Handball

Anzeichen für Rücktritt von Heiner Brand mehren sich

Das Verbands-Präsidium geht davon aus, dass der Bundestrainer wohl zurücktritt. Nur dessen Assistent Heuberger glaubt an einen Verbleib seines Chefs.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Deutsche Handballbund (DHB) befürchtet einen Rücktritt von Bundestrainer Heiner Brand vor der Europameisterschaft 2012 in Serbien. „Ich habe ihm gesagt: Du musst weitermachen. Aber gefühlsmäßig glaube ich, dass die WM in Schweden sein letztes Turnier gewesen ist“, sagte DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier in einem Interview mit dem „Westfalen-Blatt“. Dennoch hoffe er, dass der Gummersbacher die Nationalmannschaft zur EM führt und dort einen der zwei vakanten Plätze für ein Olympia-Qualifikationsturnier erkämpft. „Es würde nicht zu seiner Person passen, dass Heiner nicht bis zum Ende kämpft. Das ist nicht seine Natur“, sagte Bredemeier.

Die Ungewissheit um den Chef führt zu seltsamen Gedankenspielen. Samstag schon könnte Martin Heuberger aufsteigen zum neuen Bundestrainer, er könnte die Nationalmannschaft anführen beim Spiel gegen ein All-Star-Team in Leipzig und vorrücken in die erste Reihe, wo sonst Heiner Brand steht. Allein: Der ewige Assistent des deutschen Handballidols möchte gar nicht den Platz seines Chefs einnehmen, noch hofft er auf einen Verbleib des seit der Weltmeisterschaft schwer angeschlagenen Bundestrainers im Amt. „Heiner ist ein Kämpfertyp, er wird mit Sicherheit den Kopf nicht so schnell in den Sand stecken“, sagte Heuberger der „Welt“. „Ich hoffe, dass er weitermacht. Dem deutschen Handball könnte nichts Besseres passieren.“

Ob Brand tatsächlich seinen bis 2013 befristeten Vertrag mit dem Deutschen Handballbund erfüllen möchte, ist allerdings völlig ungewiss. Heute trifft er in Leipzig mit Vertretern der eigens nach dem WM-Debakel ins Leben gerufenen Task Force zusammen. Das Gremium will zum einem klären, worin die Ursachen für das schlechte Abschneiden beim globalen Kräftemessen in Schweden mit Platz elf zu suchen sind. Auf der anderen Seite möchte Brand von den Ligaklubs aber auch breite Unterstützung erfahren und knüpft seinen Verbleib zum Teil an die Erfüllung seiner Forderungen wie etwa eine Erhöhung der Lehrgangstage für die Nationalmannschaft oder die Einführung einer Quotenregelung zugunsten junger deutscher Spieler in den Vereinen. „Ich bin guten Mutes, dass es zu einem Konsens mit der Liga kommt und sich alle im Sinne der Sache einsetzen. Dann findet man auch vernünftige Lösungen“, sagte Co-Trainer Heuberger gestern. „Einige müssen aber ihr Kirchturmdenken erst mal ablegen und überlegen, wie wir die Misere gemeinsam ausbaden. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen.“

Doch offenbar liegt gerade darin die Krux. Denn in der Liga ist zwar die Gefahr erkannt worden, dass ein schlechtes Abschneiden der Nationalmannschaft auch Imageeinbußen für die Vereine nach sich zieht. Aber der Wille zur Umgestaltung ist deswegen noch längst nicht ausgeprägt. „Wir dürfen uns nicht unter Zeitdruck setzen lassen, es ist ein erstes Sondierungsgespräch.“, sagte etwa Volker Zerbe, Lemgos Manager, der gemeinsam mit Bob Hanning aus Berlin und Ligapräsident Reiner Witte heute die Klubinteressen vertritt. Dass am Ende der Gespräche der Rücktritt von Handballidol Brand stehen könnte, wollen die Beteiligten offenbar nicht zwingend zum Anlass nehmen, voreilig Zugeständnisse zu machen. „Es ist immer schlecht, wenn eine Diskussion mit Forderungen angegangen wird“, so Zerbe.

Brands einsamen Kampf gegen die Ligainteressen und zum Wohl der Nationalmannschaft hat Zerbe früher selbst als Auswahlspieler hautnah miterlebt. Gemeinsam mit ihm gewann der Lemgoer 2004 den EM-Titel und Olympiasilber, 2003 waren beide WM-Zweiter geworden. Die alte Verbundenheit veranlasste Zerbe schließlich auch zur Gründung der Task Force. Noch ist allerdings unklar, ob der Arbeitskreis analog zur Fußball-Nationalmannschaft, die 2000 nach dem EM-Desaster ein ähnliches Gremium ins Leben rief und damit die Basis für gegenwärtige Erfolge schuf, auch längst nötige Reformen einleitet. Bei der WM war überdeutlich zutage getreten, dass es etlichen Nationalspielern an Führungsqualität mangelt. Auch spielerisch enttäuschte das Team weitgehend.

Für Brand war das auch eine Folge der Ausrichtung etlicher Spitzenvereine, die verstärkt auf ausländische Spitzenkräfte setzen und allzu oft deutschen Talenten den Weg verbauen. Beispielhaft sei Rekordmeister THW Kiel genannt, der im vergangenen Sommer den hochtalentierten Kreisläufer Hendrik Pekeler – immerhin Allstar bei der Junioren-EM 2010 – in die zweite Liga zum Bergischen?HC wegschickte. Auch andere Konkurrenten bauen nicht zwingend auf den deutschen Nachwuchs. „Heute kauft man sich einen fertigen Ausländer, mit dem man sich nicht mehr abmühen muss“, so Heuberger. „Es ist natürlich ein viel schwierigeres Unterfangen, sich einen jungen deutschen Spieler zu holen und ihn zu entwickeln.“

Doch gerade dieses Umdenken wünscht sich Brand. Im Begehren um die Einführung einer Quote von drei bis vier jungen deutschen Spielern pro Bundesligateam auf dem Spielberichtsbogen ist er schon mal kläglich gescheitert. 2006 fuhr er nach Hannover, wo sein Vorschlag von Klubvertretern abgebügelt wurde. Sollte es eine Wiederholung der Geschichte geben, rechnet selbst Brands Assistent Heuberger mit dem Schlimmsten. „Wenn er nach den Gesprächen gar keine Perspektive mehr sieht, wird er sich fragen, ob er sich das noch antun muss.“

Trainer Alfred Gislason vom deutschen Rekordmeister THW Kiel hat einen revolutionären Vorschlag parat. Er ist für eine Verkleinerung der Bundesliga, um das Niveau der deutschen Nationalmannschaft zu heben. Ein Negativ-Beispiel sei „die zahlenmäßig große deutsche Liga. Die Spanier haben es besser, die spielen nur bis Mitte Dezember, können sich anschließend auf große Turniere einstimmen“, sagte er in einem Interview der „Kieler Nachrichten“.