Last-Minute-Remis

Werder in Mainz mit Glück – Schaaf wackelt trotzdem

Mit der einzigen Torchance rettet Bremen kurz vor Schluss einen Punkt in Mainz. Trotzdem ist fraglich, ob Thomas Schaaf am Saisonende noch Werder-Trainer ist.

Der Abstiegskampf ist bekanntlich Neuland für Werder Bremen. Jahrelang ging es um die Meisterschaft oder zumindest um den Einzug in die Champions League, jetzt sind plötzlich andere Tugenden gefragt. Manager Klaus Allofs nannte sie nach dem Schlusspfiff: „Die Mannschaft hat sich dagegen gestemmt“, sagte er. Und: „Sie hat bis zum Umfallen gekämpft.“ Schließlich: „Sie hat sich reingehauen“. Allofs war ein zufriedener Mann, denn die von ihm aufgezählten Qualitäten hatten ein unwahrscheinliches Happy End herbei geführt. Durch einen Treffer von Claudio Pizarro sicherte sich Werder in der Nachspielzeit ein glückliches 1:1 in Mainz.

Von einem „gefühlten Sieg“ sprach der Siegtorschütze gar und verlieh seinem Glauben Ausdruck, dass dieses Erlebnis, das Werder den Sturz auf den Relegationsplatz ersparte, „die Wende“ in der bisher so enttäuschenden Saison sein möge. Derweil lobte Allofs den Peruaner als „einen unserer wichtigsten Spieler, der sich mit so einer schlechten Phase nicht abfinden will“ – eine Beobachtung, die nicht nur von dem späten Tor genährt wurde. Wann hat man Pizarro schon mal mit einem Spurt über das halbe Spielfeld in der eigenen Hälfte einen gegnerischen Konter abgrätschen sehen wie diesmal in der 8. Minute?

Das Engagement stimmte bei den Bremern, das Spiel allerdings weniger, und anfangs schien sich auch das Schicksal gegen sie verschworen zu haben. Der erste Rückschlag jedenfalls kam früh, und er kam vom Schiedsrichter. Wieder. Vorige Woche hatte Thorsten Kinhöfer eine recht eigenwillige Regelauslegung angewandt, um den Bremern gegen Bayern einen womöglich spielentscheidenden Strafstoß vorzuenthalten. Diesmal schien sein Kollege Markus Schmidt gar nicht erst richtig hingeschaut zu haben. Sonst hätte er die Attacke von Christian Fuchs gegen Marko Marin mit Foulelfmeter ahnden müssen (12.).

Für das nächste Übel sorgten kurz darauf die eigenen Fans. Mit einem bengalischen Feuerwerk provozierten sie in der 16. Minute eine Spielunterbrechung. Trainer Thomas Schaaf schüttelte verständnislos den Kopf – als ob er ahnte, dass die Pause das sensible Gleichgewicht seiner Truppe durcheinanderbringen würde. Wenige Sekunden dauerte es nur nach Wiederanpfiff, da fiel die Mainzer Führung. Sami Allagui schickte einen Pass diagonal in die Mitte, wo sich Petri Pasanen und Per Mertesacker nicht auf ein synchrones Abwehrverhalten verständigen konnten, sodass Andre Schürrle allein vor dem Tor stand. Mit einem abgeklärten Lupfer ließ er Sebastian Mielitz, dem Vertreter des gesperrten Tim Wiese, keine Chance (19.).

Das Muster des Treffers war ähnlich simpel wie bei den Toren, die Werder vor Wochenfrist kassierte, als sich unter anderem Clemens Fritz und Torsten Frings problemlos aushebeln ließen. Just diese beiden Spieler nahm sich Schaaf daraufhin unter der Woche im Training zur Brust. Die Kiebitze am Übungsplatz staunten nicht schlecht, als der Coach entgegen seiner Gewohnheit sehr, sehr laut wurde – in aller Öffentlichkeit und bei zweien seiner Lieblingsspieler. Neben Mertesacker gelten Kapitän Frings und Flügelmann Fritz als die einzigen, zu denen er überhaupt ein stabiles Kommunikationsverhältnis pflegt.

Im Sommer, das steht bereits fest, wird es beim Personal einen radikalen Schnitt geben. Auch Schaaf wird wohl nicht mehr in die nächste Saison gehen, aber das ist schon fast nicht mehr die Frage, so eine Dynamik hat die Bremer Krise angenommen. Die Frage ist, ob Schaaf überhaupt noch diese Saison zu Ende bringen wird. Sowohl ihn als auch die Klubverantwortlichen plagen durchaus Zweifel. Immerhin, der Teilerfolg in Mainz dürfte seine Kreditlinie fürs erste wieder etwas erweitert haben.

Dass den Rheinhessen noch deren erstes Remis der Saison abgetrotzt wurde, darf man fast schon als Sensation bezeichnen. Zwölf Mal hatte Mainz in dieser Saison zuvor geführt und zwölf Mal dann auch gewonnen. Wie sollten ausgerechnet die Bremer daran etwas ändern? Als Pizarro in der Nachspielzeit nach einem langen Abschlag von Mielitz und Kopfballverlängerungen von Sebastian Prödl sowie Mertesacker den Ball gekonnt balancierte und dann volley einschoss, hatte Werder seit zwölf Stunden auswärts keinen Treffer mehr erzielt.

Am Samstag kam man bis zur turbulenten Nachspielzeit nicht mal zu einer echten Torchance. Wenn ein Treffer in der Luft lag, dann stets das Mainzer 2:0 – etwa als Andreas Ivanschitz nach wunderbarem Außenrist-Pass von Lewis Holtby ebenfalls den Außenrist benutzte, aber leicht verzog (31.). Vorausgegangen war ein typischer Mainzer Angriff mit direktem schnellen Spiel in die Spitze.

Dieser Fußball gilt als zeitgenössisch, doch Werder hat den Anschluss längst verpasst. Das Bremer Spiel wirkt langsam und umständlich, und auch von rustikaleren Offensivtugenden war bis zum frenetischen Finale nichts zu sehen. Die Standardsituationen etwa wurden allesamt miserabel exekutiert, mal wieder. Werder ist trotz seiner vielen großen Spieler diese Saison noch ohne Tor nach einer Ecke. Man mag es kaum glauben.