Bei Bayer nur Ersatz

Jupp Heynckes demütigt Ballack vor Löws Augen

Bei Leverkusens souveränem Sieg in Frankfurt sitzt Michael Ballack 90 Minuten auf der Bank. Und nun bremsen neue Knieprobleme den 34-Jährigen.

Sie hatten gewonnen und nach Auffassung ihres Trainers die beste erste Hälfte der Saison gespielt. Sie hatten drei Tore erzielt, von denen das letzte – der Lupfer von Hanno Balitsch – auch noch eine Augenweide war. Dennoch standen nach dem Abpfiff nicht Bayer Leverkusens Profis im Fokus, die für den Sieg bei Eintracht Frankfurt (3:0) verantwortlich waren. Der Blick richtete sich auf einen ihrer Kollegen, dem binnen vier Tagen zum zweiten Mal vor Augen gehalten worden war, dass es ohne ihn nicht nur gut läuft – sondern nach Meinung einiger Kritiker auch besser.

90 Minuten hatte Michael Ballack (34) in Frankfurt mit ansehen müssen, wie sich sein Team den Frust nach dem 0:1 in Nürnberg von der Seele spielte. Dabei setzte es teils spielerische Glanzlichter, die wie Ohrfeigen für einen Spieler gewirkt haben müssen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als noch einmal zurück auf das Niveau zu kommen, das ihn über Jahre hinweg zum Aushängeschild des deutschen Fußballs gemacht hat.

Es wird ein harter Weg, auf dem Ballack nichts erspart bleibt: Am Sonntag konnte der Mittelfeldspieler, der im Mai 2010 einen Syndesmoseriss im rechten Sprunggelenk und im August 2010 einen Bruch des Schienbeinköpfchens erlitten hatte, aufgrund einer Knieverletzung nicht trainieren. Die Diagnose einer Kernspin-Untersuchung steht noch aus.

Doch selbst wenn Ballack rasch gesunden sollte, ändert es nichts an der Tatsache, dass ein Verzicht auf seine Dienste faktisch nicht mehr ins Gewicht fällt. Denn den Status des Unantastbaren hat er verloren. Einen Platz, der nur für ihn reserviert ist und sofort geräumt werden muss, wenn er sich fit meldet, gibt es nicht mehr. Nicht in Leverkusen und schon gar nicht mehr in der deutschen Nationalmannschaft, die erst am vergangenen Mittwoch gegen Italien (1:1) wieder einmal gezeigt hatte, dass sie ohne den „Capitano“ bestehen kann.

Ballack mochte seine Degradierung zum Ersatzspieler, die auch noch ausgerechnet vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw geschah, nicht kommentieren. Das übernahmen andere. „Ich habe die Gewohnheit, Spieler nach längeren Verletzungspausen behutsam und sorgfältig an die Mannschaft heranzuführen. Das werde ich auch mit Ballack tun“, sagte Bayer-Trainer Jupp Heynckes. Bei diesem Prozess werde er sich von niemandem „drängen oder beeinflussen“ lassen, „auch nicht von der Öffentlichkeit. Ich habe genug Erfahrung gesammelt in meiner Laufbahn und weiß, was ich zu tun habe“, sagte Heynckes. Auch wenn er sich der Brisanz des Themas natürlich bewusst ist: „Natürlich ist Michael kein Spieler wie jeder andere, da ist das Echo eben umso heftiger. Ich habe schon in den vergangenen Wochen erlebt, wenn der Michael im Spiel ist, hat das eine andere Dimension.“

Dass er nun nach drei Einsätzen in Folge nicht gut genug für die Startelf war, dürfte die Diskussionen um seine sportliche Zukunft verstärken. Anfang März will sich der Bundestrainer mit ihm in Leverkusen treffen. Die Zeichen der Zeit deuten darauf hin, dass Joachim Löw ihm wohl mitteilen wird, dass er unter ihm und im Hinblick auf den Fußball, den Löw spielen lassen möchte, in der Auswahl keine Zukunft mehr hat. Es sei denn, Ballack gelingt es noch einmal, derart für Nachhalt zu sorgen, dass kein Weg an ihm vorbeiführt. Wenn nicht, sei ihm zumindest ein Abschied in Würde gegönnt. Denn den hat sich Ballack, der den deutschen Fußball jahrelang exzellent präsentiert hat, als gute Talente noch nicht einmal mit dem Fernglas zu erspähen waren, wahrlich verdient.