Franz Beckenbauer

"Da waren wir schlecht wie ein Absteiger"

Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer zieht im Interview mit Morgenpost Online seine Bilanz der Hinrunde und spricht über Louis van Gaal und Manuel Neuer.

Bayern Münchens Ehrenpräsident Franz Beckenbauer (65) hält Borussia Dortmund für einen würdigen Titelträger, weil das Team konstant gut spielt. Nicht so seine Bayern. Zu Hause seien die Spiele der Münchener ganz passabel gewesen, auswärts sei die Mannschaft aber schlecht wie ein Absteiger aufgetreten: „Das ist das große Problem in dieser Saison.“

Morgenpost Online: Herr Beckenbauer, die Tabelle lügt bekanntlich nicht. Gilt diese Weisheit nach Abschluss dieser Hinrunde?

Franz Beckenbauer: Ja, sicher. Um oben zu stehen, muss man Leistung bringen. Borussia Dortmund hat die beste Leistung erbracht, darum sind sie der würdige Tabellenführer. Was sie ausgezeichnet, ist, dass sie ohne Unterbrechung stark waren. Bei den anderen war das eine Berg- und Talfahrt. Auch bei den Bayern. Eine Woche top, in der nächsten nicht zum Anschauen.

Morgenpost Online: Hätten Sie Dortmund eine solche Leistung zugetraut?

Beckenbauer: Dass sie da vorne mitreden können, habe ich schon für möglich gehalten. Diese Konstanz aber hat mich erstaunt. Das ist bei so einer jungen Truppe sehr ungewöhnlich. 14 Spiele gewonnen, nur ein Unentschieden und zwei Niederlagen – das ist eine grandiose Bilanz. Besser kann man es nicht machen.

Morgenpost Online: Wäre der Dortmunder Trainer Jürgen Klopp nicht einer für die Bayern?

Beckenbauer: Langsam, langsam. Louis van Gaal soll sich erst mal in München austoben und wenn möglich noch ein paar Titel holen. Dann sehen wir weiter.

Morgenpost Online: Mannschaften wie Mainz, Hannover und Frankfurt mischen in der Spitzengruppe der Liga mit. Ist die Bundesliga homogener geworden?

Beckenbauer: Nur insofern, als dass die großen Mannschaften schwächer geworden sind.

Morgenpost Online: Zu denen auch Ihr FC Bayern zählt?

Beckenbauer: Ja. Natürlich war das keine optimale Hinrunde. Die Heimspiele waren fast durchweg gut. Aber die Auswärtsspiele… Da waren wir schlecht wie ein Absteiger – jedenfalls vom Ergebnis her. Vor dem 17. Spieltag hatten wir sechs Punkte auswärts geholt – einen weniger als der Tabellenletzte Mönchengladbach, dann kam noch Stuttgart, und es waren neun Punkte. Wir wissen also, wo das Problem liegt: in der Fremde.

Morgenpost Online: Problem erkannt heißt bekanntlich noch nicht Problem gebannt.

Beckenbauer: Das stimmt. Unsere Auswärtsschwäche muss sich schleunigst ändern, wenn wir in der Bundesliga noch zu einem versöhnlichen Abschluss kommen wollen. Vor Stuttgart haben wir von vier Auswärtsspielen drei verschenkt: Ein Unentschieden in Gladbach, eines in Leverkusen, wo der Ausgleich durch einen völlig unnötigen Elfmeter fällt. Und dann natürlich das 0:2 auf Schalke. Die haben eine Stunde nur zugeschaut, bis dahin hätten wir zwei oder drei Tore schießen können. Und dann machen die Schalker aus dem Nichts zwei Tore. Das sind alles hergeschenkte Punkte. Wir machen die Gegner stark. Das ist eine Konzentrationsfrage, an der Louis van Gaal intensiv arbeiten sollte.

Morgenpost Online: Apropos Schalke: Bei besagtem Spiel wuchs Torwart Manuel Neuer wieder einmal über sich hinaus. Der FC Bayern soll starkes Interesse an einer Verpflichtung haben.

Beckenbauer: Er ist ja schon seit langem bei uns im Gespräch. Man hätte vielleicht eher handeln müssen, wenn man ihn wirklich gewollt hat. Jetzt ist es schwierig. Mittlerweile hat er einen Marktwert, der weit über die Landesgrenzen hinausgeht. Ich kann mir gut vorstellen, dass er Anfragen aus allen Topligen bekommt und große Klubs hinter ihm her sind.

Morgenpost Online: Jörg Butt hört zum Saisonende auf. Was ist mit Nachwuchsmann Thomas Kraft? Kann es sich der FC Bayern nach dem misslungenen Experiment mit Michael Rensing noch einmal leisten, auf einen unerfahrenen Schlussmann zu setzen?

Beckenbauer: Wenn man Manuel Neuer nicht bekommt – und Rene Adler von Leverkusen wird man auch nicht bekommen – dann bleibt wohl keine andere Möglichkeit, als noch einmal das Experiment zu wagen. Aber Kraft scheint mir bodenständig zu sein. Er hat bisher einen sehr guten Eindruck vermittelt. Ich kenne ihn aber zu wenig, um ermessen zu können, wie er in Stresssituationen reagiert.

Morgenpost Online: Bastian Schweinsteiger hat gerade seinen Vertrag bis 2016 verlängert. Machen Sechs-Jahres-Verträge im Fußball Sinn?

Beckenbauer: Das ist keine Garantie, denn ein Spieler kann ja heute gehen, ohne groß um Erlaubnis zu fragen – die Vereine müssen sich dann nur über die Ablösesumme einig werden. Aber so ein langer Vertrag ist ein starkes Zeichen. Es ist für den Verein schön, einen so wichtigen Spieler bis 2016 unter Vertrag zu haben. In der Zeit bringt er bei einem Verkauf immerhin gutes Geld ein.

Morgenpost Online: Der FC Bayern scheint derzeit Pflöcke für die Zukunft einzuschlagen: Philipp Lahm hat bis 2016 unterschrieben, Ribery bis 2015, Thomas Müller und Holger Badstuber bis 2014. Dafür gab es jeweils immense Gehaltserhöhungen.

Beckenbauer: Unsere Maxime der vergangenen 40 Jahre war immer, nicht mehr auszugeben als wir einnehmen. Nach diesen kaufmännischen Grundsätzen lebt der FC Bayern auch heute noch. Ich bin also überzeugt, dass uns die Kosten nicht über den Kopf wachsen werden. Da passen unser Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, Finanzvorstand Karl Hopfner und Präsident Uli Hoeneß schon auf. Wenn es nicht finanzierbar wäre, würden sie dem Spieler schon sagen: ‚Du bist für uns nicht finanzierbar’.

Morgenpost Online: Ist Trainer van Gaal der Richtige, um das „Langzeitprojekt“ anzuschieben?

Beckenbauer: Ja, von seiner Auffassung und Philosophie her ist er jemand, der langfristig denkt und plant. Ich glaube, die angesprochenen Vertragsverlängerungen sind auch ein Zeichen an ihn. Es ist ja schön für einen Trainer, wenn er mit Spielern planen kann.

Morgenpost Online: Was kann und muss er in dieser Saison mit dem FC Bayern erreichen?

Beckenbauer: Platz eins ist weg, das ist klar. Da wird Dortmund sich keine Blöße mehr geben. Aber Rang zwei ist noch realistisch – und damit wären wir immerhin direkt für die Champions League qualifiziert. Wir müssen aber sehr aufpassen, dass wir den Abstand dorthin nicht zu groß werden lassen.

Morgenpost Online: Muss der FC Bayern in die Champions League kommen?

Beckenbauer: Finanziell könnten wir uns leisten, auch mal die Qualifikation zu verpassen. Aber moralisch, aus Verpflichtung vor unseren Fans, wäre das nicht akzeptabel. Der FC Bayern hat den Anspruch, jedes Jahr in der Königsklasse vertreten zu sein. Und ich bin sehr optimistisch, dass wir es auch in dieser Saison schaffen.