Endspiel

Fernando Torres soll Spanien zum Titel schießen

Seit 44 Jahren wartet die spanische Nationalelf auf einen internationalen Triumph – und selten standen die Chancen so gut wie vor dem EM-Finale am Sonntag gegen Deutschland: Die Iberer haben ihre Lektion aus der schmerzlichen Historie gelernt, Stürmerstar Fernando Torres soll das Team zum Titel schießen.

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Fernando Torres vertrieb seinem deprimierten Mannschaftskollegen ein wenig die Zeit. Gemeinsam verließen sie das Hotel der Spanier am Wiener Schottenring und bummelten ein bisschen durch die Straßen, Torres im gelben Trikot, David Villa in roter Trainingsjacke. Es war ein wenig Ablenkung für Villa, der wegen einer Oberschenkelverletzung im Finale am Sonntag nicht spielen kann. Er war mit vier Treffern bester Stürmer der Vorrunde, doch sein Ausfall schreckt die Iberer kaum. Zu mitreißend haben sie ohne ihn im Halbfinale gegen Russland (3:0) gewirbelt.

„Das war ein wichtiges Spiel für uns“, sagt Stürmer Torres. „Wir hatten schon immer Klasse, aber wir haben sie nie auf dem höchsten Level in Turnieren gezeigt. Das tun wir jetzt.“ Schon oft haben spanische Mannschaften in den Gruppenspielen begeistert, aber wenn es ernst wurde, versagten die Nerven. Zuletzt auch bei der WM 2006 in Deutschland, als die Fußballwelt von dem Angriffswirbel der jungen Mannschaft schwärmte, die die Ukraine mit 4:0 besiegte, die dann aber im Achtelfinale nach Elfmeterschießen gegen Frankreich ausschied. Seit dem EM-Titel 1964 wartet Spanien nun schon auf den nächsten großen Triumph.
Selten standen die Zeichen besser als diesmal, denn die Mannschaft hat aus dem Rückschlag in Deutschland gelernt. „Das war eine wichtige Erfahrung für meine Spieler“, sagt der 70 Jahre alte Luis Aragones. „Sie kennen nun die Anforderungen in einem Entscheidungsspiel und sind reifer geworden.“ Auch der älteste Trainer der Europameisterschaft hat Konsequenzen gezogen aus 2006. Er verzichtete auf Star Raul von Meister Real Madrid, obwohl der zum besten Spieler der Saison gekürt worden war. Aragones wollte endlich die ständigen Spannungen zwischen Profis aus Barcelona und Madrid beenden, und Raul hatte als WM-Reservist die Stimmung verdorben.

Die Quertreiber blieben zu Hause

Jetzt hat er den Quertreiber daheim gelassen, nur noch zwei Real-Profis sind dabei, und Aragones sagt stolz: „Mein Team ist eine echte Gemeinschaft.“ Torres bestätigt den Coach: „Wir sind wie eine Faust. Geschlossen wie eine Faust.“

Für die Durchschlagskraft auf dem Feld sorgen brillante Techniker aus der Jugendabteilung des FC Barcelona. Bei den Katalanen haben Andres Iniesta, 24, Xavi Hernandez, 28, und Cesc Fabregas, 21, das Fußballspielen gelernt. Sie alle hatten schon früh imponierende Erfolge vorzuweisen, Xavi Hernandez wurde 1999 Junioren-Weltmeister, Iniesta gewann den EM-Titel bei den U16- und U19-Junioren, und Fabregas war 2003 WM-Zweiter bei den U17-Junioren. Mittlerweile sind Iniesta und Xavi die Taktgeber im Mittelfeld des FC Barcelona, Fabregas ist Spielmacher des FC Arsenal. Nachdem im Vorfeld lange diskutiert wurde, ob so viel Kompetenz im Zentrum nicht hinderlich sei und Fabregas sich mit einer Rolle als Einwechselspieler begnügen musste, sind mit dem Spiel gegen Russland alle Zweifel vergessen.

Die Spanier spielen ihre Gegner müde

Als Fabregas nach einer halben Stunde für den verletzten Stürmer Villa kam, wurde das Mittelfeldspiel der Spanier noch dominanter. Der erfahrene Marcos Senna glänzte als Abräumer vor der Abwehr, vor ihm orchestrierten Iniesta und Xavi Hernandez das Passspiel, David Silva wirbelte auf den Flügeln, und Fabregas bediente die Kollegen vor dem Tor der Russen mit Zuspielen von atemberaubender Präzision. Sie spielen ihre Gegner müde und schlagen dann zu.

Zweifellos war das Mittelfeld zuvor schon ein Prunkstück der spanischen Mannschaft, in der aktuellen Zusammensetzung spielt die Reihe aber in einer harmonischen Geschlossenheit, die ihresgleichen sucht. Nicht nur Fußball-Ästheten reiben sich die Augen angesichts des rasanten Passwirbels, auch Statistiker staunen über die Werte der Mannschaft, die in fast allen Offensivkategorien führt. Die Spanier haben in den bisherigen fünf Spielen 104 Schüsse abgegeben (Deutschland: 58), sie haben im Schnitt den meisten Ballbesitz mit 54,6 Prozent (Deutschland: 49,8), 81 Prozent der Zuspiele landen beim Mitspieler (Deutschland: 75,8). Auch in der Kategorie der gespielten Pässe führen die Iberer, 3014 Zuspielen bei ihnen stehen nur 2384 bei der deutschen Mannschaft gegenüber. Nur bei den erzielten Toren liegen die Finalteilnehmer fast gleichauf, auch hier hält Spanien den Bestwert mit elf Treffern, die Deutschen haben aber nur ein Tor weniger erzielt.


Xabi Alonso bleibt nur ein Platz auf der Bank

Angesichts der Menge an Hochbegabten muss selbst ein Klassespieler wie Xabi Alonso oft zugucken. „Unser Trainer steckt in einem Dilemma, aus so vielen Mittelfeldspielern wählen zu müssen“, sagt Torres. „Aber das ist ein schönes Dilemma, solche fantastischen Spieler auf der Bank zu haben, die er jederzeit einsetzen kann und die ein Spiel entscheiden können.“

Nun scheint die junge Mannschaft erst so richtig auf den Geschmack gekommen zu sein. „Ich hoffe, das Beste kommt noch“, sagt Angreifer Torres. „Wir sind im Finale, aber das reicht uns noch nicht. Jetzt wollen wir auch Europameister werden. Wir haben den Hunger und die Leidenschaft, etwas Großes zu erreichen. Niemand redet über die Verlierer. Wir wollen aber, dass man sich an uns erinnert.“