Manipulationsaffäre

"Im Handball die schwarze Schafe aussortieren"

Mit einem Brief an den Manager des THW Kiel hat Dieter Matheis den vermeintlich größten Skandal im Handball ausgelöst. Darin bat der Beiratsvorsitzende der Rhein-Neckar Löwen um Aufklärung. Bei Morgenpost Online spricht der 66-Jährige über die Manipulationsaffäre, Kieler Rachegelüste und heftige Imageschäden.

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Morgenpost Online: Herr Matheis, im Champions-League-Halbfinale gegen den THW Kiel war Ihre Mannschaft insgesamt chancenlos. Was fehlt den Rhein-Neckar Löwen noch zum absoluten Spitzenteam?

Dieter Matheis: Der THW spielt seit langem zusammen, ist sehr homogen und hat etliche Spitzenspieler in seinen Reihen. Da müssen wir noch einiges tun, um dahin zu kommen. Ich bin aber dennoch sehr zufrieden.

Morgenpost Online: Trotz des deutlichen 23:37 im Hinspiel?

Matheis: Sie wissen doch, dass es im Sport immer mal wieder vorkommt, dass man einen miserablen Tag erwischen kann. Das war bei uns im Hinspiel der Fall. Im Rückspiel haben wir schon viel besser ausgesehen. Und dass wir überhaupt das Halbfinale der Champions League erreicht haben, ist etwas Großartiges für unseren Verein. Wir sind im ersten Jahr dabei, und deswegen ist das Abschneiden eine ganz starke Leistung gewesen.

Morgenpost Online: Kiel wirkte auch deshalb unglaublich motiviert, weil einige Verantwortliche in den Rhein-Neckar Löwen ein neues Feindbild im Zuge der Affäre ausgemacht haben. Trainer Alfred Gislason sagte nach dem Hinspiel, er müsse nur die Namen von Löwen-Manager Thorsten Storm und Gesellschafter Jesper Nielsen nennen und schon würde es „brennen“ in der THW-Kabine.

Matheis: Diese Äußerung kann ich nicht nachvollziehen. Es ist Gislasons Meinung – und die darf er haben. Ich sehe aber nicht, was Thorsten Storm oder Jesper Nielsen in den vergangenen Wochen falsch gemacht haben sollten. Das war alles okay von den beiden Herren.

Morgenpost Online: Sie selbst haben mit Ihrem Brief die Affäre ins Rollen gebracht. Sind Sie rund zwei Monate später immer noch überrascht über die Wucht der Ereignisse?

Matheis: Überrascht weniger. Wenn die Organe in Kiel jetzt die erforderlichen Schritte unternehmen und für Aufklärung sorgen, geht es in die richtige Richtung. Gesellschafter und Geschäftsführung des THW müssen für eine umfassende Transparenz in der ganzen Sache sorgen.

Morgenpost Online: Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der THW hat den heftig beschuldigten Manager Uwe Schwenker zum Rücktritt gedrängt und will umfassende Umstrukturierungen im administrativen Bereich vornehmen. Reicht das aus?

Matheis: Ich weiß nicht, wo die Staatsanwaltschaft in ihren Ermittlungen steht. Ich habe aber registriert, dass der Verein Aufklärung will und diese auch fördert.

Morgenpost Online: Ex-Manager Schwenker hat offenbar auch Sie belogen, als er zu Beginn der Affäre sein Ehrenwort gab und bekräftigte, die Vorwürfe seien absolut haltlos.

Matheis: Um da zu einem abschließenden Urteil zu gelangen, müssen wir die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft abwarten. Wir müssen erst einmal sehen, was an den Vorwürfen letztlich wirklich dran ist, was stimmt und was nicht.

Morgenpost Online: Offenbar soll aber mehreren Zeugenaussagen zufolge die Art der Kieler Bestechung systematisch gewesen sein. Haben Sie eine derartig umfassende Manipulation überhaupt für möglich gehalten, als Sie Ihren Brief an Schwenker und den Aufsichtsrat der formuliert haben?

Matheis: Für mich persönlich war das nie vorstellbar. Manipulation im Handball war völlig außerhalb meines Denkens. Ob das alles wirklich so war, müssen wir aber erst noch abwarten. Ich habe da vollstes Vertrauen in die Kieler Staatsanwaltschaft, die tief in die Materie eingestiegen ist.

Morgenpost Online: Haben Sie in den vergangenen zwei Monaten Genugtuung verspürt, weil Sie als Initiator um Aufklärung gebeten haben?

Matheis: Wenn man sieht, welches Echo der Brief ausgelöst hat und an welchen Stellschrauben jetzt gedreht wird, ist das eine Genugtuung, ganz klar.

Morgenpost Online: Würden Sie alles noch einmal so machen wie Ende Februar?

Matheis: Auf jeden Fall. Denn ich wüsste nicht, wo ich einen Fehler gemacht haben sollte.

Morgenpost Online: Löwen-Gesellschafter Nielsen hat nicht ausgeschlossen, dass Kiel noch immer Spiele manipuliert.

Matheis: Das ist seine Meinung, und die darf er kundtun. Ich halte es aber nicht für möglich, dass es nach wie vor Spielmanipulationen gibt. Der THW hat eine tolle Mannschaft und ist berechtigt Deutscher Meister geworden. Dazu muss man dem Klub gratulieren.

Morgenpost Online: Ist der Handball in Deutschland Ihrer Meinung nach überhaupt noch zu retten?

Matheis: Natürlich. Handball ist nach wie vor eine fantastische Sportart. Ich sage immer, wenn man eine Herde von Schafen hat und darunter sind ein oder zwei schwarze Tiere, ist ja nicht gleich die ganze Herde schwarz. Man muss natürlich die beiden schwarzen Schafe aussortieren. Aber wenn ich mir den Zuschauerzuspruch anschaue, sehe ich, dass die Fans noch immer begeistert vom Handball in Deutschland sind – trotz der Affäre.

Morgenpost Online: Am Samstag treffen die Löwen und der THW im Pokalhalbfinale erneut aufeinander. Was stimmt Sie hoffnungsvoll, dass diesmal Ihr Team die Oberhand behält?

Matheis: Im Rückspiel der Champions League (31:30 – d.R.) waren wir auf Augenhöhe. Wenn wir noch einmal so konzentriert spielen, haben wir durchaus eine Chance.