McClaren-Nachfolger

Littbarski soll Wolfsburg vor dem Abstieg retten

| Lesedauer: 4 Minuten
Frank Schacht

Foto: picture-alliance / PictureSmile. / picture-alliance / PictureSmile./PictureSmile.de

Dass der Pierre Littbarski beim VfL Wolfsburg der Nachfolger für den entlassenen Trainer Steve McClaren wird, dürfte selbst so manchen Profi erstaunen.

Mit einem Machtwort des Geldgebers ging die unschöne Geschichte kurz- und schmerzlos zu Ende. „Wir haben leider keine Alternative mehr gesehen“, sagte Francisco Javier Garcia Sanz. Als Chef des Aufsichtsrates der VfL Wolfsburg Fußball GmbH kommt der sonst eher unsichtbare Mann immer dann ins Spiel, wenn es die großen Dinge zu verkünden gibt. Die Entlassung von Steve McClaren, dem erfolglosen Wolfsburger Cheftrainer, ist ein solch großes Ding. Denn der Brite, erst im Sommer 2010 nach Wolfsburg geholt, ist erschreckend schnell gescheitert und hinterlässt einen sportlichen Scherbenhaufen, den ausgerechnet sein bisheriger Assistent Pierre Littbarski zusammenkehren soll.

Der Tag der Entlassung war ein trainingsfreier Tag für eine Mannschaft, die ihren Trainer zuletzt im Stich gelassen hatte. Obwohl die Wolfsburger gerade erst panikartig auf ihre Krise reagiert und sich für rund 15 Millionen Euro sechs neue Spieler geleistet haben, wollte kein neuer Hoffnungsschimmer in Sicht kommen. Bei der jüngsten 0:1-Niederlage im Niedersachsen-Derby gegen Hannover 96 waren vier der Zugänge zum Einsatz gekommen. Aber die vermeintliche Verstärkung, die zunächst für weitere Verunsicherung gesorgt hat, konnte McClaren nicht mehr retten. Ein Telefonanruf von Dieter Hoeneß, dem Vorsitzenden der Wolfsburger Geschäftsführung, beendete am Nachmittag ein Beschäftigungsverhältnis, das eigentlich bis zum Sommer 2012 und auf das Erreichen des internationalen Fußballs angelegt war. „Leider ist uns der Glaube an den Erfolg abhanden gekommen“, sagte Hoeneß zum Scheitern des von ihm geholten Trainers.

Wenn Littbarski am Dienstag in seiner neuen Rolle versucht, eine erstaunliche teure Mannschaft auf Distanz zu den Abstiegsrängen zu halten, beginnt in Wolfsburg ein überaus spannender Teil der Saison. Hoeneß hofft, dass der langjährige Stürmer des 1. FC Köln als Trainer einen zweiten Karriereschub erfährt, der ihm bei seinen bisherigen Stationen im Ausland allerdings verwehrt geblieben ist. „Pierre Littbarski hat uns überzeugt, dass er die in unserer Situation notwendigen Maßnahmen einleiten wird“, sagte Hoeneß über eine Personalie, über die selbst so mancher Spieler staunen dürfte. Bisher ist „Litti“, wie der Mann mit den krummen Beinen und der liebenswerten Art gerufen wird, eher als eine Mixtur aus Übersetzer und Gute-Laune-Onkel neben McClaren in Erscheinung getreten. Ab Dienstag soll er erst einmal bis Saisonende in einem Team möglichst hart durchgreifen, das einfach nicht zu einer Mannschaft zusammenwachsen will. Und er übernimmt mit den jüngsten Neuverpflichtungen wie dem Türken Tuncay Sanli gestandene Profis, die nicht er, sondern eben vor einem paar Tagen noch McClaren unbedingt beim VfL haben wollte.

Die Suche nach den Fehlern in Wolfsburg beginnt und endet stets auf dem Platz und der Trainerbank. Im vergangenen Jahr war Armin Veh dafür verantwortlich gemacht worden, dass die Mannschaft nach ihrem überraschenden Titelgewinn 2009 nicht zurück in einen erfolgreichen Ligaalltag fand. Jetzt wird McClaren, der keine klare Linie bei seiner Arbeit erkennen ließ, für das sportliche Durcheinander zur Verantwortung gezogen. Wenn die Geldgeber des Volkswagen-Konzerns bald aber die Abfindung für McClaren abzeichnen, muss die Durchschrift des dazugehörigen Schriftstücks vor allem auf dem Schreibtisch von Hoeneß landen. Als Manager thront der Routinier über den Dingen, ohne bisher mit überzeugenden Maßnahmen geglänzt zu haben. Mit einem Donnerwetter zum Ende der erfolglosen Hinrunde hatte der VfL-Boss ein Zeichen setzen wollen.

Tatsächlich bescheinigte Hoeneß, der während der Winterpause ausgerechnet den überragenden Torjäger Edin Dzeko an Manchester City verkaufte, einer ohnehin schon verunsicherten Mannschaft öffentlich, dass sie keine Zukunft besitzt. Littbarski muss jetzt schnellstens dafür sorgen, dass ein Hauch von Hierarchie in einem gerade erst runderneuerten Team einkehrt und selbst solch illustre Profis wie der Brasilianer Diego das Wort Abstiegskampf auch wirklich buchstabieren können. Der Spielmacher hatte den Niedergang von McClaren beschleunigt, indem er dessen Anweisungen missachtete und einen Elfmeter in der Partie bei Hannover 96 ausführte, obwohl Patrick Helmes dafür bestimmt war. Der arme Kosmopolit Littbarski muss von Dienstag an dem reichen Egozentriker Diego klar machen, dass jetzt endgültig Schluss mit lustig ist.