Rallye Dakar

Berliner Co-Pilot Timo Gottschalk träumt von Sieg

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Matthias Brzezinski

Foto: REUTERS

Noch 4000 Kilometer sind es bis zum Ziel für den 36-jährigen Timo Gottschalk aus Berlin: Er als Beifahrer ist dieses Jahr besonders wichtig, denn das Navigieren ist noch schwieriger geworden. „Wege finden, wo eigentlich keine sind".

Der Stolz in der Stimme von Timo Gottschalk ist nicht zu überhören, auch wenn der 36-jährige Berliner eine dezent skeptische Botschaft verkündet. „Wir sind noch nicht durch“, sagt der Blondschopf, und es knackt in der Handy-Übermittlung mehr als zehntausend Kilometer von Berlin entfernt. „Noch nicht durch“ bezieht der diplomierte Ingenieur für Fahrzeugtechnik und professionelle Co-Pilot im VW-Dakar-Werksteam auf den Gesamtsieg beim 9000-km-Wüstenklassiker in Argentinien und Chile.

Gemeinsam mit seinem Chauffeur Nasser Al-Attiyah (Katar) hat Gottschalk auf der Königsetappe von Antofagasta nach Copiapo – kürzlich noch im weltweiten Fokus durch das glücklich beendete Bergwerksunglück – VW-Superstar und Vorjahressieger Carlos Sainz (Spanien) um gut sechs Minuten das Nachsehen gegeben. Eine Vorentscheidung? Hatten Al-Attiyah/Gottschalk 2010 den Gesamtsieg doch nur um lächerliche 2:12 Minuten gegen den zweimaligen Rallye-Weltmeister und seinen Co-Piloten Lucas Cruz verpasst. „Sechs Minuten und 36 Sekunden“ präzisiert Gottschalk und verrät damit unbeabsichtigt seinen Hang zur Perfektion. „Für 100 Kilometer Sonderprüfungsstrecke brauche ich mindestens eine Stunde Vorbereitungszeit, manchmal auch mehr“, sagt der „Pfadfinder“ des 40-jährigen Wüstensohnes.

„Timo hat schon bei seinem ersten Auftritt während einer WM-Rallye 1999 nichts dem Zufall überlassen“, bestätigt sein damaliger Pilot im Skoda, Niklas Birr, der heute zum Techniker-Aufgebot von Volkswagen bei der Rallye Dakar gehört.

Orientierungsgrundlage für Gottschalk sind das sogenannte Roadbook, das der Veranstalter jeweils nach Zielankunft einer Etappe für das folgende Teilstück an die Co-Piloten aushändigt, die GPS-Navigeräte und Erfahrungswerte aus vorherigen Rallyes.

Dabei steht die Dakar-Ausgabe 2011 deutlich stärker im Zeichen der Beifahrer. Die Veranstalter haben das Navigieren 2011 erschwert. „Mein Job ist es, da den besten Weg zu finden, wo eigentlich überhaupt kein Weg ist“, beschreibt Gottschalk ein wenig die Quadratur des Kreises für ihn und seine Kollegen. Und erklärt, warum das so ist.

„Auf jeder der 13 Etappen gibt es Wegpunkte, die wir anfahren müssen. Da kann man nicht schummeln, denn die Elektronik zeichnet auf, ob wir ordnungsgemäß vorgegangen sind“, so Gottschalk. „Früher sahen wir auf dem Navi bereits in drei Kilometer Entfernung, ob wir uns einem Wegpunkt nähern. Dann musste man auf 200 Meter rankommen und war registriert. Heute reagiert das Gerät erst in einem Umkreis von 800 Metern. Also muss man viel langsamer an die Wegpunkte heranfahren.“ Um Missverständnissen vorzubeugen: das Navigationsgerät führt nicht automatisch zum Wegpunkt. Auslassen führt zu Strafen.

Auslassen kommt bei Gottschalk auch nicht vor, im Gegenteil. „Jetzt kommen die Tage, an denen wir uns einen Vorsprung erarbeiten müssen, wenn wir die Rallye gewinnen wollen“, setzt der ehemalige Hobby-Motocrosser und zeitweilige Pizzabote auf Offensive. Und in dieser Hinsicht „tickt“ Gottschalk genauso wie Nasser Al-Attiyah. Der hatte auf der Königsetappe die Marschroute festgelegt: „Ich habe vor dem wichtigen Dünenabschnitt zu Timo gesagt: Jetzt oder nie. Wir haben das Maximum herausgequetscht. Das Ziel war es, den Rückstand zu verringern. Nun ist die Gesamtführung daraus geworden. Wir müssen weiter clever zu Werke gehen, um diesen Vorsprung bis zum Ende zu verteidigen.“

Wobei clever für Al-Attiyah gleichzusetzen ist mit Vollgas, sprich mehr als 200 km/h. Neben dem Sieg bei der Dakar hat Al-Attiyah noch einen Traum. 2004 erkämpfte er für Katar bei den Olympischen Spielen in Athen Platz vier im Tontaubenschießen. 2012 in London oder 2016 in Brasilien soll eine Medaille her.

Timo Gottschalk denkt auch voraus. Mit einem Gesamtsieg bei der Dakar wäre er seinem Ziel von einem festen Arbeitsplatz als Co-Pilot in der Rallye-Weltmeisterschaft sicher ein kleines Stück näher gekommen. Nicht zuletzt weil man bei seinem derzeitigen Arbeitgeber Volkswagen durchaus über einen werksseitigen Einstieg nachdenkt. „Das wäre schon großartig“, sagt Gottschalk. Aber noch liegen rund 4000 Kilometer zwischen Al-Attiyah/Gottschalk und der Siegerrampe in Buenos Aires. Und nirgendwo gilt der Satz „Wie gewonnen, so zerronnen“ wohl gnadenloser als in der Wüste.

Nur zu wahr: Denn Routinier Carlos Sainz machte auf der neunten Etappe ernst und reduzierte den Vorsprung von Al-Attiyah/Gottschalk auf 3:18 Minuten. Timo Gottschalk ist auf gutem Weg, aber eben noch nicht durch.