Junge Mutter

Kober – "Ich bin praktisch ein neuer Mensch"

Snowboarderin Amelie Kober, die bei der WM Edelmetall knapp verpasste, spricht mit Morgenpost Online über das Leben als Mutter und Maria Rieschs Hilfe.

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Dass sich Amelie Kober für die Snowboard-Weltmeisterschaften in La Molina/Spanien qualifizieren konnte, grenzt an ein Wunder. Fast die Hälfte der Saison hatte die 23-Jährige verpasst, erst beim Weltcup vor anderthalb Wochen schaffte sie die Qualifikation. Am Mittwoch landete sie im Parallelriesenslalom beim Sieg der Russin Alena Sawarsina auf Rang vier. Der Grund für die abenteuerliche Terminplanung der Olympiazweiten von 2006 heißt Lorenz und ist vier Monate.

Morgenpost Online: Wie lange haben Sie heute Nacht geschlafen, Frau Kober?

Amelie Kober: Nicht so lange, ehrlich gesagt. Aber soll ich Ihnen was verraten?

Morgenpost Online: Nur zu!

Kober: Ich bin überhaupt nicht müde. Das war früher ganz anders, da war ich oft den ganzen Tag wie verkatert, wenn ich am Vorabend unterwegs war. Das ist jetzt alles wie weggeblasen, wenn ich mein Kind anschaue. Ich hätte nie gedacht, dass es so krass sein würde. Aber die Prioritäten haben sich komplett verschoben. Ich bin praktisch ein neuer Mensch.

Morgenpost Online: Woran machen Sie das fest?

Kober: Zum Beispiel am Autofahren. Früher habe ich nicht viel Wert auf das Tempolimit gelegt. Schneller ist besser, das war mein Motto. Seit Lorenz auf der Welt ist, fahre ich nur noch streng nach Vorschrift. Ob ich drei Minuten früher oder später ankomme, das ist nicht mehr so wichtig. Auch bei der Wahl des Autos denke ich jetzt anders: Ich schaue nicht mehr auf die PS-Zahl, sondern auf einen großen Kofferraum und Platz für den Kindersitz. Mama-Sein ist das Wichtigste.

Morgenpost Online: Wahrscheinlich sind sie die einzige Snowboarderin im Weltcup, die eine Familienkutsche fährt.

Kober: Mit Sicherheit sogar. Snowboarder sind ja immer darauf bedacht, möglichst cool und hip rüberzukommen. Die meisten sind es übrigens auch.

Morgenpost Online: Passen Sie noch in diese Welt?

Kober: Ich denke schon. Am Anfang hatte ich Angst, wie eine Spießerin behandelt zu werden. So jung Mutter zu werden, das passt nicht zum Lebensentwurf einer Snowboarderin. Aber bei uns in der Trainingsgruppe wurde ich sehr herzlich empfangen. Als ich zum ersten Mal wieder bei einem Rennen auftauchte, fühlte ich mich ein bisschen wie ein Tier im Zoo. Alle standen sofort um mich herum, um mein Baby zu bewundern. Ich glaube, viele von ihnen hätten selber gern eines, trauen sich aber nicht recht.

Morgenpost Online: Wie verkraften Sie denn die Doppelbelastung?

Kober: Ich versuche, mein Kind so oft bei mir zu haben, wie es geht. Beim Training kommt meine Mutter mit, wann immer sie Zeit hat und passt auf den Kleinen auf. Wenn ich Krafttraining mache, nehme ich ihn selbst mit in den Fitnessraum.

Morgenpost Online: Bei den Olympischen Spielen im Februar vergangenen Jahres in Vancouver sind Sie gefahren, obwohl Sie von der Schwangerschaft wussten.

Kober: Ich stand die ganze Zeit unter ärztlicher Beobachtung. Das Risiko war absolut unter unserer Kontrolle.

Morgenpost Online: Sie starten am Freitag auch noch im WM-Parallelslalom. Wie nah sind Sie Ihrem Leistungslimit?

Kober: Das ist schwer zu sagen. Ich fühle mich gut und habe wieder Spaß am Fahren. Natürlich habe ich noch Trainingsrückstand, weil ich den Sommer über ja anderes zu tun hatte. Aber wer für die WM qualifiziert ist, fährt nicht nur zum Vergnügen dorthin. Alle wollen eine Medaille gewinnen. Das gilt auch für mich.

Morgenpost Online: Stichwort Medaille: Im Vorwinter klagten Sie, der Verband habe Ihr Olympiasilber von 2006 zu schlecht vermarktet.

Kober: Das sehe ich inzwischen viel gelassener. Von heute aus betrachtet wirkt es wie verschwendete Energie, dass ich mich damals aufgeregt habe. Meine ganze Konzentration gilt dem Kind, an Sponsoren verschwende ich keine Gedanken mehr, das sollen andere machen.

Morgenpost Online: Der DOSB hat unlängst das Ziel ausgegeben, bei den Winterspielen in Sotschi fünf Medaillen in jungen Sportarten wie Snowboard oder Skicross zu gewinnen.

Kober: Das ist eine sehr vernünftige Forderung. Snowboardfahren ist in meinen Augen auf dem besten Weg in die Mitte der Gesellschaft. Um auf Dauer in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, braucht ein Sport allerdings Erfolge.

Morgenpost Online: Snowboard bringt alles für einen perfekten Mediensport mit. Die Rennen sind schnell, spektakulär und für den Zuschauer einfach zu verstehen

Kober: Das finde ich auch. Zuletzt haben ja sogar die alpinen Skifahrer unseren Modus kopiert am Olympiahang.

Morgenpost Online: Sie spielen auf den Parallelslalom in München an, der von vielen als Vorgeschmack auf die Zukunft des alpinen Skirennsports gesehen wird. Begreifen Sie solche Events nicht als Konkurrenz, die den Snowboardern Aufmerksamkeit rauben?

Kober: Nein, im Gegenteil. Wenn die Leute in Zukunft den Parallelslalom der Snowboarder sehen, wissen sie: Ah, das sind ja die gleichen Regeln wie bei der Maria Riesch. Etwas Besseres kann uns doch gar nicht passieren.