VfL Wolfsburg

Diegos Revolte bringt Trainer McClaren in Not

Der Brasilianer trat zum Elfmeter an, obwohl er nicht durfte. Weil er verschoss und sein Team verlor, muss sein Trainer um den Job bangen.

Der Torjubel sollte die entglittene Situation noch retten. Aber der Elfmeter, den Diego mit voller Wucht an die Unterkante der Latte getreten hatte, sprang vor die Torlinie und von dort zurück ins Spielfeld. Der Fehlschuss besiegelte das Dilemma des VfL Wolfsburg, das beängstigende Formen annimmt. 0:1 (0:1) bei Hannover 96 verloren, nur noch einen Punkt Abstand zu den Abstiegsrängen – der Hohn und Spott, mit dem die teure Wolfsburger Mannschaft in den Stadien der Fußball-Bundesliga regelmäßig bedacht wird, traf vor allem Diego. „Ich wollte Verantwortung übernehmen“, sagte der Brasilianer nach einem Elfmeter, den er gar nicht hätte schießen dürfen.

Es war vor allem Trainer Steve McClaren, der Diegos Frechheit nach einer weiteren Pleite des VfL Wolfsburg wie einen schlimmen Film noch einmal in Zeitlupe vor sich ablaufen ließ. Nach einem Foul von Emanuel Pogatetz an Diego war allen klar: Sollte Grafite bereits ausgewechselt sein, darf Zugang Patrick Helmes als Elfmeterschütze ran. „Ich habe mich umgedreht und sehe Diego den Ball nehmen. Unglaublich. Ich bin enttäuscht und wütend, aber ich werde nicht überreagieren“, sagte der schäumende McClaren zu jener Posse, in der es der VfL dank Diego versäumte, den 0:1-Rückstand durch das frühe Gegentor von Sergio Pinto (4. Minute) noch auszugleichen. „Jedes Fehlverhalten hat Konsequenzen“, kündigte McClaren am Sonntag an. Was das genau sein wird, ließ er offen.

Was aber war der Grund für Diegos eigenmächtigen Schritt? Vielleicht lag es an Helmes. Er gehört erst seit ein paar Tagen zum Kader. Dass nun ein Einwechselspieler zugleich zum Elfmeterschützen bestimmt wurde, ist eine merkwürdige Vorgehensweise. Ähnliches muss sich wohl auch Diego bei seiner Revolte am Elfmeterpunkt gedacht haben. Nun sind jedoch die Punkte durch seinen Egoismus weg. Ob eine Geldstrafe für einen Brasilianer fällig wird, der einen britischen Trainer düpiert hat, soll teamintern geklärt werden.

Zu den offenen Fragen, mit denen die Wolfsburger von ihrer Pleite im Niedersachsen-Derby zurückgekehrt sind, gehört wieder einmal, wie es um die Zukunft von von McClaren beim VfL Wolfsburg bestellt ist. Wer in der Winte-Transferperiode mit sechs neuen Profis beschenkt wird, darf sich nur noch ganz wenig Ausrutscher erlauben. Dieter Hoeneß, als Vorsitzender der Wolfsburger Geschäftsführung ein ehrgeiziger Vorgesetzter, tadelte den Streit um den Elfmeter zwar als Verhalten "einer Kindergarten-Truppe". Er deutete aber auch an, dass er das Spielsystem seines Trainers nicht versteht . Der formschwache Grafite war erneut als einzige Spitze aufgeboten worden und angesichts eines dürftigen Spielaufbaus viel zu sehr auf sich allein gestellt. Mit der Einwechslung von Helmes, neben Jan Polak und Tuncay Sanli der dritte aufgestellte Zugang, kam ein Hauch von Schwung in die Partie. „Aber es gibt einem zu denken, dass wir Spiele verlieren, die wir nicht verlieren müssen“, sagte Hoeneß. Es klang sehr ernüchtert.

McClaren muss sich nun sorgen, ob ihm noch zugetraut wird, Problemfälle wie Diego und eine frei von Homogenität auftretende Mannschaft zu einem funktionierenden Kollektiv zu formen. Eine Handschrift des Trainers ist nicht zu erkennen, ein cleveres Spielsystem auch nicht. Weil sich Hoeneß mittlerweile nicht nur um die langfristigen Strukturen, sondern auch um den kurzfristigen Erfolg kümmern muss, wächst seine Ungeduld. Es macht keinen Sinn, ihn mit pikanten Gerüchten zu konfrontieren, denen zu Folge er sich bereits mit dem Anfang Januar beim Ligakonkurrenten 1899 Hoffenheim geschassten Ralf Rangnick getroffen habe und ihn vom Sommer an in Wolfsburg mit einem Neuaufbau beauftragen möchte. „Ich beteilige mich nicht an Spekulationen oder an einer Trainer-Diskussion. Ich denke nach“, sagte Hoeneß mit seiner ihm eigenen und sehr bestimmten Art.