Kolumne "Querpass"

Was die Bundesliga von der NFL lernen kann

Die US-Footballer haben einen Verhaltenskodex verankert, der alle bestraft, die dem Ruf der Liga schaden. Schalkes Farfan hätte da keine Chance.

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Wir können über die Spieler der Bundesliga hier und heute nicht nörgeln. Ungewohnt manierlich haben sie sich benommen, keiner hat übers Wochenende seine Frau verdroschen, kein Gladbacher im Kabinengang den Schiedsrichter Kinhöfer umgenietet, und Ruud van Nistelrooy hat trotz seiner mittlerweile mehr als bekannten Wut auf den HSV gegen St. Pauli nicht absichtlich und fluchend vorbeigeschossen – denn das Hamburger Derby ist ausgefallen.

Aber auf soviel Glück darf sich die Fußball-Bundesliga nicht immer verlassen. Vor ein paar Tagen hat sich sogar Deutschlands Arbeitgeberpräsident zu Wort gemeldet und als Aufsichtsratschef des VfB Stuttgart angesichts der zunehmenden Vertragsbrecher und sonstigen unverfrorenen Millionäre in kurzen Hosen gefleht: „Es muss etwas getan werden“ – wobei Dieter Hundt leise nach innen weinte, weil er die Grundvoraussetzung vermisst: die Solidarität.

Jedem Klub ist das eigene Trikot das nächste. Wenn der flinke Farfan seine Schalker öffentlich vorführt, nimmt ihn sich keiner zur Brust, im Gegenteil: Hätte nicht Wolfsburg das Früchtchen am liebsten sofort mit Kusshand empfangen, über den roten Teppich? Der Bremer Manager Allofs kriegt mittlerweile fast einen Vogel. Menschenskind, sagt er, warum tun wir uns nicht zusammen und schlagen einem notorischen Vertragsaussteiger wie Demba Ba einfach die Ligatür zu, warum schwören wir uns nicht gegenseitig, dass so ein Bürschchen keiner mehr nimmt. Danke Klaus, klasse Ansatz, haben alle gerufen, sich intern aber gefragt, ob dieser Traumtänzer etwas genommen hatte, als er die Schnapsidee von sich gab. Schließlich stehen sie doch im Wettbewerb. Solidarität ausgeschlossen.

Solidarität ausgeschlossen?

Halt! Wir schreiben diese Zeilen im Cowboys Stadiums in Arlington, wo das Finale der 45. Super Bowl stattfand, und so abartig es auch klingen mag – aber im American Football ziehen alle an einem Strang. Die Deutsche Fußball Liga, kurz: DFL, wird vor Neid platzen, denn die National Football-League, kurz: NFL, hat in ihrem Regelwerk einen Verhaltenskodex verankert, der alle saftig bestraft, die dem Ruf und Image der Liga schaden – in Form ihres „Off-Field Behaviours“, dem Benehmen abseits des Spielfelds.

Ben Roethlisberger, der Quarterback der Pittsburgh Steelers, ist berühmt für seine Würfe und berüchtigt für seine Sexeskapaden, und weil Letzteres die Liga auf Dauer nicht weiterbringt, war er für ein Viertel der Saison gesperrt. Der Vorwurf zweier Vergewaltigungen fiel zwar mangels Beweises flach, aber der NFL hat es auch so gereicht – und alle sagten Ja zu der Sperre: Roethlisberger, sein Klub, die Spielergewerkschaft. Die ganze Liga hat den Kodex akzeptiert, und der nächste, der fällig ist, ist Everson Griffen von den Minnesota Vikings. Vorige Woche schlug er sich an einer kalifornischen Straßenampel mit der Polizei gefängnisreif – aber die NFL wird sich noch extra melden.

Spontan fällt uns da Stefan Effenberg ein, der einmal zu einem deutschen Polizisten „Schönen Tach noch“ sagte, aber der Richter tippte dann doch eher auf „Schönes Arschloch“ und verurteilte den Unflätigen. Die Bundesliga blieb still. Stellen Sie sich vor, sie hätte Ekel-Effe zusätzlich noch gesperrt – was für ein Gezeter! Oder jetzt gar Franck Ribery, aufgrund ligaschädlicher Umtriebe, weil der Bayern-Star wegen seiner minderjährigen Marokkanerin die Pariser Sitte am Hals hat. Finger weg von unserem Franck, würde Bayern-Präsident Uli Hoeneß glühenden Kopfes sofort rufen und drohen, eine eigene Liga aufzumachen.

Als Amerikaner im Football wäre Hoeneß dagegen still. Er würde so solidarisch reagieren wie Robert Kraft, der Besitzer der New England Patriots: „Das ist eine klare Botschaft“, hat der den Verhaltenskodex einst begrüßt – und auch noch genickt, als sein Cheftrainer Bill Belichick zu 500.000 Dollar Strafe verdonnert wurde, weil er die Signale für die defensiven Spielzüge der New York Jets heimlich auf Video aufgenommen hatte.

Ihr Ruf ist der NFL heilig, da kennt Roger Goodell, der Commissioner, keine Verwandten. Vor vier Jahren hat er den scharfen Kurs eingeführt, inspiriert womöglich durch eine legendäre Sexorgie, an der 17 Schlüsselspieler der Minnesota Vikings beteiligt waren – auf zwei Booten auf dem Lake Minnetonka fand sie statt, und die handverlesenen Prostituierten waren aus Florida und Atlanta eingeflogen worden.

Goodell greift durch. Wer seiner Liga das Image versaut, kriegt notfalls Eisbeutel zwischen die Beine und wird zum Zwecke des Abkühlens eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Die tollsten Quarterbacks sind darunter, von Roethlisberger bis Michael Vick. Der Star der Philadelphia Eagles bekam als Drahtzieher illegaler Hundekämpfe, bei denen Pitbulls sogar exekutiert wurden, im Namen des Volkes 23 Monate – und eine ergänzende Suspendierung durch die NFL. Die will nicht auch noch auf den Hund kommen.

Und schon sind wir wieder bei Dieter Hundt, der im Namen von uns allen verzweifelt an diesen allmächtigen und ungenierten Kickern, die ihre Klubs zum Gespött machen, mit der Pistole auf der Brust erpressen und ungestraft aus laufenden Papieren aussteigen – und der neulich fast hilflos sagte: „So ist das Geschäft.“ Das Fußballgeschäft.

Das Footballgeschäft ist anders. Es wehrt sich noch. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist in der NFL tatsächlich auf etwas ganz Verrücktes gekommen, von dem wir im Fußball noch nie gehört haben – die Solidarität.