In der Krise

Der FC Bayern leistet den Offenbarungseid

Der Titelverteidiger fürchtet nach der Blamage in Köln, die Champions League zu verpassen. Rummenigge: "Dortrmund muss sich doch langsam totlachen".

Drei- oder viermal sagte Thomas Müller diesen Satz, der das Ausmaß der Fassungslosigkeit offensichtlich machte. „Mir fehlen die Worte“, stammelte der Offensivmann des FC Bayern, als er Erklärungsansätze für das 2:3 (2:0) seiner Münchner beim 1. FC Köln finden wollte.

Es war nicht nur die fünfte Saisonniederlage des Rekordmeisters, es war eine, bei der im Anschluss einige Statistiken bemüht wurden, um die Tragweite des Ausgangs zu verdeutlichen. Zuvor hatten die Münchner 16 Jahre lang nicht in Köln verloren, das letzte verspielte 2:0 in der Bundesliga war auf November 1997 datiert, als Bayer Leverkusen überraschend noch 4:2 triumphiert hatte. Und am Samstag nun die Blamage von Köln, die auch Auswirkungen auf die Tabelle hat. Auf Rang fünf sind die Münchner durchgereicht worden, 15 Punkte ist Tabellenführer Borussia Dortmund bereits enteilt. „Die müssen sich doch langsam totlachen und glauben, sie sind in einem ganz eigenartigen Film“, sagte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Dabei hatte die Konkurrenz nach dem 0:0 der Dortmunder am Freitagabend gegen Schalke noch frohlockt, ob sich nicht vielleicht doch noch etwas bewegen könnte an der Spitze? Nicht einmal 24 Stunden später allerdings durfte sich Dortmund trotz des Unentschiedens als der große Gewinner fühlen, weil nicht nur die Münchner patzten.

Es war ein Spieltag wie aus dem Wunschbuch für BVB-Fans. Der Tabellenzweite Leverkusen verlor 0:1 (0:0) in Nürnberg und haderte im Anschluss mit Schiedsrichter Knut Kircher ob der nicht geahndeten Härte der Nürnberger. „Wenn du das Ergebnis der Bayern siehst, dann ärgert das einen umso mehr“, sagte Stefan Kießling. Auf sechs Punkte hätte Bayer davonziehen können. Auf Dortmund schaue er sowieso nicht. Und der Dritte Mainz empfand das 1:1 (1:0) gegen Werder Bremen aufgrund des Gegentors in der Nachspielzeit „vielleicht noch schlimmer als eine Niederlage“ (Christian Fuchs). Trainer Thomas Tuchel empfahl gar allen Nichtabstinenten: „Wenn ich Alkohol trinken würde, würde ich mich jetzt besaufen.“

Die gefährlichste Gemengelage jedoch ist jene in München, weil sich grundsätzliche Fragen nach der Befähigung des Titelverteidigers stellen und auch die eigenen Ansprüche deutlich höher sind. „Das Thema Aufholjagd war innerlich noch nicht abgeschlossen, aber wenn wir solche Chancen liegen lassen, dann können wir auch gleich über den Abstiegskampf sprechen“, sagte Müller.

Wäre die Vorstellung in Köln eine Ausnahme, würde sie als äußerst unschöner Betriebsunfall durchgehen. Doch für die Münchner war es ein Déjà-vu der ungewollt häufigen Art, und das Erstaunliche daran ist, dass die Abstände der Wiederholung nicht länger zu werden scheinen. „Vier- oder fünfmal“, rechnete Trainer Louis van Gaal vor, hätten die Seinen in dieser Saison einen Sieg „in ähnlicher Art und Weise weggeschenkt“. Bereits in Mönchengladbach, auf Schalke, in Wolfsburg oder gegen Leverkusen wurden ihnen ähnliche Fahrlässigkeiten attestiert.

Am Samstag spielten sie eine souveräne erste Hälfte, lagen zur Pause nach Mario Gomez’ 16. Saisontor (22.) und dem Treffer von Hamit Altintop (43.) mit 2:0 in Führung. In der Pause, so sagte Kapitän Philip Lahm noch, „haben wir extra angesprochen, dass wir konzentriert bleiben müssen“. Doch dann folgte eine leblose zweite Hälfte mit desaströsen Fehlern im Abwehrverhalten. In nicht einmal 20 Minuten drehten die Kölner dank der Treffer von Christian Clemens (55.) und Milivoje Novakovic (62., 73.) die Partie.

Es war nicht nur „nicht Bayern-like“, wie es Rummenigge zu formulieren pflegt, es war schlichtweg erschreckend, wie sehr sich die Eigendynamik des Zweifelns und Zauderns nach dem Anschlusstreffer bei den Münchner breit machte. „Ich bin böse, enttäuscht und erstaunt“, sagte van Gaal. Das war schon die emotionalste Äußerung, die er am Samstag tätigte. Es war auffallend, wie er versuchte, das Ganze zumindest in der Öffentlichkeit ausgesprochen nüchtern zu analysieren. „Mangel an Konzentration“ hat er als zentrales Defizit ausgemacht, das sich bei den Seinen wie ein roter Faden durch die Saison zieht, „Fehlen von Einstellung“ nannte es Rummenigge, „Dummheit“ war es für Müller.

Es lassen sich vermutlich noch etliche Begrifflichkeiten finden, in den Konsequenzen jenes Verhaltens waren sich alle Beteiligten einig: „So machen wir uns die Saison kaputt“, sagte Thomas Müller. „Wenn wir das nicht abstellen, werden wir unsere Ziele nicht erreichen“, mahnte Karl-Heinz Rummenigge.

Platz zwei und damit die direkte Befähigung für die Champions League haben die Münchner als Minimalziel auserkoren. Sollte jene Qualifikation in Gefahr sein, so hatte Präsident Uli Hoeneß erst jüngst gesagt, werde er die Reißleine ziehen wie damals bei Jürgen Klinsmann, als der Verein die Zusammenarbeit vorzeitig beendete. Nun muss van Gaal solche Konsequenzen in naher Zukunft wohl noch nicht fürchten. Dass er sich allerdings auch seine Gedanken macht, wurde am Samstag deutlich, als er eine bis dahin nur selten mit ihm in Verbindung gebrachte Tugend offenbarte. Er müsse seine Halbzeitansprache infrage stellen, übte van Gaal öffentlich Selbstkritik. „Vielleicht habe ich das mit einem zu souveränen Ton gemacht.“

Es sind allerdings auch sportliche Fragen, die sich van Gaal gefallen lassen muss. Jeweils drei Gegentore hat der FC Bayern gegen die Abstiegskandidaten Mönchengladbach, Stuttgart und nun auch Köln hinnehmen müssen. Sein Personal im Defensivverbund hat er in dieser Saison ungewöhnlich oft rotieren lassen. Zeichneten sich in der vergangenen Spielzeit auf der Position vor der Abwehr noch Bastian Schweinsteiger und Mark van Bommel für einen geordneten Rückzug verantwortlich, übernahmen in Köln Andreas Ottl und Danijel Pranjic jene Aufgaben. Schweinsteiger muss auf der von ihm eher ungeliebten Offensivzentrale aushelfen. Müller, der bekennt, in der Zentrale am besten zurechtzukommen, wirbelt wahlweise als Arjen-Robben- oder Franck-Ribery-Ersatz auf der Außenbahn. Und Anatoli Timoschtschuk, der schon ein paar Mal bewiesen hat, dass er im defensiven Mittelfeld zu einer unverzichtbaren Größe werden könnte – erst recht nach van Bommels Abgang – muss nun als Innenverteidiger ran. Das Ergebnis: bereits 26 Gegentreffer in der Bundesliga. „So wie wir die Tore kassieren, ist es zu einfach“, analysierte Lahm und bemühte gar die gern genutzte Phrase, dass es „fünf vor zwölf“ sei. Und: „Noch so ein Spiel wie gegen Köln können wir uns nicht erlauben.“