Wolfsburg gegen HSV

Diego und van Nistelrooy – Die Stars werden zur Last

| Lesedauer: 7 Minuten
Frank Schacht und Lars Gartenschläger

Foto: pa/Steffen/dpa

Warum der VfL Wolfsburg und der Hamburger SV ihre Probleme mit Diego und Ruud van Nistelrooy kaum lösen können.

Sein hartes Durchgreifen hat auch eine ziemliche weiche Komponente. Die Suspendierung Diegos, mit der Pierre Littbarski in sein neues Amt als Cheftrainer des VfL Wolfsburg gestartet ist, bleibt ein Denkzettel für den Moment. „Ich werde einen unserer besten Spieler nicht auf Dauer aus dem Team nehmen“, sagt der Trainer über einen Spielgestalter, den er zumindest in der Heimpartie am Samstag gegen den Hamburger SV zum Tribünengast degradiert. Ein verschossener Elfmeter in der verlorenen gegangenen Partie bei Hannover 96, den Diego gar nicht hätte ausführen dürfen, war das vorerst letzte Fehlverhalten des Brasilianers – das hofft zumindest sein neuer Trainer.

Die Krise des VfL Wolfsburg in der Fußball-Bundesliga setzen viele Beobachter des Vereins mit der Leistung Diegos gleich, der bisher mehr Provokantes als Geniales zu bieten hatte. Und wie es der Zufall will, empfangen die Niedersachen heute eine Mannschaft, die in ihren Reihen ebenfalls einen Profi hat, der dieser Tage vor allem verbal und weniger spielerisch etwas zu bieten hat. Mit dem Unterschied, dass Ruud van Nistelrooy, der die HSV-Verantwortlichen auch in dieser Woche wieder auf Trab hielt, auf dem Platz im Vergleich zu Diego noch mit etwas mehr Nachhalt agiert. Dennoch: die Vereine eint, dass sie prominente Spieler beschäftigen, die als Hoffnungsträger geholt wurden, inzwischen aber eher Last denn Freude sind.

Auf der Tribüne muss Diego also am Samstag sitzen. Er, der kürzlich zum ersten Mal Vater geworden ist. Bei der Arbeit tritt der von Juventus Turin geholte Diego aber selten wie ein Vorbild auf. Von einem Zugang wie ihm darf erwartet werden, dass er die Mannschaft in schlechten Phasen führt und zusammenhält. Aber „Ego-Diego“, wie ihn die Lokalpresse mittlerweile verspottet, hat sich in Debatten mit Schiedsrichtern und Gegenspielern aufgerieben. Seine eigenen Vorlieben, zum Beispiel das lange Dribbeln mit dem Ball, stellt er während des Spiels über die Erfordernisse des geplanten Systems. Dass sich der Großverdiener gerade ein Luxusauto der Marke Bentley bestellt hat, passt in das Bild von einem Profi, der sich Extravaganzen genehmigt.

Seine Revolte am Elfmeterpunkt, die auch zum Scheitern von VfL-Trainer Steve McClaren beigetragen hat, kostete viele Sympathiepunkte im eigenen Team. „Ich habe lange mit Diego gesprochen. Und eine Sache wie die mit dem Elfmeter wird nicht wieder vorkommen. Dafür kann ich garantieren“, sagt Marcel Schäfer, Wolfsburgs Kapitän.

In der Frage, wie wichtig ein Eigenbrötler wie Diego für den VfL Wolfsburg noch sein kann, hat sich Littbarski festgelegt. Er findet nicht, dass der Brasilianer sich wie eine Diva aufführt, sondern im Training durchaus an sich arbeitet. Wer genau hinsieht, wird aber feststellen, dass sich Diego bei der täglichen Arbeit den Fans und Mitspielern gegenüber eher distanziert gibt und gern sein eigenes Ding macht. Die Wut über seinen Ungehorsam hat zuletzt dafür gesorgt, dass das Grundgehalt des Brasilianers öffentlich wurde. Der gescheiterte McClaren wollte Diego mit einer Strafe von einem Wochenlohn, also 100?000 Euro belegen. Littbarski hat auf diese drakonische Strafe nach Rücksprache mit VfL-Manager Dieter Hoeneß verzichtet – wohl auch mit Rücksicht auf die Empfindlichkeiten seines Stars. „Ich wollte Verantwortung übernehmen“, hat Diego nach seinem eigenmächtig ausgeführten Elfmeter in Hannover gesagt, für den Stürmer Patrick Helmes vom Trainer eingeteilt war.

Verantwortung soll und will auch Ruud van Nistelrooy heute in Wolfsburg übernehmen. Wenn auch der Glaube an das Vorhaben schwerfällt. Denn als hätten sie in Hamburg nicht schon genug Sorgen, zeichnete sich ausgerechnet van Nistelrooy unter der Woche für neue Missstimmung verantwortlich. Wieder einmal. Denn wer dachte, dass das Winterpausentheater um den geplatzten Wechsel des Niederländers zu Real Madrid keine Fortsetzung findet, wurde in dieser Woche eines Besseren belehrt. Da nutzte der Angreifer einen Abstecher zum Nationalteam, um noch einmal unmissverständlich klarzumachen, dass er über das Saisonende hinaus wohl nicht beim HSV bleiben wird. „Ich muss noch in 13 Meisterschaftsspielen für den HSV antreten. Das ist dann genug gewesen“, hatte van Nistelrooy dem niederländischen Fernsehsender RTL gesagt und für Irritationen gesorgt. „Es ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu sprechen. Da gibt es bessere Momente“, konterte Sportdirektor Bastian Reinhardt.

Zurück in Hamburg, sah van Nistelrooy offenbar keinen anderen Weg, als seine Aussagen zu relativieren. Die Not muss jedenfalls groß gewesen sein, denn er brach sogar sein wochenlanges Schweigen gegenüber den Hamburger Medien, um die Öffentlichkeit wissen zu lassen, dass er sich nicht mit der fernen Zukunft beschäftigen wolle. „Es gab Theater um nichts. Ich bin vollkommen konzentriert auf den HSV und zeige 100 000 Prozent Leidenschaft“, sagte der 34-Jährige. In Anlehnung an drei aufeinander folgende Nordderbys gegen Wolfsburg heute, St. Pauli am Mittwoch und Werder Bremen am Samstag ergänzte er: „Wir haben eine geile Woche vor uns.“

Veh hält van Nistelrooy die Treue

Wie amüsant und erfolgreich sie wird, hängt auch von van Nistelrooy. Im Gegensatz zum Wolfsburger Sorgenkind Diego kann der Niederländer am Samstag beweisen, dass es sich lohnt, auf ihn zu setzen. Trainer Armin Veh, der erstmals seit seiner Entlassung in Wolfsburg im Januar 2010 an die alte Wirkungsstätte zurückkehrt, hält seinem Schützling jedenfalls die Treue. „Ich habe mit ihm geredet und aus diesem Gespräch hat sich für mich nicht ergeben, dass er nicht bereit ist, in den kommenden Monaten alles für den HSV zu geben“, sagte Veh, in der Hoffnung, dass die Mitspieler ihren Kollegen vorn im Angriff in Szene setzen. Das letzte von bislang sechs Saisontoren des Niederländers datiert vom 15. Januar. Da köpfte van Nistelrooy das entscheidende Tor beim 1:0 gegen Schalke 04, um anschließend nur noch auf verbaler Ebene stark zu sein.

Vielleicht lässt er ja heute Taten sprechen. Allerdings ist der VfL nach dem Trainerwechsel motiviert und wird alles daran setzen, sich Luft im Abstiegskampf zu verschaffen. Fragt sich nur, ob mit Grafite oder nicht? Der brasilianische Stürmerstar, der zuletzt nicht in Form war, hatte am Donnerstag in der B-Elf trainieren müssen. Was er gar nicht gut fand: „Ich verstehe nicht, was das soll“, sagte Grafite. Es ist ganz offenbar nicht so leicht mit den Stars.