Ski alpin

Die WM wird für Riesch eine riesige Nervenprobe

Olympiasiegerin ist sie schon. Doch ein Titelgewinn in ihrem Heimatort Garmisch-Partenkirchen würde der deutschen Skifahrerin besonders viel bedeuten.

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Das Mädchen mit den Skiern steht weit oben auf dem Berg und blickt hinunter. Steil fällt der schneebedeckte Hang zu ihren Füßen ab, in der Ferne, hinter all den bunten Stangen, kann sie Menschen in bunten Anoraks erkennen, klein wie Käfer, und sie hört ihre Rufe und die Stimme des Mannes am Stadionmikrofon, wie sie zu ihr hinauf wehen auf den Berg, der hier den lustigen Namen Gudiberg trägt. Das Mädchen atmet aus, eine weiße Wolke vor dem Mund im Sonnenlicht. Sein kleiner Körper spannt sich, dann drückt es sich mit den Skistöcken ab – und flitzt los. Dem Ziel entgegen. Dem Sieg?

Wie oft hat Maria Riesch als Kind Skirennen in Garmisch-Partenkirchen besucht, die Läuferinnen bewundert und gesponnen, wie es wohl wäre, dort selber zu fahren. An ihre kindliche Faszination für den Gudiberg kann sie sich noch sehr gut erinnern. Nur eines wurde für sie erst viel später erfahrbar: „Damals konnte ich mir noch nicht die Aufregung vorstellen, die damit zusammenhängt.“

Heute ist Maria Riesch 26 Jahre alt, und wenn man so möchte, steht ihr die größte Nervenprobe noch bevor: Dienstag beginnen in ihrem Heimatort die alpinen Ski-Weltmeisterschaften. Sie wird bis 20. Februar wohl in allen sechs Wettbewerben starten. Gudiberg und die Kandahar-Abfahrt könnten der Bayerin perspektivisch den Weg ebnen zu einem Beinamen, den ihr Management schon jetzt recht unbescheiden für sie in Anspruch nimmt: Ikone des deutschen Wintersports. Im besten Fall wird diese Ski-WM zur Riesch-WM. Die Voraussetzungen dafür sind gut.

„Die Ambition und theoretische Chance auf eine Medaille habe ich in jeder Disziplin. Bis auf wenige Ausnahmen fahre ich bislang eine perfekte Saison. Dadurch“, weiß Riesch, „ist natürlich die Erwartungshaltung größer.“ Ihre eigene – aber auch die der Menschen in der Marktgemeinde, die nach 1978 zum zweiten Mal die Welttitelkämpfe ausrichtet.

Einen Steinwurf weit entfernt vom Skistadion am Gudiberg, gleich hinter dem Bahnübergang, ist in einem weißen zweistöckigen Haus „Leiner’s Radl-Bistro“ beheimatet. Hier, in einem großen, gefliesten Raum mit kleiner Theke, lila Wand und Beamer für Fernsehübertragungen, kommen regelmäßig der „Maria-Riesch-Fanclub“ und die treuesten Anhänger zum Public Viewing zusammen. Im Laden bietet Wirt Stefan Leiner lila Schals und lila Fahnen feil, mit Rabatt für Clubmitglieder, am Tresen Weißbier. Die Leute sagen, das Bistro war die Idee seines Lebens.

Das Fanclub-Programm für die nächsten Tage ist straff geplant: Heute Abend wird gekocht, „Marias Hirschragout“ kommt auf den Tisch, Dienstag wird im Fan-Outfit geschlossen um 9.30 Uhr von der „KandaBar“ zum Super-G der Frauen an die Kandahar marschiert. Es könnte anstrengend werden in den kommenden zwei WM-Wochen.

Oben über dem zum Fan-Lokal umfunktionierten Rad-Geschäft führen Marias Eltern Monika und Sigi das Büro ihrer Folienhandelsfirma. Die nach Rosi Mittermaier, 60, berühmteste Tochter des Ortes kommt regelmäßig her, um ihre Fanpost zu bearbeiten. Vom Fenster aus kann sie auf den Gudiberg blicken.

Ob sie früh geahnt haben, dass die älteste Tochter eines Tages derart erfolgreich im Skifahren sein würde? Sigi Riesch sagt: „Als Eltern wächst man da mit hinein. Als Maria im Weltcup anfing, haben wir uns natürlich gewünscht, dass sie irgendwann einmal mit an der Spitze fahren würde. Schließlich ist es nicht spaßig, bloß Platzierungsfahrten zwischen Rang 50 und 60 zu haben.“ Heute besuchen der Unternehmer und seine Frau so viele Saisonrennen wie möglich, die jüngere Tochter Susanne, 23, ist schließlich auch Weltcupläuferin.

Wer in Garmisch-Partenkirchen Spuren von Maria Riesch sucht, wird dieser Tage schnell fündig. Manchmal genügt ein Blick in eines der Schaufenster in der Fußgängerzone. Dort wirbt sie in einer Apotheke mit anderen Wintersportlern für eine Gesichtscreme, posiert als Pappkameradin im Hosenanzug in der Auslage eines Bekleidungsgeschäfts, und im holzvertäfelten Kongresshaus neben der Medal’s Plaza hat ihr Verlobter und Manager Marcus Höfl, 37, einen Medienbereich extra für Riesch einrichten lassen. Arbeitstitel: „Maria’s Corner“. Die Erwartungen sind hoch.

„Ich merke, dass Olympia einen unheimlichen Schwung verursacht hat, die Einschaltquoten bei meinen Rennen sind stetig gewachsen“, sagt Maria Riesch, die diesen Winter endlich zum ersten Mal vor ihrer zunehmend rivalisierenden Freundin Lindsey Vonn, 26, den Gesamtweltcup gewinnen könnte. Manchmal wundert sich Riesch selbst ein bisschen: „Ich kämpfe das ganze Jahr, trainiere den ganzen Sommer über, jedes Weltcuprennen ist wichtig, jeder Sieg ein Erfolg. Aber was dann einige wenige Rennen ausmachen. Da kannst’ zehn Weltcups gewinnen, das erregt nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie ein Olympiasieg.“

Gemeinsam mit Franz-Beckenbauer-Berater Höfl, dessen Management die Skifahrerin vor gut zwei Jahren unter seine Fittiche nahm, hat sie sich offensiv an die eigene Vermarktung gemacht. Riesch jettet mittlerweile von Termin zu Termin – mal für ihre finanzkräftigen Sponsoren (Luxus-Uhren, Schokolade, Brillen), mal im Dienste der guten Sache, etwa als Botschafterin der Organisation „Innocence In Danger“ gegen Kindesmissbrauch, deren Präsidentin die befreundete Ministergattin Stephanie zu Guttenberg, 34, ist.

Bewusst positioniert sich die bodenständige Bajuwarin längst auch als Marke außerhalb des Sports. Wirkung auf andere zu haben ist ihr nicht unwichtig, auch wenn sie erfahren hat: „Wenn man erfolgreich ist, finden einen alle super – wenn man mal unten ist, sind plötzlich nicht mehr so viele da. Dieser Zustand ist mit der Zeit extremer geworden.“

Dass der Erfolg – ein WM-Titel in Val d’Isère, zwei Olympiasiege in Whistler – sie verändert habe, glaubt sie nicht, „und ich denke, es gibt auch niemanden, der das Gegenteil behauptet. Meine Verletzungen (u.a. Schulterfraktur 2004, zwei Kreuzbandrisse 2005 – d.Red.) spielen dabei eine entscheidende Rolle. Durch sie habe ich gelernt, wie schnell es gehen kann, dass man von ganz oben nach ganz unten kommt, und wie viel Durchhaltevermögen man benötigt um sich zurückzukämpfen. In dieser Zeit bin ich charakterlich sehr gereift.“

Ihr Vater erinnert sich: „Beim zweiten Kreuzbandriss war’s zäh. Da ist sie noch im Juni, Juli gehumpelt und wir haben gedacht: So wie’s ausschaut, wird das nix.“ Sigi Riesch schmunzelt versonnen: „Aber die Maria ist ein Stehaufmännchen. Und: Sie ist inzwischen viel, viel professioneller geworden.“ Das Abitur haben ihre Eltern ihr mehr oder minder abgerungen. „Wir haben Maria damals gesagt, sie solle es auf jeden Fall wenigstens machen. Dann hätte sie immer noch die Kurve kratzen können, wenn es nicht geklappt hätte. Aber das muss sie nun ja nicht mehr ausnützen.“

Maria Riesch gehört inzwischen zu den bekanntesten Sportlern im Land. Mehr als 70 Prozent der Deutschen kennen sie, davon mögen sie zudem noch etwa 70 Prozent. „Aus Marketingsicht ist Maria Riesch ein absoluter Glücksfall für den deutschen Skisport“, meint Veit Wolff, Wintersportexperte beim Kölner Marktforschungsinstitut „Sport+Markt“. Er weiß: „Die öffentliche Wahrnehmung fast jeder Sportart steht und fällt mit Erfolgen einheimischer Athleten.“ Riesch sei nicht nur erfolgreich, „sondern auch eine Persönlichkeit, die sich sehr gut vermarkten lässt – und dies auch tut“. Davon möge auch ihre Sportart profitieren. Wolff: „Ich glaube, dass Ski alpin noch mehr Vermarktungspotenzial hat – und die WM in Garmisch ist eine große Chance, etwas zu bewegen.“

Maria Riesch orakelt: „Das ganze Team hat hervorragende Voraussetzungen, dass es gut läuft.“ Dabei soll ein Kuriosum ihr selbst nicht zum Nachteil gereichen: Obwohl sie in Garmisch-Partenkirchen aufgewachsen ist und noch immer dort lebt, ward die beste Slalomfahrerin am Gudiberg zuletzt selten gesehen. „Klar kenne ich den Gudiberg, seitdem ich Kind war – aber den allzu großen Heimvorteil konnte ich nicht nutzen. Ich bin ja ständig unterwegs.“

Dem Rummel um ihre Person sieht sie gelassen entgegen. "Es ist halt so, Und es ist gut, dass solch ein Interesse herrscht. Jetzt“, sagt Riesch und lächelt, „muss ich nur noch gut fahren.“ Das Mädchen am Gudiberg. Jetzt ist es wirklich wahr.