Hannover 96

Carsten Maschmeyer – Aus der Kurve in die Loge

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Jens Bierschwale

Foto: Reto Klar

Dass der Traditionsklub Hannover 96 keine Fahrstuhlmannschaft mehr ist, liegt auch an Carsten Maschmeyer. Der 50 Jahre alte Unternehmer, den es schon als kleinen Jungen von Hildesheim ins Niedersachsenstadion zog, ist mittlerweile Multimillionär und einer der wichtigsten Förderer des Vereins.

Früher war längst nicht alles besser. Um den Klub seines Herzens zu sehen, musste Carsten Maschmeyer als kleiner Junge erst mit dem Bus von Hildesheim nach Sarstedt fahren, dann ging es weiter per Straßenbahn nach Hannover, die letzten zwei Kilometer bis zum Niedersachsenstadion legte er zu Fuß zurück. „Ein beschwerlicher Weg“, wie er selbst sagt.

Heute hat es der 50 Jahre alte Unternehmer wesentlich leichter. Mit der schwarzen Luxusklasse wird er zur Arena gefahren, die drei Buchstaben der von ihm gegründeten Firma prangen gut sichtbar am Eingang und auf der Haupttribüne. Maschmeyer hat nun eine Loge im Stadion, dort, wo er als kleiner Junge noch in der Fankurve stand. „Früher war ich nach Spielen oft heiser, weil wir die Mannschaft angefeuert und die Vereinslieder gesungen haben“, sagt er. „Heute habe ich mich mehr im Griff. Ich bin niemand, der nach Siegen ausflippt oder überreagiert.“

Maschmeyer, Gründer des Finanzdienstleisters AWD, hundertfacher Millionär und neuer Partner von Schauspielerin Veronica Ferres, hat als Sponsor den Aufstieg von Hannover 96 begleitet. 2002 ist er mit seinem Unternehmen als Namensgeber der Arena eingestiegen, ohne das Engagement wäre der Klub aus der Landeshauptstadt vermutlich das geblieben, was er vorher war: eine Fahrstuhlmannschaft. Nun sei Hannover in der siebten Saison in der Eliteklasse vertreten und im Durchschnitt seither Elfter. Netter Nebeneffekt: Im Zuge des Sponsorings stieg die Markenbekanntheit des Finanzdienstleisters unter Fußballinteressierten von 42 auf 66 Prozent.

Seit 27 Jahren Mitglied

Für Maschmeyer sind derartige Werte wichtiger als Punkte und Tabellenplätze. Er ist zwar seit 27 Jahren Mitglied bei Hannover 96, aber das Fansein ist zunehmend knallharter Kalkulation gewichen. „Wir machen das nicht nur aus regionaler Verbundenheit und Sympathie. Sondern unsere Marketingexperten achten darauf, dass das Sponsoring effizient ist. Mit der Sponsorenwerbung in Hannover kommt keine Zeitungs- oder Kinowerbung mit“, sagt er und blickt von seinem Logenplatz ins Stadion.

Früher stand er mit Fanschal dort, nun trägt er einen dunkelblauen Designeranzug, die Krawatte in seinen Lieblingsfarben blau und lila ist akkurat gebunden, am Hemd blitzen die goldenen Manschettenknöpfe. Der einst prägende Schnurrbart ist ab, auf Anraten der Ferres, wie es heißt. Maschmeyer spricht leise und überlegt lange, bevor er antwortet. Seit er von AWD in den Verwaltungsrat des Mutterkonzerns Swiss Life gewechselt ist, hat er sich zurückgenommen. Er spielt nun mit den „großen Jetons“ („Spiegel“), und er genießt es, weil er die nächste Stufe seines unfassbaren Aufstiegs erklommen hat.

Früher, als Hannover eben noch eine Fahrstuhlmannschaft war, deutete wenig darauf hin, dass Maschmeyer einmal zu derartigem Ruhm gelangen könnte. In Hildesheim wächst er in bescheidenen Verhältnissen auf, den Vater lernt er nie kennen. Nach dem Abitur beginnt er ein Medizinstudium, das er aber im siebten Semester zugunsten einer Karriere als Finanzberater 1982 abbricht. Zwei Jahre später ist er Landesdirektor der „Objektiven Vermögensberatung“ und hat seine erste Millionen verdient. 1988 gründet er den „Allgemeinen Wirtschaftsdienst“ (AWD) und steigt durch den Handel mit Versicherungspolicen und Fonds zum Branchenriesen auf. Durch mehrere Verkäufe von Aktienpaketen steigert er sein Vermögen bis heute auf geschätzte 500 Millionen Euro.

Rastlos ist er trotzdem geblieben. „Erfolg wird im Sport und insbesondere in der Wirtschaft mit Einkommen gerechnet“, sagt er. „Mir war der Erfolg immer wichtiger als das Genießen. Auch heutzutage ist für mich das Erreichen bestimmter Dinge wichtiger als das Genießen des Vorhandenen.“

Vielleicht passt er deswegen gut zu Hannover. Die Stadt, die noch immer an vielen Stellen unter den Bausünden der 50er- und 60er-Jahre zu leiden hat, strahlt auch eine gewisse Rastlosigkeit aus. Mondän ist sie nicht, aber durch die Messe und als ehemaliger Expo-Standort floriert sie. Die Arena entstand einst aus Trümmerschutt der in den Kriegswirren zerbombten Landesmetropole, nun, nach mehrmaligem Umbau, zählt sie, gleich neben dem Maschsee gelegen, zu den Attraktionen der Stadt. Maschmeyer kommt drei- bis viermal pro Saison hierher, mehr erlaubt die Zeit nicht. Robert Enke ist sein Lieblingsspieler, früher waren es Wehmeyer und Stegmeyer, weil die so toll in eine Reihe mit Maschmeyer passen. Wie die beiden Außenstürmer war auch er als Jugendlicher Angreifer, spielte beim SC Drispenstedt und Borussia 06 Hildesheim. „Ich wollte Tore schießen. Das ist doch spannender als zu verteidigen“, sagt er.

Tore schießen, agieren, das ist Maschmeyer, der früher unter den Finanzberatern als König der Klinkenputzer galt und nebenbei als Mittelstreckenläufer den Tempomacher bei Sportfesten mimte. Manchmal sei er auch im alten Niedersachsenstadion gelaufen. Nun steht er wieder in der Arena, die keine Laufbahn mehr hat, aber für Maschmeyer immer noch Faszination ausstrahlt. Er geht durch die Katakomben, vorbei an Fotos von Schatzschneider und Hellberg. Helden vergangener Tage. „Am liebsten wäre es mir, wenn alle Spiele 9:9 oder 10:10 ausgehen, weil ich mich als Sponsor über tolle Tore freue.“

Er ist ein Mann mit Visionen geblieben, und er ist wichtig für 96. Sollte die umstrittene 50+1-Regel, die überbordende Einflussnahme von außen hindert, fallen, stünde er wohl mit AWD als Großinvestor bereit. „Wenn man bedenkt, dass die Vereine inzwischen Wirtschaftsunternehmen sind, ist es logisch, dass es nach den Gesetzen der Wirtschaft gehen sollte“, sagt er. „Die 50+1-Regelung wird deshalb früher oder später fallen.“

Für ihn, den Fan und Financier, würde es zum Selbstverständnis passen. Mit Mittelmaß hat er sich eben noch nie begnügt. „Es macht Spaß, Erfolg zu haben, zu gewinnen, sich zu freuen“, sagt er. Und lächelt.

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