Europa League

Beim VfB Stuttgart liegen die Nerven blank

Die Lage in Stuttgart spitzt sich zu: Der Trainer sortiert einen Spieler aus, die Profis beleidigen sich und die Opposition kritisiert die Führung.

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Wenn die Spieler des VfB Stuttgart am Donnerstag in das Stadion von Benfica Lissabon einlaufen, betreten sie gewohntes Terrain. Nicht, weil sie ständig gegen die Portugiesen spielen müssen. Im Gegenteil: Das war erst einmal der Fall, in der Saison 2004/2005 – und damals war es ein Heimspiel. Aber in den vergangenen neun Jahren war der VfB achtmal in europäischen Wettbewerben vertreten. Da können sich die Stuttgarter schon heimisch fühlen in Europa.

Doch vermutlich ist für die Schwaben an der Zeit, langsam „Ade“ zu sagen. Die Runde der letzten 32 Mannschaften der Europa League könnte für längere Zeit die letzte internationale Vorstellung des VfB Stuttgarts sein, der in der Bundesliga dem Abstieg entgegen taumelt. Denn in den vergangenen Tagen hat eine verhängnisvolle Entwicklung eingesetzt, die nichts Gutes für das Spiel in Lissabon (19.00 Uhr, Sky und Sat.1) hoffen lässt.

Natürlich, es ging schon länger drunter und drüber beim Deutschen Meister von 2007: zwei wirkungslose Trainerwechsel in dieser Saison, eine wirre Transferpolitik, desolate Auftritte einer Mannschaft ohne Führungsspieler. Dazu kam zunehmend der Zoff mit den eigenen Fans. Doch seit dem peinlichen 1:4 zu Hause gegen den 1. FC Nürnberg am Wochenende hat sich die Lage dramatisch verschlimmert.

Vor der Abreise nach Portugal entfernte Trainer Bruno Labbadia seinen Mittelstürmer Ciprian Marica aus dem Aufgebot. Der teuerste Spieler der Vereinsgeschichte (acht Millionen Euro) darf nicht mehr mittrainieren und wird wohl auch nie mehr ein Spiel für den VfB bestreiten. Er hatte sich mit kritischen Interviews in seiner Heimat Rumänien den Zorn der Klubverantwortlichen zugezogen. Er sagte unter anderem: „Ich bereue es, dass ich die Dummheit gemacht habe, einen Fünfjahresvertrag zu unterschreiben.“ Oder: „Ich fahre ohne Leidenschaft zum Training.“ Entsprechend lasch war seine Einstellung.

Am Montag bestellten Labbadia und Manager Fredi Bobic den Angreifer zum Rapport. Nach der Aussprache sagte Bobic: „Wir hatten nicht das Gefühl, dass er uns entgegenkommen würde.“ Und Labbadia ergänzte: „Er hat kein Bekenntnis zur Mannschaft geäußert. Er hat Dinge gesagt, die nicht akzeptabel sind.“ Damit stand fest: Marica ist als Störfaktor in der Mannschaft nicht mehr tragbar.

Doch ein Unglück kommt bekanntlich selten allein, oder um es mit dem früheren Nationalspieler Andreas Brehme zu sagen: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ Kaum war Marica suspendiert, stürzte Sturmkollege Pawel Pogrebnjak im Training und brach sich eine Rippe. Plötzlich hat der VfB ein echtes Offensivproblem. Denn Shinji Okazaki, der einzige Wintereinkauf, kann auch nicht spielen. Sein bisheriger Verein in Japan, Shimizu S-Pulse, verweigert die Freigabe.

In Lissabon muss nun Sven Schipplock, ein Mann der zweiten Mannschaft, wieder ran. Denn Cacau ist immer noch angeschlagen und steht wohl nur für einen Teileinsatz zur Verfügung. Fünf weitere VfB-Profis sind davon weit entfernt: Timo Gebhart, Christian Gentner, Arthur Boka, Mamadou Bah und Johan Audel kurieren ihre Bänderrisse aus. Und als ob das nicht langen würde, gingen sich die Profis auch noch selbst an die Gurgel. Im Training soll Torwart Sven Ulreich seinen Mitspieler Philipp Degen einen „verdammten Scheiß-Schweizer“ genannt haben, wofür er sich vor versammeltem Team entschuldigen musste.

„Unter diesen Umständen würde ich es für besser halten, das Spiel in Lissabon abzuschenken, um sich am Sonntag mit voller Kraft der Partie in Leverkusen widmen zu können. Die Europa League ist in diesem Falle eher störend“, sagt Hansi Müller, Stuttgarts ehemaliger Spieler. Manager Bobic widerspricht: „Wir machen keinen Betriebsausflug nach Portugal. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber dem Verein. Vielleicht können wir aus einem positiven Ergebnis neues Selbstvertrauen schöpfen.“

Das ist jedoch zu bezweifeln, denn im Verein gärt es. Nach einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ soll Präsident Erwin Staudt amtsmüde sein. Stattdessen stehe Hansi Müller gemeinsam mit dem ehemaligen VfB-Vize Achim Egner bei der Mitgliederversammlung im Sommer oder Herbst als neue Doppelspitze zur Verfügung, wird weiter berichtet.

Doch Hansi Müller dementierte im Gespräch mit der „Welt“: „Ich stehe definitiv nicht zur Verfügung. Ich habe so viel Privates an der Backe, angefangen vom Hausbau bis zur Familie, dass ich keine Ambitionen habe, dieses Amt zu übernehmen. Das weiß auch der VfB.“

Von der Notwendigkeit eines Neuanfangs ist allerdings auch Thomas Berthold überzeugt. Der Weltmeister von 1990 sagt: „Der Verein wird jetzt von der Vergangenheit eingeholt. Es fehlt im Vorstand an Fußballkompetenz. Da können sie bei Dieter Hundt (der Aufsichtsratsvorsitzende – d.R.) anfangen und bei Erwin Staudt aufhören. Die Zeit ist reif für eine komplette Neuaufstellung.“ Die VfB-Führung versucht nun, den Termin der Mitgliederversammlung möglichst spät zu legen in der Hoffnung, dass sich bis dahin alles noch zum Guten wendet. Krisenbewältigung auf Schwäbisch.