2:3 nach 2:0

So schlecht wie in Köln war Bayern zuletzt 1997

Die Niederlage Bayern Münchens beim 1. FC Köln hatte historische Dimensionen. Deshalb pendelte die Stimmung zwischen Frust und Fassungslosigkeit.

Es war nur eine Laune des Zufalls, aber es passte zu dem, was sich auf dem Rasen in der Kölner Arena am Samstag abspielte: Das Kölner Dreigestirn hatte dem Bundesliga-Klub seine Aufwartung gemacht. Und so war von Karnevalsstimmung im Stadion die Rede, weil sich Erstaunliches auf dem Rasen abspielte. Mit 3:2 bezwang der 1. FC Köln den FC Bayern München. Und das, obwohl die Münchner zur Halbzeit noch 2:0 in Führung lagen.

Es war ein Spiel, bei dem im Anschluss viele Statistiken bemüht wurden, um die Tragweite des Ausganges zu verdeutlichen. Jene etwa: Zum letzten Mal hatten die Münchner eine 2:0-Führung im November 1997 beim 2:4 in Leverkusen verspielt. Oder aber diese: Es war der erste Kölner Heimsieg über die Münchner nach fast 16 Jahren. Und so euphorisch die Gemengelage bei den Kölnern war („Ich bin stolz auf mein Team. Dass es gegen so einen Gegner so zurückgekommen ist, das ist schon außergewöhnlich“, sagte Trainer Frank Schaefer), so sehr pendelte sich die Stimmung der Münchner zwischen Frust und Fassungslosigkeit.

„Unglaublich“ nannte es Bayern-Trainer Louis van Gaal, „weil wir schon zum vierten oder fünften Mal ein Spiel weggegeben haben.“ Vor allem habe man sich selbst einer großen Chance beraubt, sagte er. Es hätte der Spieltag der Münchner werden können. Tabellenführer Dortmund ließ Punkte, der Zweite Leverkusen verlor. Doch statt auf Rang zwei finden sich die Münchner nun auf Platz fünf wieder. „Das Thema Aufholjagd war innerlich noch nicht abgeschlossen, aber wenn man solche Chancen liegen lässt, dann können wir auch gleich über Abstiegskampf sprechen“, polterte Thomas Müller. „Dortmund oder Leverkusen müssen überhaupt keine Angst vor uns haben. Die können ja verlieren, was sie wollen, und dann lassen wir auch Punkte liegen.“ Es war wohl das Statement, das am besten die Befindlichkeiten der Münchner zusammenfasste.

Dabei hatte van Gaal bereits im Vorfeld gemahnt: Seine Bilanz gegen den FC nähme sich äußerst bescheiden aus, er habe noch nie gegen Köln gewonnen „das müsse sich ändern“, hatte er erklärt und gesagt, was er erwarte: „Es ist immer dasselbe, wir greifen an, der Gegner verteidigt.“ Aus dieser Strategie machten die Kölner auch keinen Hehl, selbst wenn es Schaefer in einer schönen Formulierung zu verpacken versuchte: „Wir wollen auch am Spiel teilnehmen“, hatte er gesagt. Und sie taten es auch, vor allem in der zweiten Hälfte, doch dazu später mehr.

Für den ersten Aufreger des Spiels sorgte ein Bayern-Verteidiger: Holger Badstuber hatte in der 19. Minute Kölns Milivoje Novakovic umgesenst – und sah nur Gelb, obwohl er letzter Mann war. Doch als Novakovic und Co. immer noch lamentierten ob des nicht gegebenen Platzverweises, wühlte sich bereits Mario Gomez durch den Kölner Strafraum und traf: 1:0 für die Bayern, das 16. Saisontor für Gomez. Und weil Hamit Altintop in der 43. Minute auf 2:0 erhöhte, blieb zur Halbzeit das Fazit: Eine verdiente Führung der bis dahin überlegenen Bayern, auch wenn weder Arjen Robben (wegen Erkältung gar nicht erst nach Köln gereist) noch Franck Ribery in der Startelf standen.

In der zweiten Hälfte bot sich ein konträres Bild: Die Kölner stürmten, die Souveränität der Bayern war wie weggeblasen, stattdessen häuften sich die Fehler in der Abwehr. In der 55. Minute war es Christian Clemens, der verkürzte. Nur sieben Minuten später glich Novakovic dank freundlicher Mithilfe der Münchner Defensive aus. In der 73. Minute war es erneut Novakovic, der Badstuber stehen ließ und zum 3:2 einschob. Die Bayern erhöhten zwar den Druck, van Gaal wechselte Ribery und Miroslav Klose ein, Zählbares aber sprang nicht heraus. „Nach dem 3:2 haben wir alles versucht, aber es war zu spät“, sagte van Gaal.

Es war erneut eine unerklärlich schwache zweite Hälfte, die auch grundsätzliche Fragen nach dem Zustandekommen aufwirft. „Wir haben in der Halbzeit extra angesprochen, dass wir konzentriert bleiben müssen. Und dann verlieren wir so viele zweite Bälle, das ist unverständlich“, sagte Philipp Lahm.

Und die Kölner? Ihnen wurde die beste Halbzeit unter Trainer Schaefer bescheinigt. „Heute standen wir vor einer Kreuzung“, sagte Christian Eichner in pathetischem Duktus, entweder gehe der Klub den Weg in Richtung St. Pauli weiter – vor einer Woche gingen die Kölner mit 0:3 gegen die Hamburger unter, „oder wir zeigen endlich, was in der Truppe steckt.“ Nach dem frühen Anschlusstor habe er daran geglaubt. Und bereits nach dem Ausgleich war die Kölner Arena ein Tollhaus.

Auf der Tribüne weilte erstmals auch Volker Finke. Seit Dienstag ist er der neue Sportdirektor des FC. Dem Verein soll er eine neue Kontur verleihen. Perspektivisch wolle er „die Qualität und den Erfolg verbessern“, hat Finke verlauten lassen. Kurzfristig aber habe der Klassenerhalt „absoluten Vorrang“. Zu welcher Leistung sein Kader fähig sein kann, bekam er gestern vorgeführt. Doch sollte erneut der Wankelmut der vergangenen Monate einsetzen, könnte auch Finkes eigene Personalie zum Thema werden. 16 Jahre hatte er einst den SC Freiburg befehligt, an vorderster Front als Trainer. Die vergangenen beiden Jahre übte er in Japan mit den Urawa Red Diamonds. Dass Köln ihn verpflichtete, mag seiner neuen Ausrichtung geschuldet sein („Ich möchte etwas anstoßen und Konzepte entwickeln“). Dennoch dürfte Finke bei entsprechender Gemengelage wohl auch wieder in seiner einstigen Befähigung aktiv werden. Auch wenn sie es dementieren, Finke sagt: „Ich habe keine Ambitionen, auf die Trainerbank zurückzukehren. Schaefer ist der richtige Mann.“

Gemessen werden wird Schaefer an Siegen, das ist die ureigene Währung. Und so ist es simpel: Sollte Köln künftig so wie gegen Bayern spielen, dürfte Finkes Satz lange Gültigkeit haben.