Alpine Ski-WM

Mit einmal Gold wäre Maria Riesch hochzufrieden

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Jens Hungermann

Im Interview mit Morgenpost Online spricht Maria Riesch über ihre Erwartungen, ihr Duell mit Lindsey Vonn und unerwünschte Schulterklopfer.

„WM-Feeling?“, fragt Maria Riesch, 26, zurück: „Habe ich schon seit Wochen! Endlich geht’s mal los.“ Am Dienstag beginnen in Garmisch-Partenkirchen die alpinen Weltmeisterschaften, und Deutschlands beste Rennläuferin ist nicht nur im Super-G (10.40 Uhr, ZDF und Eurosport live) Mitfavoritin.

Morgenpost Online: Wundern Sie sich manchmal darüber, wohin Ihr Weg Sie mit 26 Jahren geführt hat, Frau Riesch?

Maria Riesch (lächelt): Ich merke, dass Olympia einen unheimlichen Schwung verursacht hat, die Einschaltquoten bei meinen Rennen sind stetig gewachsen. Ich kämpfe das ganze Jahr, trainiere den ganzen Sommer über, jedes Weltcuprennen ist wichtig, jeder Sieg ein Erfolg. Aber was dann einige wenige Rennen ausmachen…da kannst’ zehn Weltcups gewinnen, das erregt nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie ein Olympiasieg.

Morgenpost Online: Finden Sie das ungerecht?

Riesch: Es ist fast ein wenig tragisch. Aber es ist halt so. Die Österreicherin Marlies Schild zum Beispiel hat in ihrer Karriere 28 Weltcupsiege eingefahren – aber noch nie eine Goldmedaille gewonnen.

Morgenpost Online: Nun steht die WM ausgerechnet in dem Ort an, in dem sie aufwuchsen, Ski fahren lernten und noch heute wohnen. Sind Ihre Erlebnisse bei den Winterspielen 2010 dort emotional noch zu toppen?

Riesch: Es geht immer besser – wenn man etwa schaut, was Anja Pärson bei ihrer Heim-WM 2007 in Are erreicht hat (drei Gold-, eine Bronzemedaille – d.Red.) oder Janica Kostelic 2002 bei Olympia (drei Gold-, eine Silbermedaille – d.Red.). Aber dazu muss alles perfekt laufen.

Morgenpost Online: Ihr Ziel für die nächsten zwei Wochen?

Riesch: Die Ambition und theoretische Chance auf eine Medaille habe ich in jeder Disziplin. Ich war – abgesehen von dem einen Kombinationsrennen, wo ich „nur“ Fünfte wurde – in jeder auf dem Podest. Aber ich möchte mir meine Ziele nicht zu hoch stecken. Mit einer Goldmedaille wäre ich hoch zufrieden.

Morgenpost Online: Haben Sie zuweilen das Gefühl, ungerechtfertigt hohen Erwartungen gerecht werden zu müssen?

Riesch: Nein. Dass die Erwartungen hoch sind, ist doch ganz normal angesichts meines bisherigen Saisonverlaufs. Meine eigenen sind es ja auch! Deshalb verspüre ich auch von außen keinen so sehr hohen Druck. Wenngleich ich für alle, die auf mich zählen – Fans, Trainer, Familie –, so erfolgreich sein möchte wie möglich, fahre ich in erster Linie für mich selbst.

Morgenpost Online: Hilft Ihnen die Hochstilisierung des Duells Riesch vs. Vonn um den Gesamtweltcup?

Riesch: Gegen dieses Thema kann ich nicht viel machen. Ich werde ständig darauf angesprochen. Wir sind eben schon ewig befreundet. Dass es sich im Laufe der Zeit zu dem großen Duell im alpinen Damenrennsport entwickeln würde, hätten wir damals auch nicht gedacht. Nun ist es eine ganz große Geschichte – und dass sie medial ausgewälzt wird, ist in meinen Augen auch nichts Schlimmes. Für den Sport kann es nur gut sein…

Morgenpost Online: … zumal am Ende sowohl Sie als auch Vonn profitieren. Wird es in der Heimat Ihrer Freundin genau so wahrgenommen?

Riesch: Die USA sind mit Deutschland aufgrund der Größe überhaupt nicht vergleichbar. Sicherlich ist die Aufmerksamkeit für Ski alpin dort durch Lindseys Erfolge gewachsen. Aber angesichts der Gesamtbevölkerung geht sie gegen Null. Ich bin schon oft mit amerikanischen Touristen im Flugzeug gesessen, die mich, weil ich meine Skischuhe immer im Handgepäck mit mir trage, fragten: „Ah, Sie waren im Urlaub?“ Für mich unverständlich ist, dass die meisten Amerikaner selbst Bode Miller nicht kennen – und der ist nun ja wirklich seit Jahren extrem erfolgreich.

Morgenpost Online: Finden Sie Ihren Sport in Deutschland eigentlich medial angemessen präsentiert?

Riesch: Was das Fernsehen angeht, gibt es auf jeden Fall Verbesserungsmöglichkeiten und ein Riesenpotenzial. Wenn ich meine Trainingsläufe auf Video analysiere, fällt mir oft auf, wie läppisch es teilweise aussieht im Vergleich zu dem, wie es sich wirklich anfühlt. Fahren Sie mal den Tofana-Schuss in Cortina runter, der ist fast überhängend, und dann mit Tempo 130 in die Kompression! Das erscheint im Fernsehen so easy. Mit anderen Kameraeinstellungen und graphischen Elementen sollte es dem Zuschauer doch näher zu bringen sein.

Morgenpost Online: Ist Skirennläuferin der beste Beruf der Welt?

Riesch: Ich bin jeden Tag dankbar für das Privileg, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Dafür muss man geboren sein, sonst kommt man nicht so weit. Aber auch wenn es das Schönste ist, was ich mir vorstellen kann, ist mir bewusst, dass ich diesen Beruf nur für eine begrenzte Zeit ausüben kann. Dieses Leben wird irgendwann vorbei sein. Auf der einen Seite freue ich mich auf die Zeit danach. Andererseits weiß ich jetzt schon, dass ich es vermissen werde – zumal wo es derzeit so gut läuft.

Morgenpost Online: Was wird nach dem Karrieende sein?

Riesch: Schwer zu planen, da ich nicht weiß, wann das sein wird. Eine schwere Verletzung, und ich wäre von heute auf morgen raus. Es kann aber auch noch ein paar Jahre dauern. Gedanken mache ich mir dennoch. Ich werde auch nach dem Sport Herausforderungen suchen. Da haben wir (schaut ihren Verlobten Marcus Höfl an) gemeinsame Vorstellungen.

Morgenpost Online: Können Sie sich vorstellen, wir Ihr künftiger Ehemann Sportler zu managen?

Riesch: Doch, durchaus. Es wäre das Schönste überhaupt, wenn ich in der Firma von Marcus einen Part übernehmen könnte. Wir verbringen durch die Kombination von beruflichem und privatem Leben ja jetzt schon viel Zeit miteinander, und es funktioniert perfekt. Es wäre also eine sinnvolle Option.

Morgenpost Online: Haben Sie bemerkt, dass die Glitzerwelt außerhalb des Sports eine Scheinwelt sein kann?

Riesch: Schulterklopfer kenne ich schon seit jungen Jahren. Wenn man erfolgreich ist und es läuft, finden einen alle super – wenn man mal unten ist, sind plötzlich nicht mehr so viele da. Dieser Zustand ist mit der Zeit extremer geworden. Damit muss ich zurecht kommen, wissen, wer für mich wichtig ist.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist Familie?

Riesch: Sehr wichtig. Das habe ich gerade während der Zeit meiner Verletzungen erfahren. Für mich ist es außerdem super, meine Schwester Susanne oft dabei zu haben – was für sie, gerade im Moment, wo es für sie nicht so gut läuft, sicherlich genauso gilt. Für sie ist es keine einfache Situation: Bei mir läuft es super, sie hat zu kämpfen und läuft seit einiger Zeit dem Durchbruch hinterher, von dem sie weiß, dass sie ihn draufhat. Ich versuche, sie das überhaupt nicht spüren zu lassen, sondern als Schwester für sie da zu sein, nicht als Konkurrentin.

Morgenpost Online: Verspüren Sie zuweilen eine Art schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Schwester?

Riesch: Schlechtes Gewissen ist der falsche Ausdruck. Aber das extremste Beispiel war der Slalom bei den Olympischen Spielen – für mich der emotionalste Moment in meinem bisherigen Sportlerleben, für Susanne aber der schlimmste Moment (sie schied mit Medaillenchance kurz vor dem Ziel aus – d.Red.). Ich konnte mich damals nicht hemmungslos freuen, weil ich wusste, wie es in ihr aussieht.

Morgenpost Online: Befürchten Sie insgeheim, nach einer erfolgreichen WM die beste Zeit als Sportlerin vielleicht schon hinter sich zu haben und in eine Art Loch zu fallen?

Riesch (lächelt): Es folgt dann auf jeden Fall erst einmal eine Saison ohne ein Großereignis, was ich zu schätzen weiß. Angenehm zu wissen, dass ich mich nur auf den Weltcup konzentrieren kann. Sorgen mache ich mir keine. Emotional gesehen wäre ein WM-Sieg in Garmisch aber wohl nicht zu toppen.