Schwimm-WM

Steffen krönt die Weltmeisterschaft mit Doppel-Gold

Auch über 50 Meter Freistil holte Britta Steffen Gold bei der Weltmeisterschaft in Italien. Damit gelang es der Berlinerin, ihre traumhafte Medaillenbilanz weiter zu verlängern. Im Foro Italico fühlte sich die Schwimmerin wie bei einem Klassentreffen. Und sie trumpfte als Klassenbeste auf.

Foto: AFP

Wer glaubt, Britta Steffen sei überkandidelt und breche zu entfernten Horizonten auf, nach Hollywood etwa wie ihre schöne italienische Schwimmkollegin Federica Pellegrini, der liegt daneben. Das Zeug zum telegenen Star hat sie, erst recht jetzt, wo sie locker geworden ist und ihr alles so zufällt. Aber, nein, nichts dergleichen wird geschehen. Sie wird sich selbst treu bleiben. Die 25-Jährige fliegt zurück nach Berlin und macht erst mal Urlaub – an der deutschen Ostsee. Danach will sie vielleicht noch eine Woche „ein bisschen die Natur genießen“ – in Bayern.

Britta Steffen ist Doppel-Olympiasiegerin, Doppelweltmeisterin, eine uneingeschränkte Sympathieträgerin und Objekt der Bewunderung. Für die Tifosi bei der Weltmeisterschaft in Rom, die Zuschauer in ihrer Heimat und ihre Kolleginnen wie Cate Campell. „Britta ist eine große Sportlerin und eine große Persönlichkeit“, sagte die Australierin, die sich über nichts so sehr freut wie darüber, „mit Britta im Herbst in Brisbane vier Wochen trainieren“ zu können. „Sie ist eine unglaubliche Athletin“, entfuhr es Olympiasiegerin Dara Torres, mit 42 Jahren die älteste Schwimmerin bei der WM.

Beste beim Klassentreffen

Die höchsten Weihen wurden der Berlinerin noch einmal gestern Abend zuteil, als sie das letzte Mal das Foro Italico durchmaß. Vor dem Finale über 50 Meter Freistil hatte sie im Callroom noch unter den schnellsten Sprinterinnen der Welt das Gefühl, „wie bei einem Klassentreffen“ zu sein. Nun ja, Steffen war auch am letzten Prüfungstag dieser WM Klassenbeste: Sie schlug in 23,73 Sekunden an, in Weltrekordzeit, die Schwedin Therese Alshammar (23,88) kam auf Platz zwei. Gemeinsame Dritte in 23,99 Sekunden wurden Marleen Veldhuis und die 17 Jahre alte Campbell.

„Am Start dachte ich noch, meine Fresse, das hast du schön vermasselt. Aber im Ziel hatte ich einen Superanschlag. Ich hatte die höchste Endgeschwindigkeit, das war der Schlüssel zum Erfolg“, sagte sie. „Wenn man die 100 Meter gewonnen hat, dann schwimmen sich die 50 wie von selbst.“

Wieder so ein Tag, an dem sich alles glücklich fügte für die strahlende Studentin. Auf den Tag genau vor drei Jahren schwamm sie bei der EM ihren ersten Weltrekord, über 100 Meter Freistil war das. Gestern Tag schwoll ihre Bilanz auf sechs Weltbestmarken an.

Gemeinsamer Geburtstag mit Alexander Popow

Sie zog eine Parallele zum großen Alexander Popow, mit dem sie der gemeinsame Geburtstag am 16. November verbindet. Auch der Russe war einst Doppelweltmeister über 50 und 100 Meter Freistil und ist für Steffen „der tollste Mann überhaupt“. Freund Oli wird es ihr an diesem Tag, wo es Sportdirektor Lutz Buschkow „die Sprache verschlug“ vor Stolz, nachsehen.

Ein zweiter Platz der Lagen-Staffel steigerte die Stimmung im deutschen Lager bei der letzten WM-Entscheidung weiter. Helge Meeuw, Hendrik Feldwehr, Benjamin Starke und Paul Biedermann schlugen nach 3:28,58 Minuten in Europarekordzeit vor Australien (3:28,64) an. Die USA mit Michael Phelps holte Gold in Weltrekordzeit (3:28,58).

Doppelweltmeister Biedermann (22) holte auf dem Siegerpodest seine vierte Medaille ab. Einen Vorgeschmack auf das, was ihn nun erwartet, bekam er beim Papstbesuch. Biedermann war gerade im Vatikan aus einem Kleinbus geklettert, da begann das große Gezerre der Fans. Autogrammwünsche, Foto?anfragen. Bis ihn selbst die Demut packte. Nachdem er den Ring am Finger von Benedikt XVI. geküsst hatte, sprach er: „Dieses Treffen war zehnmal besser als Gold.“

Zwar ist Biedermann nicht gläubig, aber schon jetzt kommt es ihm manchmal vor, als stehe er neben sich. Den neuen Schwimmstar aus Halle/Saale plagt die Angst, dass „ich mich von mir entferne“. Nur mühsam hält er sich im Rummel über Wasser. Zwei Weltrekorde, zwei Goldmedaillen – morgen, wenn er zu Hause bei den Eltern angekommen ist, freut er sich darauf, „endlich die Tür zuzumachen und zu faulenzen“. Drei Wochen will er kein Schwimmbad betreten.

Biedermann gegen Phelps in Berlin?

Der Preis der Berühmtheit. Er hat sein Management eingeschaltet, das ihn in den nächsten Tagen durch die Untiefen des entfachten Biedermann-Booms führen soll. Im deutschen Lager fiebern sie schon dem nächsten Duell mit Phelps entgegen. Emsig wird versucht, den Amerikaner zu einem Start beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin im November zu überreden. In drei Jahren soll Biedermann die schwimmende Legende bei den Olympischen Spielen herausfordern. „Zusammen mit Britta Steffen ist Paul die Leitfigur für 2012“, sagt Bundestrainer Dirk Lange.

Im Foro Italico haben die Champions Biedermann und Steffen, aber auch die Silbermedaillengewinner Daniela Samulski und Meeuw und die Debütanten um Feldwehr neue Begeisterung entfacht. „Wir haben die Menschen im Stadion und die Bevölkerung in der Heimat vor den Fernsehern mitgerissen“, bilanzierte Sportdirektor Buschkow. Neun Medaillen und sechs Weltrekorde durch die deutschen Beckenschwimmer sind Ausweis des Erfolgs.

Der hat besonders die Frauen gelassen gemacht. Selbst die zuvor als Eigenbrötlerin geltende Steffen integrierte sich schon beim Trainingslager in Ravenna „toll ins Team“, wie Samulski bemerkte. Steffen dagegen genießt, nicht mehr allein im Rampenlicht zu stehen: „Mit Paul an meiner Seite fühle ich mich sogar noch bestärkter darin, dass wir ganz vorn mitschwimmen können.“