Kolumne "Nachspielzeit"

Der Engländer und seine Wolfsburger Elfmetertrottel

Was vom 21. Spieltag übrig bleibt: Unter McClaren gerät der Ex-Meister in Abstiegsnot, auch weil seine Stars diese Saison keine Elfmeter verwandeln.

Er hatte gar keinen Regenschirm dabei. Aber nach der 0:1-Pleite des VfL Wolfsburg im Niedersachsen-Derby gegen Hannover 96 kam einem wieder in den Sinn, wie einst die britische Boulevardpresse Steve McClaren verhöhnt hatte.

Als „the wally with the brolly“ (Der Trottel mit dem Schirm) wurde Englands damaliger Nationaltrainer europaweit bekannt, weil McClaren bei strömendem Regen im Wembleystadion unter einem gewaltigen Regenschirm Schutz suchte, während seine Elf durch ein 2:3 gegen Kroatien die Teilnahme an der EM 2008 verpasste und er dadurch seinen Job verlor.

Damals (Scott Carson) wie heute (Diego Benaglio) leitete ein schwerer Torwartfehler die Niederlage für das McClaren-Team ein. Obwohl der aus weiter Ferne geschossene Ball, der Wolfsburgs Schlussmann in Hannover durchrutschte, zum Tor des Tages führte, musste sich aber nicht Benaglio als Tor des Tages verspotten lassen, sondern Spielmacher Diego – der, by the way, auch seinen Vorgesetzten McClaren bloßstellte.

In der 80. Minute trat der zuvor gefoulte Brasilianer gegen die ausdrückliche Anweisung des Trainers zum Strafstoß an und verschoss. Den von McClaren zum Schützen bestimmten Neuzugang Patrick Helmes hatte Diego vom Elfmeterpunkt fortgedrängt. „Ich fühle mich überrumpelt, bin wütend und enttäuscht“, schimpfte der 49-jährige McClaren mit hochrotem Kopf, der sich langsam als „der Trottel mit den Elfmetertrotteln“ fühlen muss.

Binnen zwei Monaten war Diego nach Edin Dzeko (0:0 gegen Werder Bremen) und Grafite (1:1 gegen Bayern München) der dritte Wolfsburger, der einen Strafstoß vergab. Dzeko hatte Anfang Dezember übrigens Diego den Ball weggenommen und dann bei seiner Auswechslung dem Trainer den Handschlag verweigert.

Lastet seit dem Amtsantritt des Engländers McClaren ein Elfmeterfluch auf dem VW-Klub, der in dieser Spielzeit noch ohne Treffer vom ominösen Punkt ist?

Die Strafstoßmisere der englischen Nationalelf ist berüchtigt. In jedem Elfmeterschießen bei EM oder WM schieden die „Three Lions“ aus: Gegen Deutschland (WM-Halbfinale 1990, EM-Halbfinale 1996), Argentinien (WM-Achtelfinale 1998) und Portugal (EM-Viertelfinale 2004, WM-Viertelfinale 2006). 2004 und 2006 hatte McClaren als Assistent von Sven-Göran Eriksson das Leid hautnah miterlebt.

Dem VfL Wolfsburg sind durch die verschossenen Strafstöße fünf Punkte durch die Lappen gegangen. Jetzt verfügt den Meister von 2009 nur noch über einen einzigen Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz 16, und Mister McClaren muss wieder um seinen Arbeitsplatz bangen.

Doch die Erinnerung an den Regenschirm gibt dem Engländer Halt für alle Ewigkeiten: „Mit England habe ich das ultimative Versagen erlebt. Jetzt fürchte ich nichts mehr“, sagte er vor einem Jahr und machte Twente Enschede sensationell zum Meister der Niederlande.