Ski alpin

Wie Hans Gruggers Freundin bangt und leidet

Während die Ärzte des schwer gestürzten Skirennläufers vorsichtig optimistisch sind, diskutiert die Skibranche über Lehren aus den Stürzen des Winters.

Foto: REUTERS

Es ist nicht ganz klar, ob man sich Ingrid Rumpfhuber dieser Tage als eine glückliche Frau vorstellen soll oder nicht. Heute feiert die Österreicherin ihren 30. Geburtstag, und dankbar darf sie registrieren, dass ihr Freund Hans Grugger (29) ihr ein kleines Geschenk bereitet hat: er erkennt sie wieder.

14 Tage nach seinem schweren Sturz auf der „Streif“ in Kitzbühel liegt der Skirennläufer aus Salzburg noch immer auf der Intensivstation des Landeskrankenhauses in Innsbruck. Jedoch hat sich sein Zustand gebessert. Einerseits sei sie froh zu wissen, dass ihr Freund Fortschritte mache, sagte Rumpfhuber, selbst ehemalige Spitzen-Abfahrtsläuferin. Andererseits „geht es mir nicht ganz so gut. Ich schaffe es aber zu verkraften, dass es derzeit so ist, wie es ist“. Rumpfhuber weiß: der Status quo hätte schlechter sein können.

Gruggers Ärzte sprechen von „wirklich erfreulichen Nachrichten“: „Er kann kommunizieren, weiß bestimmte Dinge, zum Beispiel welchen Ski er fährt, und erkennt seine Freundin und seine Familie“, berichtete gestern der Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie, Claudius Thomé. Noch spreche Grugger „aber deutlich verlangsamt. Es ist eher ein Aneinanderreihen einzelner Wörter. Er kann auch noch keine komplexen Gedankengänge durchführen, aber das ist völlig normal bei einer so schweren Verletzung.“

Neben Rippenbrüchen, einer Lungenquetschung und einer Gefäßverletzung an der Halsschlagader erlitt Grugger auch zwei Brüche an der Halswirbelsäule, die jedoch ohne Operation verheilen sollen, und die sich glücklicherweise nicht verschoben haben. Am gravierendsten ist das schwere Schädel-Hirn-Trauma, bei dem es zu einer Blutung zwischen Gehirn und Schädelknochen kam.

Ungefähr eine Woche lang wird Grugger noch auf der Intensivstation bleiben müssen, wo weiterhin regelmäßig Tests durchgeführt werden. Die bislang letzten zeigten den Neurochirurgen, dass der Salzburger als Folge seines enorm harten Aufpralls mit dem Kopf derzeit gewisse Lähmungserscheinungen in der rechten Körperhälfte aufweist, die auf die Hirnverletzung zurückzuführen sind. Im Arm hat sich dieser Zustand bereits gebessert. Thomé: „Der Heilungsprozess dauert aber Wochen bis Monate.“

Trotz der unsicheren Perspektive und weiterhin drohender Lebensgefahr („Jeder Tag ohne Komplikation ist ein guter Tag“) kann Hans Grugger von Glück sagen, dass er noch lebt. Nach Schätzungen der Mediziner wären 40 bis 50 Prozent der Menschen nach einem Sturz wie jenem vom 20. Januar gestorben.

Unter dem Eindruck diverser schwerer Stürze im alpinen Skisport in diesem Winter – Gruggers Landsmann Mario Scheiber etwa brach sich vor einigen Tagen in Chamonix mehrere Knochen im Gesicht („Es dürften sehr viele Schutzengel dabei gewesen sein“) – ist die Sicherheitsdiskussion voll entflammt. Neu ist die Vehemenz und sind die Initiativen, die nun gestartet werden. Der Österreichische Skiverband beispielsweise wendet sich hilfesuchend an die Universität Innsbruck. Dort soll ein Team aus Sportwissenschaftlern „umgehend verschiedene, für die Verbesserung der Sicherheit wesentliche, Faktoren zu untersuchen“, etwa: Geländeprofile bei Sprüngen, Optimierung der protektiven Ausrüstung, Möglichkeiten zur Verringerung der Geschwindigkeit und infolgedessen des Gefahrenpotenzials.

Der Weltverband Fis tüftelt unterdessen an Materialänderungen, in Kooperation mit der Skiindustrie sind neue Prototypen im Test. Frühere Branchengrößen wie Norwegens Olympiasieger Kjetil Andre Amodt steuern ihre Erfahrung bei. Fis-Renndirektor Günter Hujara sagte im österreichischen Fernsehsender ServusTV: „Wir rufen alle Experten auf, dass sie mithelfen. Hermann Maier, ran an den Tisch! Komm, hilf uns und arbeite mit uns zusammen!“

Bei den von Verletzungen gebeutelten Kanadiern wird der Skiverbandspräsident Max Gartner nach der Saison einen Sicherheitsgipfel einberufen mit Fachleuten aus dem Sport, der Wissenschaft und der Industrie. „Wir sind sehr besorgt“, sagt Gartner. Das Problem schwerer Verletzungen „scheint die Teams in Wellen zu treffen. Wir werden nicht in der Lage sein, das Risiko völlig zu eliminieren. Aber wir wollen sichergehen, unserer Verantwortung gerecht zu werden, und den Sport so sicher wie möglich machen."

Doch wie so oft wird wohl, bevor sich die Dinge zum Besseren verändern, zunächst einige Zeit vergehen. Auch wenn Geduld schwer fällt. Was wird die Zukunft also bringen? Ingrid Rumpfhuber, die Freundin von Hans Grugger, mochte darüber Mittwoch in Innsbruck nicht sprechen. Sie sagte: „Ich denke nicht nach, was in einigen Wochen oder Monaten sein wird."