Ski Alpin

Für Klammer gibt es keine Sicherheit in der Abfahrt

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Stefan Frommann

Abfahrtslegende Franz Klammer spricht bei Morgenpost Online über immer fürchterlichere Unfälle und Münchens Aussichten auf die Winterspiele 2018.

Die Gefahren des alpinen Skisports sind dieser Tage allgegenwärtig. Bei der Weltcupabfahrt in Kitzbühel hatte der Österreicher Hans Grugger bei einem schweren Sturz ein Schädelhirntrauma erlitten, nach Notoperation und Koma ist eine Rückkehr in den Sport ungewiss. Nur eine Woche später prallte Gruggers Landsmann Mario Scheiber beim Training in Chamonix mit dem Kopf auf die Piste und blieb mit Nasenbeinbruch und einer Nasennebenhöhlenfraktur kurzzeitig bewusstlos. Diskussionen gibt es nun auch über die Kandahar-Abfahrt in Garmisch, auf der am Wochenende die WM-Abfahrten stattfinden. Schon beim Super-G waren auf der stark vereisten Piste 30 von 71 Fahrern ausgeschieden. Für den Österreicher Franz Klammer (57), Olympiasieger 1976, sind aber nicht die Berge das Problem, sondern die Skirennläufer.

Morgenpost Online: Sie haben fünfmal den Abfahrtsweltcup gewonnen. Erklären Sie doch bitte einmal, was einen guten Abfahrer auszeichnet.

Franz Klammer: Zuerst einmal brauchst du ein bisserl Mut. Mut zum Risiko. Dann musst du provozieren können. Gerade beim Abfahrtslauf ist es ganz wichtig, dass du zwar weißt, dass es eine ideale Linie gibt, dass du aber auch weißt, dass du nicht auf ihr fahren darfst. Weil du sonst zu langsam bist.

Morgenpost Online: Moment. Was bedeutet es, jenseits der idealen Linie zu fahren? Das klingt lebensgefährlich.

Klammer: Ja, du musst jenseits der Ideallinie fahren. Du musst sie selbstverständlich im Kopf haben, aber benutzen darfst du sie nicht. Jedenfalls nicht, wenn du gewinnen willst.

Morgenpost Online: Wie gefährlich muss und darf ein Abfahrtsrennen denn sein?

Klammer: Meiner Meinung nach sind die heutigen Abfahrtsrennen weniger gefährlich als sie es zu meiner Zeit waren, aber gerade darin liegt die Gefahr. Früher gab es kaum Sicherheitsvorkehrungen. Da lagen ein paar Strohballen, und das war’s. Aber: Die Läufer waren sich darüber bewusst, dass es gefährlich für sie ist. Heutzutage wissen die Fahrer das nicht mehr. Da hängen 15 Netze, und alle denken, es sei deshalb sicher. Es gibt in der Abfahrt aber keine Sicherheit. Wenn du 120 Sachen drauf hast, kannst du nicht von Sicherheit sprechen. Deshalb möchte ich sagen: Die gefühlte Sicherheit macht das Skifahren heute so gefährlich.

Morgenpost Online: Es ist doch das Tempo, das die Abfahrt so gefährlich macht, oder?

Klammer: Bei uns war jeder Sprung so gebaut, dass wir dadurch langsamer wurden. Jetzt kriegst du dadurch zusätzlich Tempo. Macht einer einen winzig kleinen Fehler, sind die Folgen dadurch immer fatal. Gucken Sie es sich doch einmal an: Es stürzen zwar relativ wenige, aber bei den wenigen ist es immer äußerst dramatisch. Und das müssen wir verhindern. Wir haben damals mit der Gefahr gelebt. Die jungen Fahrer von heute dagegen können die Gefahr kaum noch richtig einschätzen, sie geben immer Vollgas. Ich fahre zwar nicht mehr, stelle es mir aber heute nicht mehr so lustig vor wie früher. Ich kann als guter Fahrer kaum noch irgendwo richtig Zeit rausholen. Früher waren Kurven zum Bremsen da, danach konntest du wieder Gas geben. Heute wirst du durch eine Kurve nur noch schneller. Das ist das Fatale. Da weiß sich der Weltverband Fis momentan nicht zu helfen, der ist mit seiner Weisheit echt am Ende. Engere Kurven und vielleicht doch die eine oder andere Änderung am Material könnten helfen. Die Skischuhe sind so steif, die müssten sie ein wenig weicher machen und die Taillierung der Skier ändern.

Morgenpost Online: Plädieren Sie für schlechteres Material?

Klammer: Nein, nicht für schlechteres, für anderes. Wenn die Formel 1 zu schnell wird, werden dort auch die Flügel enger gemacht oder die Reifen schmaler, damit die Fahrer weniger Kurvengeschwindigkeit haben. So etwas muss doch auch im Skifahren möglich sein. Aber die modernen Skier werden immer schneller. Ein kurzes Verkanten und bumm, ist der Sturz schon da.

Morgenpost Online: Fahren Sie nach Garmisch?

Klammer: Aber ja, pünktlich zur Abfahrt bin ich da.

Morgenpost Online: Und Ihr Favorit ist…

Klammer: Jetzt muss ich natürlich einen Österreicher sagen, also nehme ich Michael Walchhofer.

Morgenpost Online: Wie stufen Sie denn die Arbeit von Matthias Berthold ein, dem ehemaligen Bundestrainer der deutschen Frauen, der jetzt Österreichs Männer trainiert?

Klammer: Er macht eine gute Arbeit, einfach hat er es aber nicht. Das österreichische Team hat doch sehr viel versäumt und eine Menge aufzuholen. Er hat relativ wenige junge Leute da und muss deswegen recht viel machen. Er arbeitet nicht nach einem starren System, er geht die Leute individuell an, das gefällt mir.

Morgenpost Online: Gibt es noch diese Rivalität zwischen Österreich und Deutschland, oder hat sich das geändert?

Klammer: Die Schweizer waren immer unsere härtesten Gegner. Im Prinzip sind alle Fahrer Kameraden, sie sind untereinander befreundet. Wir fahren doch nur gegeneinander Ski. Eigentlich sind wir eine schöne, große Familie.

Morgenpost Online: Garmisch gilt als Generalprobe für die Olympischen Winterspiele 2018 in München. Geben Sie Deutschlands Bewerbung eine Chance?

Klammer: Ja, warum nicht? Deutschland hat wahrscheinlich größere Chancen, die Spiele zu bekommen als Österreich. Kleine Nationen haben heutzutage kaum noch Möglichkeiten, weil die Spiele immer größer und pompöser werden. Normalerweise würdest du nicht denken, dass sich eine Stadt wie München für Winterspiele bewirbt. Was aber für München steht: Die Sportstätten für Alpine und Nordische sind gut, eine Bobbahn ist bereits da. Die Leute haben jahrelange Erfahrung an den einzelnen Wettkampfstätten. Da ich mich immer zu Gunsten der Sportler entscheiden würde, wäre so etwas für mich bei der Entscheidung wichtig. Aber IOC-Mitglieder ticken ja manchmal anders. Denen ist der Sport leider manchmal nicht das Wichtigste.