Heimpleite

Mönchengladbach taumelt dem Abstieg entgegen

Nach dem 2:3 gegen Stuttgart greift Sportdirektor Max Eberl die Spieler des Tabellenletzten an: "Ich habe die Schnauze voll."

Mit scheinbar ausweglosen Situationen kennt sich Michael Frontzeck aus. Borussia Mönchengladbachs Trainer hat am Niederrhein und auch mit seinen ehemaligen Klubs Alemannia Aachen und Arminia Bielefeld schon einige Abstiegskämpfe bestritten – häufig erfolglos. Der 46-Jährige sollte wissen, wann nichts mehr geht. Nach dem 2:3 (2:0) des Tabellenletzten der Bundesliga vor nur 39.132 Zuschauer gegen den Vorletzten VfB Stuttgart war nur noch Ratlosigkeit in Frontzecks Miene zu entdecken. „Wir haben in dieser Saison schon viele Nackenschläge bekommen, aber diesmal war es ein echter Klotz, den wir zu verarbeiten haben“, sagte er.

Es ist äußerst fraglich, ob die Borussia das diesmal schafft. Durch den überraschenden Triumph des 1. FC Köln über Bayern München hat sich die Situation für die Mönchengladbacher zugespitzt. Sechs Punkte beträgt bereits der Rückstand zum rettenden 15. Platz, den gerade der Hamburger Aufsteiger FC St. Pauli einnimmt. Und schon wieder ist das folgende Spiel der Gladbacher am Samstag eben auf St. Pauli die letzte Chance. „Meine Mannschaft hat bereits bewiesen, dass sie dem Druck standhält, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht. Auswärts klappt das momentan besser als daheim“, sagte Frontzeck. Ausdrücklich betonte er, dass dies keine Durchhalteparolen seien. Schließlich stünden noch 13 Spiele an, in denen noch genügend Punkte zu vergeben seien. Abnehmen mochte ihm das kaum jemand.

In Mönchengladbach schwindet der Glaube, dass die Borussia noch ausreichend Zähler sammelt, um den dritten Abstieg zu verhindern. Mehrmals hatte die Frontzeck-Elf in dieser Saison schon eine Führung verspielt, auch gegen Stuttgart reichte ein 2:0 zur Pause nicht für den ersten Heimsieg nach zehn Monaten. Es war eine überzeugende Vorstellung, die der Tabellenletzte in der ersten Spielhälfte bot und durch die Tore von Dante (29. Minute) und Igor de Camargo (31.) krönte. Doch dann stellte VfB-Trainer Bruno Labbadia sein System um. Das reichte gegen plötzlich völlig verunsicherte Gladbacher, die den sicher geglaubten Sieg abermals herschenkten. Ohne erkennbare Gegenwehr drehten die Stuttgarter Pawel Pogrebnjak (51.), Martin Harnik (56.) und Timo Gebhart (87., Foulelfmeter) das Spiel.

Darüber, dass der Foulelfmeter umstritten war, wollte Frontzeck später nicht mehr reden: „Da könntenn wir ja tagelang diskutieren, das hilft nicht weiter.“ Seine Mannschaft sei völlig geknickt, solche Erlebnisse blieben „in den Kleidern hängen“, sagte Sportdirektor Max Eberl, der es allerdings leid ist, seine schützende Hand über die Spieler zu halten. „Uns hat die Aggressivität gefehlt, wir haben die Stuttgarter einfach laufen lassen“, sagte Eberl, „ich habe die Schnauze voll.“

Musste der Traditionsverein mit nur zehn Punkten überwintern, war er nach zwei Auswärtssiegen in Nürnberg und Frankfurt (jeweils 1:0) zum Rückrundenbeginn wieder im Geschäft. In Havard Nordtveit und Martin Stranzl hatten Eberl und Frontzeck in der Winterpause zwei Profis verpflichtet, die der schwächsten Defensive der Liga (53 Gegentore) Stabilität geben sollte. In Mike Hanke kam von Hannover 96 zudem ein mutmaßlich treffsicherer Stürmer. Vor allem aber einte die Wintereinkäufe, dass sie unbelastet von den Querelen der Hinserie waren. Außerdem verbannte Frontzeck neben Juan Arango den zuvor stets gesetzte Thorben Marx auf die Reservebank. Unruhestifter Raul Bobadilla wurde an Aris Saloniki ausgeliehen. Für Frontzeck, der früher ungern seine Startelf umstellte, war das eine Menge Mut.

Doch die Euphorie des gelungenen Rückrundenstarts konnte nicht die Gladbacher Probleme kaschieren. Gegen Stuttgart stürzten die Neubauten ein. Offensichtlich war nach der Pause die Verunsicherung, von der sich Nordtveit, Stranzl und später auch Hanke anstecken ließen. Die Borussia hat kein personelles, sondern ein rein psychologisches Problem. „Es sind Kleinigkeiten, die uns fehlen, oft nur die entscheidenden Meter“, so Frontzeck. „Die Angst hat eine große Rolle gespielt, wir haben Angst, die Führung nach Hause zu bringen“, stellte Sportdirektor Eberl fest.

Eben diese Vita, über weite Strecken mithalten zu können, dann aber den Glauben und die Punkte zu verlieren, zeichnet Absteiger aus. Frontzeck, dem die Vereinsführung weiter vertraut, weiß das. Es scheint aber fraglich, ob er die richtigen Worte findet. „Die Spieler stark zu reden, ist für Frontzeck eine Herkules-Aufgabe. Gegen St. Pauli hat Gladbach mehr oder weniger die letzte Chance“, sagte der frühere Gladbacher Kultspieler Stefan Effenberg, inzwischen Experte beim Fernsehsender Sky. Noch wichtiger sei es, das psychologische Trauma zu überwinden. „Wenn du 2:0 führst und das nicht schaffst, dann gehen so langsam die Lichter aus.“