Berlin-Derby

"Der 1. FC Union ist Stadtmeister – tolles Gefühl"

Unions Mattuschka schoss mit seinem 2:1 die Köpenicker ins Glück. Dagegen ist die Derby-Sensation für Spitzenreiter Hertha BSC ein großer Schock. Abwehr löchrig, Chancen nicht genutzt, die Fehlersuche beginnt. Babbel weiß: "Das verzeihen die Fans nicht."

Es war Dominic Peitz, der das jubelnde Knäuel verschwitzter Fußballer in roten Trikots dorthin dirigierte, wo im Olympiastadion die Fans der Gastmannschaft stehen. Ausgerechnet Peitz führte die Profis des 1. FC Union an, die da freudetrunken und mit wild wedelnden Armen vor tausenden Sympathisanten des Klubs aus Köpenick auf- und abhopsten. Jener Peitz, der trotz Nasenbeinbruch ohne Gesichtsschutz spielte und die Derby-Pflichtspielpremiere im Stadion von Hertha BSC mit einem schrecklichen Patzer im eigenen Strafraum früh in eine für Union ungünstige Richtung gelenkt hatte. Aber jener Dominic Peitz auch, der aller Fehlerhaftigkeit zum Trotz mit Kampfkraft und im wahrsten Sinne des Wortes eiserner Disziplin dazu beigetragen hat, dass sich an einem regennassen Februarnachmittag mit einem 2:1 (1:1)-Auswärtssieg des 1. FC Union eine mittelgroße Berliner Fußballsensation ereignen konnte.

Für Hertha BSC, obwohl noch immer Tabellenführer der Zweiten Liga, bedeutete das Ergebnis einen so nicht erwarteten Rückschlag im Aufstiegsrennen.

Für besonderen Schmerz sorgte, dass es eine Niederlage in einem Prestigeduell war. „In einem Derby verzeihen die Fans keine Niederlage“, hatte Markus Babbel einmal gesagt – und so konnte Herthas Trainer sich nun nur „bei den Fans entschuldigen, die mit sehr viel Euphorie in das Derby gegangen sind“.

Parensen schwer verletzt im Krankenhaus

Festzuhalten bleibt aber, dass auch die enttäuschte Mehrheit ihren Frust während des Spiels oder danach nicht in verunglimpfende oder gar gewalttätige Bahnen lenkte. So wurde es, was es sein sollte: ein Fußballfest auf großer Bühne und vor einer 74.244 Zuschauer großen Kulisse, die eine großartige Atmosphäre erzeugte.

Erst recht euphorisch waren natürlich die Köpenicker. „Wir widmen den Fans den Sieg für eine bislang nicht so überzeugende Saison“, frohlockte Verteidiger Christoph Menz. Und Trainer Uwe Neuhaus konstatierte: „Die drei Punkte tun uns gut, sie machen uns glücklich und auch ein kleines bisschen stolz.“ Denn wer wie die Seinen „von den vergangenen 22 Auswärtsspielen nur eines gewonnen“ habe, und das auch noch beim in dieser Saison abgeschlagenen Liga-Letzten Arminia Bielefeld, der sei wohl unwidersprochen „als krasser Außenseiter bei Hertha angetreten“.

Doch so schlimm, wie die Partie aus Sicht der Eisernen dann begann, hatte sich auch der Trainer das nicht vorstellen können. Womit noch nicht einmal jener horrende Zusammenstoß von Michael Parensen mit Peter Niemeyer gemeint sein soll, der den Unioner mit einem Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades ins Virchow-Klinikum beförderte; für wenigstens 24 Stunden wird der Mittelfeldspieler dort zur Beobachtung bleiben müssen. Ob es dieser frühe Schock war, der die Gäste eine erste Halbzeit produzieren ließ, die Neuhaus „fast zur Weißglut“ brachte? „30 Minuten haben wir kaum Fußball gespielt, hatten die Hosen voll“, schimpfte der Trainer.

Höhepunkt des anfänglichen Unioner Dilettantismus war die Entstehung der Führung für Hertha. Gerade hatte der anfangs arg nervöse Marcel Höttecke mit einer bis dahin seltenen guten Parade den Ball noch zur Seite abgewehrt, da spielte Peitz ihn im Strafraum unbedrängt zu Nikita Rukavytsya. Der Australo-Ukrainer lupfte gedankenschnell, Roman Hubnik köpfte aus kurzer Distanz zu seinem ersten Tor im Hertha-Trikot ein – nach 13 Minuten führte der Favorit 1:0. Ehe auch er in der Folgezeit dilettierte.

„Wenn wir mit mehr Überzeugung und Konsequenz auf das zweite Tor spielen…“, haderte Babbel, „…dann wäre es für uns arg schwer geworden“, ergänzte Neuhaus.

So aber schöpfte Hertha aus vielen Chancen null Ertrag. Raffael scheiterte an Höttecke (19.), Rob Friend am Pfosten (53.) und der von Raffael nach 64 Minuten glänzend freigespielte und an sich sehr begabte Adrian Ramos nach 64 Minuten an seiner Schusstechnik.

Hertha fehlte die Konsequenz

„Wir müssen konsequenter sein, was Chancen angeht“, klagte hernach denn auch Kapitän Andre Mijatovic. „Wir hatte zu viele, um sie nicht zu nutzen. Union hatte zwei.“ Und beide waren drin.

So regierte, wo erst ein Debakel für den Außenseiter gedroht hatte, nach 72 Minuten im Olympiastadion nach Volkes Meinung – und von Herthas Ostkurve unwidersprochen – plötzlich der FCU. Auch für Neuhaus „völlig überraschend“ hatte John Jairo Mosquera nach 37 Minuten mit einem sehr sehenswerten Linksschuss ausgeglichen. Ausgerechnet Mosquera, der schon die ganze Saison lang verzweifelt sein Glück suchte. Der immer wieder Wackelkandidat war, den Trainer Neuhaus aber ob seiner verborgenen Qualitäten immer wieder aufs Feld beorderte.

Unschön an diesem vierten Saisontor des Kolumbianers war die Reaktion einiger Chaoten im Union-Fanblock am Marathontor. Sie zelebrierten das freudige Ereignis, indem sie ein Dutzend Bengalos entzündeten. Das in Fußballstadien deplatzierte Schauspiel wiederholte sich ein zweites Mal, nachdem Torsten Mattuschka den Außenseiter in Führung geschossen hatte; sein Freistoß aus 25 Metern sauste durch Herthas löchrige Abwehrmauer und widerstand auch Maikel Aerts Abwehrversuch (71.).

Aerts wieder einmal unglücklich

War es ein Fehler des Schlussmanns, dass der Ball zum 1:2 im Netz landen konnte? Während sich Trainer Babbel mit dieser durchaus wichtigen Frage nicht beschäftigen wollte, rechtfertigte sich Aerts so: „Für einen Torwart ist es immer schwierig, wenn der Ball durch die Mauer geht. Das darf nicht passieren. Ich war mit beiden Händen dran, er ist noch aufgesprungen, aber…“

Aber so feierten die Gäste-Fans noch inklusive Nachspielzeit 20 Minuten lang dem Schlusspfiff entgegen. Sie besangen ihre Liebe, ihre Mannschaft, ihren Stolz, ihren Verein – eben den 1. FC Union. Matchwinner Mattuschka jubelte nach dem Spiel: "Das ist schon ein geiles Gefühl. Im Hinspiel haben wir einen Punkt geholt, jetzt haben wir gewonnen. Damit haben wir die Stadtmeisterschaft für uns entschieden. Das hat vor der Saison sicherlich niemand gedacht."

Und mit jeder Minute wurden sie lauter, leidenschaftlicher, überzeugter. Bis die große Hertha nach 90 Minuten endlich geschlagen war – und die Berliner Derby-Sensation perfekt.

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Schema:

Berlin: Aerts - Lell, Hubnik, Mijatovic, Kobiaschwilli - Niemeyer (87. Lustenberger), Raffael - Rukavytsya, Ronny (80. Domowtschiski) - Friend, Ramos. - Trainer: Babbel

Union: Höttecke - Menz, Stuff, Göhlert, Kohlmann - Peitz, Parensen (4. Thomik) - Kolk (86. Brunnemann), Mattuschka, Ede (57. Benyamina) - John Jairo Mosquera. - Trainer: Neuhaus

Schiedsrichter: Jochen Drees (Münster-Sarmsheim)

Tore: 1:0 Hubnik (13.), 1:1 John Jairo Mosquera (37.), 1:2 Mattuschka (71.)

Zuschauer: 74.244 (ausverkauft)

Beste Spieler: Niemeyer, Ramos - Menz, Mosquera

Gelbe Karten: Lell (3), Raffael (3) - Peitz (8), Benyamina (2), Kohlmann (4)

Erweiterte Statistik:

Torschüsse: 16:6

Ecken: 10:3

Ballbesitz: 53:47 Prozent

Fouls: 24:20