Champions League

Arsenal gegen Barca – Das Treffen der Schönspieler

Spaniens Meister ist dominant wie nie und tritt als großer Favorit an. Die "Gunners" überlergen, ob ein bisschen mehr Härte vielleicht hilfreich wäre.

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Plötzlich gibt es ein bisschen Hoffnung für die anderen Fußballmannschaften dieses Kontinents. Der FC Barcelona hat nur 1:1 gespielt bei Sporting Gijon, und Trainer Josep Guardiola sagte danach tatsächlich, sein Team sei entgegen populären Glaubens „nicht unbezwingbar“. Geht also doch etwas, vielleicht sogar schon für den FC Arsenal heute im Champions-League-Achtelfinale?

Laut Arsene Wenger eher nicht. Der Trainer der Londoner sagte vor ein paar Tagen, das Premier-League-Heimspiel gegen den Letzten aus Wolverhampton sei „mit Abstand wichtiger“ als das Treffen mit Barcelona. „Es wäre absolut dumm, die Priorität nicht auf die Liga zu legen.“ Sollte heißen: Dort gibt es die realistischeren Titelchancen – trotz vier Punkten Rückstand auf Manchester United. Natürlich war da auch Koketterie mit im Spiel, Arsenal wird garantiert nicht nur den Voyeur geben, und Wenger insistierte zudem, dass er sein Team „in besserer Verfassung“ sieht als voriges Jahr. Damals wurde Arsenal im Viertelfinale vom selben Gegner mit einem Gesamtergebnis von 6:3 deklassiert.

Arsenals Problem ist, dass Barcelona seither auch noch einmal zugelegt hat. Geht alles seinen erwarteten Weg, wird niemand in Europa dieses Team stoppen können. Voriges Jahr brauchte es einen erschwerten Auswärtstrip wegen des Vulkans Eyjafjallalökull sowie dubiose Schiedsrichterleistungen, damit Inter Mailand im Halbfinale siegen konnte. Seither hat Barcelonas Mannschaftsgerüst mit Spanien die WM gewonnen, in der Liga 16 Siege am Stück mit einer Tordifferenz von 60:6 gefeiert und beim 5:0 gegen Real Madrid so perfekt gespielt, dass Manchester Uniteds Wayne Rooney berichtete, er habe sich vor dem Fernseher zu einer spontanen Ovation erhoben.

Ohne Übertreibung verfügt Barcelona momentan über den besten Spielgestalter der Welt, Xavi, den besten Abräumer, Busquets, den besten Innenverteidiger, Pique, den besten Außenverteidiger, Alves, vielleicht den besten Stürmer, Villa, und womöglich auch den besten Torwart, Valdes. Und wie immer Andres Iniesta kategorisiert wird, auch er ist der Beste in dem, was er macht. Es wäre also ein formidables Team, „trotzdem eine gute Mannschaft“, wie Guardiola sagt, „aber nicht das, was wir sind“. Denn da ist ja noch Lionel Messi, der Kaiser unter Königen, der diese Saison schon wieder 37?Tore geschossen hat. „Alle großen Teams der Geschichte hatten einen ganz besonderen Spieler“, sagt Guardiola: „Für uns ist es Messi“.

Dass trotz WM-Titel nicht Xavi oder Iniesta die Weltfußballerwahl gewonnen haben, sondern Messi, mag für alle Welt ein großes Thema gewesen sein. In Barcelona spielte es keine Rolle. Eifersüchteleien sind dieser Gruppe ebenso fremd wie Selbstzufriedenheit, weshalb Barcelona über die Individuen hinaus auch in der Gemeinschaft noch einmal zugelegt hat. Das Offensivpressing, Guardiolas große Obsession, funktioniert mittlerweile so unnachgiebig, dass der Gegner fast überhaupt nicht mehr zu Angriffen kommt. In der Champions League steht sein Team bei über 70 Prozent Ballbesitz, in der Meisterschaft spielte es gegen Real Sociedad nie zuvor erreichte 938 Pässe.

Es sind auch solche Statistiken, die Arsenal ein wenig die Illusionen rauben vor dem neuerlichen Aufeinandertreffen. Just in diesen Kategorien messen nämlich sonst auch die Londoner den Wert ihres Spiels. Wenger teilt dieselben Ideale wie Barcelonas Fußballschule, und in seinem Kapitän Cesc Fabregas, den er zu Jugendzeiten aus Katalonien abwarb, hat er einen klassischen Barcelona-Mittelfeldmann an den Schalthebeln. Tatsächlich liegt Arsenal in der Premier League bei Ballbesitz und Pässen stets vorn, doch gegenüber Barcelona fallen die Zahlen ab.

Voriges Jahr wirkte Arsenal im direkten Duell teilweise wie eine schlechte Kopie. Die Gedanken nicht ganz so schnell, die Automatismen nicht ganz so homogen – womöglich auch eine Folge der Tatsache, dass Wenger die Spieler für sein Internat zumeist im Alter von 16 akquiriert, während Xavi, Iniesta oder Messi bereits seit frühesten Teenagertagen den Ansatz der Barcelona-Akademie vom Flachpassspiel verinnerlichten.

Wenger trainiert im Unterschied dazu eine Weltauswahl, die wunderbar zum kosmopolitischen London passt. Nach fünf titellosen Jahren seit dem FA Cup 2005 mehren sich jedoch auch die Stimmen derjenigen, die wieder mehr englische Tugenden sehen wollen. Es muss ja nicht gleich wieder der langweilige 1:0-Fußball sein, für den der Klub vor Wengers Zeit bekannt war. Aber zumindest ein paar harte, grundsolide Verteidiger wie früher Tony Adams und Martin Keown könnten sich die Anhänger schon vorstellen. Die Defensive ist Arsenals Problemzone, neulich in Newcastle gab es nach einer 4:0-Führung noch ein 4:4.

Da bleiben als einzige Vorteile heute wohl am ehesten noch Athletik und Körperlichkeit. Gegen sehr physische Teams von der Insel wie Chelsea oder Liverpool hat sich Barcelona oft schwer getan. Und wenn es nach einem der wenigen Engländer in der Mannschaft geht, sollte auch Arsenal ausnahmsweise mal das schöne Spiel hinten anstellen. „Wir müssen auf sie drauf gehen und – im fußballerischen Sinne – ein bisschen fies sein“, sagt Mittelfeldtalent Jack Wilshere. Ein 1:0 wäre für ihn ein exzellentes Ergebnis.