertünchen können, dass er vermutlich nicht einmal neues Briefpapier ohne Hoffmanns Okay bestellen darf. Außerdem gehen ihm gegenüber potenziellen Zugängen oder bei angepeilten Vertragsverlängerungen die Argumente aus. Wer will schon zu einem Klub kommen (oder dort bleiben), bei dem nicht sicher ist, wer ihn in Zukunft führen wird? Und bei dem der Trainer einen Vertrag hat, der beidseitig zum 31. Mai kündbar ist?

Auf diesem Nährboden entstehen Gerüchte. Eines besagt, dass Felix Magath, noch in Diensten von Schalke 04, in Hamburg die Positionen von Veh und Reinhardt auf sich vereinen wird. Hoffmann könnte in diesem Fall bleiben und sich auf seine Wirtschaftskompetenz konzentrieren. Andere Quellen raunen den Namen Dietmar Beiersdorfer, der 2009 im Streit mit Hoffmann aus dem HSV schied und seitdem die fußballerischen Aktivitäten des Red-Bull-Konzerns leitet. Das würde allerdings nur funktionieren, wenn sein alter Widersacher den Verein verließe. Das Problem: Auch diese Personalien bräuchten jemanden, der darüber entscheidet. Und so jemand ist in Hamburg (derzeit) nicht in Sicht...