EM in Budapest

Schwimmverband vernachlässigt Kampf gegen Doping

Der europäische Verband bestätigt, dass es bei der EM keine Blutkontrollen gibt. Der Weltverband findet das ausreichend.

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Bei den Schwimm-Europameisterschaften wird der Kampf gegen Doping vernachlässigt. Nach Informationen von Morgenpost Online finden bei den Titelkämpfen in Budapest keine Bluttests statt. Auch ist die Zahl der Trainingskontrollen vor sportlichen Großereignissen rückläufig. Während vor sieben Jahren im Vorfeld der WM 100 Bluttests vorgenommen wurden, sank die Zahl bei der WM 2009 und EM dieses Jahr auf null. „Wir untersuchen in Budapest nur Urin, weil wir glauben, darin am besten die Rückstände von unerlaubte Substanzen nachweisen zu können“, sagte Leif Panduro Jensen, der bei den Wettkämpfen des europäischen Verbandes (Len) für die Dopingtests zuständig ist.

Der Weltverband Fina verteidigt seine Überwachungsmechanismen als ausreichend. „Unsere Trainingskontrollen sind stichhaltig und unsere wirksamste Waffe gegen Doping“, sagt Generaldirektor Cornel Marculescu, der auf die im Vorjahr 1196 in der Trainingsphase der Athleten vorgenommenen Tests verweist. Unter Experten ist dabei unumstritten, dass gerade in einer Kraft- und Ausdauersportart wie Schwimmen regelmäßige Blutkontrollen der Athleten für einen glaubwürdigen Antidopingkampf unabdingbar sind. Selbst Harm Beyer, Vorsitzender der Len-Rechtskommission und ehemaliger Präsident des europäischen Verbandes, bekrittelt das Prozedere der Kollegen als „halbherzig“. Um von einer sauberen Sportart zu sprechen, müsse sich vieles bessern, mahnte der ehemalige Strafrichter aus Hamburg. „Nur bei intensiven und qualitativ guten Kontrollen, dazu gehören auch Bluttests, lässt sich das Übel in Grenzen halten“, sagte Beyer Morgenpost Online.

Die Nachlässigkeiten der Schwimmfunktionäre trifft die Branche an einem empfindlichen Nerv. Über 50 Meter Schmetterling schwamm in dem Spanier Rafael Munoz in Budapest ein Wassermann zu Gold, dessen Teilnahme höchst umstritten ist. Weltrekordhalter Munoz (22) war seit der WM im Vorjahr bei drei Dopingkontrollen unauffindbar. Dafür sehen die Statuten eigentlich eine Sperre von zwei Monaten bis zwei Jahren vor. Doch Munoz kam vor der Fina-Antidopingkommission mit einer Verwarnung davon. Zu seiner Verhandlung brachte Munoz seinen Leibarzt mit, der seinem Patienten als Begründung für den ersten versäumten Test einen „verwundbaren psychologischen Zustand“ attestierte. Munoz’ Mutter habe zwar die mahnende Post der Fina erhalten, doch leider spreche sie kein Englisch.

Was mühelos als Posse durchgehen könnte, fanden die Fina-Delegierten schlüssig. Sie hielten den ersten versäumten Test für entschuldbar und ließen den muskelbepackten gebürtigen Andalusier, der in Barcelona trainiert, für die EM zu, weil er ja nur zwei Kontrollen verschwitzte.

„Ich bin mit dem Beschluss nicht zufrieden, weil der Fall nur unzureichend gewürdigt wurde“, brummt Harm Beyer. Der renom-mierte Jurist hätte sich ein objektives Gutachten gewünscht und kritisiert, dass die Fina die Entscheidung unter Zeitdruck getroffen habe. Wenn jemand wie Munoz einen Tatbestand abstreite, müsse man sich als ein umfassendes Bild machen. Die Fina-Kommission tagte aber erst Mittwoch vor einer Woche. „Das späte Anberaumen ist mir unverständlich. Damit tut man niemandem einen Gefallen, auch nicht dem Sportler.“

Darüber hinaus hält es Beyer für denkbar, dass die Weltantidopingagentur Wada, die Akteneinsicht beantragt hat, der Fina das Urteil um die Ohren hauen wird und der Internationale Gerichtshof noch nachträglich eine Sperre verfügt.

Verheerende Signalwirkung

Doch nichts fürchtet Beyer so sehr wie die verheerende Signalwirkung für andere Athleten. „Die Botschaft heißt doch jetzt: Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, wenn ihr bei einer Kontrolle nicht angetroffen werdet. Ihr könnt auch mehrmals ungenau sein und müsst trotzdem keine Sperre befürchten.“ Dass die Fina die sechs Mitglieder der Antidopingkommission nicht mehr wählen lässt, sondern ernennt, trage zum Misstrauen bei. „Ich finde es immer glaubwürdiger, wenn man unabhängig, vielleicht auch mal gegen die Meinung des Präsidiums, entscheiden kann“, sagt Beyer, bis vor der WM 2009 selbst Chef der Fina-Antidopingkommission.

Überdies hält Beyer die gesamte Szene für wenig standhaft. Als Munoz in Budapest die Goldmedaille umgehängt wurde, spielten die Athleten heile Welt und klatschten brav Beifall. „Wo bitte schön“, wundert sich Beyer, „waren die Pfiffe für Munoz? Alle wussten, was los ist, aber nicht einer hat sich getraut.“