Homosexualität

"Schwule Fußballer führen oft Scheinbeziehungen"

Die Kultur-Wissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling forscht seit sechs Jahren zum Thema "Homosexualität im Profisport" und berät schwule Fußballer. Morgenpost Online sprach mit der 46-Jährigen über ihre Eindrücke des Falls Amerell gegen Kempter, Machtausübung auf sexueller Ebene und ihren Rat zum Thema Outing.

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Morgenpost Online: Verfolgen Sie den Fall „Amerell gegen Kempter“?

Tatjana Eggeling: Natürlich.

Morgenpost Online: Geht es dabei um Homosexualität und Homophobie?

Eggeling: Nur am Rande. Ich denke, die Problematik basiert eher auf den Bereichen „Macht“ und „Machtverhältnisse“, die auf sexueller Ebene ausgetragen werden. Wenn es hier, wie dargestellt, um Missbrauch geht, hat das mit der sexuellen Orientierung erst einmal wenig zu tun.

Morgenpost Online: Würde das Thema ähnlich hohe Wellen schlagen, wenn die Protagonisten ein Mann und eine Frau wären?

Eggeling: Wahrscheinlich nicht. Der schwule Aspekt an dem Fall ist schlüpfriger und damit massenkompatibler, als wenn sich Heterosexuelle streiten würden. Allerdings kommt heterosexueller Missbrauch im Profisport wesentlich häufiger vor, findet allerdings deutlich weniger Beachtung, was sehr schade ist.

Morgenpost Online: Was meinen Sie?

Eggeling: Besonders bei männlichen Trainern und jungen, weiblichen Sportlern kommt es häufig zu sexuellen Beziehungen und Übergriffen, in denen Machtpositionen ausgenutzt werden. Ein Thema mit hoher Dunkelziffer, auch hier in Deutschland.

Morgenpost Online: Deutschland hat einen schwulen Außenminister, einen schwulen Hauptstadt-Bürgermeister. Warum tut sich der Fußball so schwer mit diesem Thema?

Eggeling: Weil es eine klassische Männersportart ist. Das Fußball-Stadion ist das letzte Reservat echter Männlichkeit. Dort können Männer richtig Mann sein, wenn sie es wollen. Mit allen affektiven Äußerungen, die sonst gesellschaftlich sanktioniert sind. Wo darf man sonst noch schreien und sogar weinen als Mann? Wenn sich ein Mann auf die Straße stellt und weint, weil ihn seine Freundin verlassen hat, wird er schräg angeschaut. Steigt sein Verein ab, kann er sich im Stadion seiner Trauer ganz hingeben. Ein wichtiges Ventil.

Morgenpost Online: Aber wegen eines Abstiegs zu weinen ist etwas anderes als zu brüllen: „Du schwule Sau“.

Eggeling: Der Fußball hat eine hohe Emotionalität. Es geht um Gegnerschaft, um Konkurrenz. Da wird alles benutzt, um den Gegner zu schmähen und ihn herabzusetzen: die regionale und soziale Herkunft, körperliche Schwächen. Nehmen Sie nur das WM-Finale 2006, als der Gegenspieler von Zinedine Zidane dessen Familie so beleidigt hat, dass der ihn per Kopfstoß niederstreckte.

Morgenpost Online: Es geht also gar nicht so sehr um Homophobie?

Eggeling: Es geht zunächst darum, Schwächen aufzugreifen. Und auch da wird es ja beispielsweise nicht mehr toleriert, schwarze Spieler mit Affengeräuschen zu verunglimpfen und sie mit Bananen zu bewerfen. Das war vor 25 Jahren noch möglich.

Morgenpost Online: Ist so eine Entwicklung auch in Sachen Homosexualität möglich?

Eggeling: Auf jeden Fall. So eine Entwicklung ist im Gange. Es gibt zum einen viel seriöse Berichterstattung in dieser Thematik, und zum anderen hat sich der Fußball selbst auf die Fahnen geschrieben, sich zu öffnen. Der Deutsche Fußball-Bund macht viel in diese Richtung, Werder Bremen hat es sich in die Satzung geschrieben, dass niemand aufgrund der sexuellen Orientierung benachteiligt werden darf, und es gibt viele schwul-lesbische Fanklubs, die offen im Stadion auftreten und ihre Mannschaft anfeuern.

Morgenpost Online: Auf den Tribünen mag das sein, auf dem Spielfeld wartet die Öffentlichkeit darauf, dass sich der erste Spieler outet. Steht das kurz bevor?

Eggeling: Das ist nicht abzusehen. Weil sich gerade viel tut in diesem Bereich, kann das schnell gehen. Es kann sich aber auch noch lange hinziehen.

Morgenpost Online: Sie beraten schwule Fußballer. Wie viele Klienten haben Sie?

Eggeling: Das gehört zu meinem Berufsgeheimnis. Auch aus welchen Ligen sie stammen. Ich kann nur sagen, dass es natürlich schwule Fußballer gibt.

Morgenpost Online: Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell sind. In der Bundesliga gibt es rund 400 Spieler, also wären zwischen 20 und 40 Spielern schwul.

Eggeling: Genaue Zahlen dazu sind unmöglich zu erheben, weil die Spieler ja alles dafür tun, unentdeckt zu bleiben. Vermutlich sind es prozentual gesehen weniger als in der Gesamtbevölkerung, weil viele ihre Karriere irgendwann abbrechen, weil sie den doppelten Druck nicht aushalten. Sie müssen sich ja nicht nur in einer Hochleistungssportart bewähren, sondern auch noch ihre sexuelle Neigung verschleiern. Das ist fast nicht auszuhalten.

Morgenpost Online: Wird da genug in den Vereinen und Verbänden getan?

Eggeling: Eigentlich müsste jeder Verein einen sogenannten „Diversity-Beauftragten“ haben, der sich um so etwas kümmert. Das ist aber leider noch nicht der Fall.

Morgenpost Online: Was befürchten die Betroffenen bei einem Outing?

Eggeling: Die Folgen sind schwer einzuschätzen für den Fußballer. Er ist ja kein Einzelathlet, sondern Teammitglied. Er muss also einschätzen, wie seine Mitspieler, wie der Verein und sein Berater, der ja Geld mit ihm verdienen will, damit umgehen. Ob Sponsoren, die zielgruppenorientiert denken, abspringen. Ob der Physiotherapeut ihn noch massieren will.

Morgenpost Online: Raten Sie zum Outing?

Eggeling: Das ist nicht mein Konzept. Ich schaue erst einmal, wie ich Druck von den Schultern der Spieler nehmen kann. Wenn der Athlet sich outen möchte, würde ich ihn durch diesen Prozess hindurch begleiten. Aber die Beratung ist ergebnisoffen. Oft reicht ein vertrauenswürdiger Mitwisser, um enorm viel Druck von dem Betroffenen zu nehmen.

Morgenpost Online: Wie überspielen schwule Fußballer ihre sexuelle Neigung?

Eggeling: Sie versuchen, besonders männlich zu wirken, sehr kumpelhaft. Mitlachen bei Schwulenwitzen. Oft werden auch Scheinbeziehungen eingegangen.

Morgenpost Online: Fußballer sind sehr körperfixiert. Ist das nicht eigentlich ein klassisch schwules Verhaltensmuster?

Eggeling: Das liegt eher daran, dass der Sport sich immer mehr der Popkultur angenähert hat. Es reicht nicht mehr, ein guter Sportler zu sein, um interessant zu sein. Um kommerziellen Erfolg zu haben, muss man sich auch optisch gut darstellen. David Beckham ist das beste Beispiel dafür.

Morgenpost Online: Für ihn wurde eigens der Begriff „metrosexuell“ erfunden.

Eggeling: Eigentlich gab es den Begriff in der Kulturwissenschaft schon vorher, Beckham hat ihn nur aufgegriffen. Er hat mit den Geschlechtsstereotypen gespielt, hat mit Homosexualität kokettiert, ohne sie zu leben.

Morgenpost Online: Aber spricht das nicht für einen entspannten Umgang mit Schwulsein?

Eggeling: Nein, das spielte sich ja alles nur an der Oberfläche ab. Er hat sich damit aus der Masse der Hochleistungsfußballer herausgehoben und großen Erfolg damit gehabt. Mit sexueller Orientierung hat das aber nichts zu tun.