Kolumne "Abseits"

Wer Brasilianer holt, muss Opfer bringen

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Udo Muras

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Einen Brasilianer, der nicht mit den Gesetzen des Klubs in Konflikt kam, gab es in der Bundeliga wohl noch nicht, mancher kollidiert auch mit denen des Staates. Auf Fahren ohne Führerschein oder mit Alkohol im Blut waren die Ex-Herthaner Alex Alves und Marcelinho spezialisiert.

Die Bundesliga braucht sie so sehr wie die Blumen das Wasser – ihre Brasilianer. 31 gehören derzeit zu den Aufgeboten, nur fünf Klubs leisten sich keine, aber es ist ja noch ein bisschen Zeit. Der Transfermarkt bleibt noch fünf Wochen geöffnet, und schon jetzt hat die Liga 16,4 Millionen Euro in Brasilianer investiert. Im Vorjahr waren es bis 31. August gar 22,7 Millionen, in der Winterpause kamen 23 Millionen Euro dazu. Von Handgeldern für die Spieler und Honoraren für ihre Agenten ganz zu schweigen.

Stars sind sie alle

Fakt ist: Die Deutschen lieben die Brasilianer, weil diese am Ball keine Deutschen sind. Dafür bringen sie Opfer. Neidvoll, aber keineswegs missgünstig schauen sie den geschmeidigen Künstlern zu, die alle mit Strandfußball groß geworden zu sein scheinen. Und da sie aus dem Land des Rekordweltmeisters kommen, macht sie schon ihr Pass zur Attraktion. Auch die zweite Wahl ist hier herzlich willkommen.

Seit Jahren geht das schon so. Jetzt wieder. Bayer Leverkusen holt einen Renato Augusto, Hertha BSC einen Kaka und Köln einen gewissen Pedro Geromel. Zusammen kommen sie auf viel Talent und null Länderspiele. Aber Stars sind sie alle, auch nach ihrem Selbstverständnis. So lehrt die Vergangenheit: Wer aus Brasilien nach Deutschland kommt, der lässt sich doch irgendwie herab. Die Arbeitgeber bekommen das oft zu spüren, sie kaufen sich mit ziemlicher Sicherheit auch immer ein bisschen Ärger ein.

Traditionsstifter der Unsitte war Julio Cesar

Einen Brasilianer, der nicht mit den Gesetzen des Klubs in Konflikt kam, den gab es wohl noch nicht, mancher kollidiert auch mit denen des Staates. Auf Fahren ohne Führerschein oder mit Alkohol im Blut waren die Ex-Herthaner Alex Alves und Marcelinho spezialisiert, der Frankfurter Caio hat gerade eine Klage am Hals wegen Demolierung einer Mietwohnung. Einige Vorwürfe wurden schon eingeräumt, mit dem Schimmel an der Wand will er aber nichts zu tun haben.

So ärgerlich die Eskapaden ihrer Stars sind, sie sind zumindest einträglich für die Vereine. Einen Teil der Kosten refinanzieren sie mit Geldstrafen. Wer bei Google „Brasilianer“ und „Geldstrafe“ eingibt, kommt auf 105.000 Treffer, diverse Stichproben mit anderen Nationalitäten ergaben nur niedrigere Werte.

Alex Alves etwa soll in drei Jahren Berlin rund 130.000 Euro zurückgezahlt haben und dürfte weit vorn liegen. Quasi Garantieeinnahmen können Klubs mit Brasilianern für Januar und Juli einplanen: Strafen für Urlaubsverlängerung. Giovane Elber, ansonsten ein echter Sympathikus, zahlte für zwei Januar-Tage mehr in Brasilien mal 50.000 Euro an den FC Bayern. Zitat: „Sie sind mir so wertvoll wie ein Jahr in Deutschland. Vielleicht bleibe ich nächstes Mal eine Woche länger.“ Traditionsstifter dieser Unsitte in der Bundesliga war Julio Cesar, der von 1995 bis 1997 in Dortmund einen lupenreinen Verspätungshattrick schaffte und als Ausrede u.a. einen kranken Großvater erfand, den es gar nicht mehr gab. Er zahlte über 50.000 D-Mark, die Fans mochten ihn trotzdem.

Viele Landsleute aber eiferten ihm nach, wie der Ex-Bremer Ailton. Marcio Amoroso blieb mal vier Wochen länger als genehmigt zur Behandlung in der Heimat und tanzte Borussia Dortmund auf der Nase herum. Kaiserslauterns Lincoln reiste 2004 mitten in der Rückrunde ab und kam nie wieder.

Aber auch wer pünktlich erscheint, kann Sorgen bereiten. Die ersten Strafen der neuen Saison sind schon vergeben. Bei Aufsteiger TSG Hoffenheim mussten Carlos Eduardo und Luis Gustavo wegen schlechter Fitness beim Auftakttraining blechen. Trainer Ralf Rangnick sagt über Eduardo: „Ich weiß ja, dass er Brasilianer ist. Wenigstens war er pünktlich zurück, aber er hat wohl sechs Wochen Urlaub gemacht.“

Nun lassen zwei Landsleute den Olympiakonflikt eskalieren. Schalkes Rafinha und Bremens Diego haben sich die Argumente ihrer Vereine angehört, aber dann sind sie abgereist. Kein Bock auf Konditionstraining. Sie wollen doch nur spielen – und dafür lieben wir sie.