Nervenzusammenbruch

Claudia Pechsteins wird nun alles zu viel

Ein Brief aus dem Innenminsterium gab ihr den Rest: Claudia Pechstein hatte einen Nervenzusammenbruch. Sie soll ihren Dienst bei der Bundespolizei umgehend antreten - und wohl nicht mehr zum Eisschnelllauf zurückkehren.

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Als zart besaitet ist Claudia Pechstein bislang wohl nur wenigen aufgefallen. Dafür als überaus offensive und schlagfertige Person, als manchmal streitlüstern, mitunter auch etwas rüde. Als jemand, dem fast nichts etwas anhaben kann, weil er seine Emotionen hinter einer gepanzerten Hülle verbirgt. Irgendwann aber kann auch Menschen, deren Nervenkostüm eher an eine erdbebensichere Stahlkonstruktion erinnert, alles zu viel werden. Das musste nun auch Claudia Pechstein erfahren. Die wegen überhöhter Blutwerte gesperrte Eisschnellläuferin hat einen Zusammenbruch erlitten, sich in psychologische Behandlung begeben.

Auslöser dafür war eine Nachricht, die die 38-Jährige vom Präsidium der Bundespolizei erhalten hat. Ihr Antrag auf Sonderurlaub unter Wegfall der Bezüge, Pechstein ist als Polizeihauptmeisterin bei der Bundespolizei angestellt, wurde abgelehnt. „Mit einer solchen Ablehnung hatte sie nie und nimmer gerechnet“, sagt ihr Manager Ralf Grengel. Zumal die Bundespolizei diesen Schritt jüngst selbst empfohlen habe. „Eine solche Lösung wäre für alle das Beste gewesen. Das Bundesinnenministerium hätte keine Steuergelder für die Bezahlung meiner Mandantin verwenden müssen, und Frau Pechstein hätte sich im Rahmen von selbst organisierten Trainingsmaßnahmen zielgerichtet auf ihr Comeback vorbereiten können“, erklärt ihr Anwalt Alexander Friedhoff.

Ob es zu diesem Comeback nun überhaupt kommt, steht mehr denn je in Frage. Denn der fünffachen Olympiasiegerin wurde ebenso mitgeteilt, dass die Mediziner der Bundespolizei für sie einen Plan zum Abtrainieren erstellen würden. Was nichts anderes heißt, als dass wohl beschlossen worden ist, dass Pechstein ihre Karriere zu beenden hat. „Dass ihr diese Entscheidung jetzt offensichtlich durch das völlig unnötige, öffentliche Vorpreschen des Bundesinnenministers aufdiktiert werden sollte, war definitiv zu viel für Claudias Nervenkostüm“, sagt Grengel. Gegen die Verweigerung des Sonderurlaubs sollen nun Rechtsmittel eingelegt werden.

Dem Bundesinnenminister gefällt ihr Verhalten nicht

Nicht wenige meinen, dass die sportliche Laufbahn von Deutschlands erfolgreichster Winterolympionikin längst beendet ist. Ihr letztes großes Rennen absolvierte sie im Februar 2009 in Hamar. Danach zog der Weltverband ISU die Berlinerin wegen erhöhter Retikulozytenwerte aus dem Verkehr, sperrte Pechstein wegen Manipulation für zwei Jahre.

Beweise für Manipulationen, also Doping, gibt es nicht. Nur ein einziges Indiz, die Retikulozytenwerte. Doch das Beweismaß im Sport ist gering, „geringer als ein Beweis, der jeden Zweifel ausschließt“, wie es im Urteil des Internationalen Sportgerichtshof Cas heißt, der die Sperre im November 2009 bestätigt hatte. In einem behördlichen Verfahren freilich reicht das nicht. Nach den dort geltenden Beweislastregeln muss ein Vergehen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Das war bei Pechstein nicht möglich, weshalb die Bundespolizei das Disziplinarverfahren gegen die Athletin im August eingestellt hat.

Im Zuge dessen machte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere klar, dass man die Sportlerin nun umgehend zum Innendienst erwarten würde. Pechstein aber hatte noch eine Woche Resturlaub, danach beantragte sie den Sonderurlaub. Um wenigstens so lange abwarten zu können, bis das Schweizer Bundesgericht im Revisionsverfahren entscheidet. Dort soll eine Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Cas erwirkt werden. Mit einem Urteil wird in den nächsten Tagen und Wochen gerechnet.

Beim Bundesinnenministerium geht man wohl eher davon aus, dass die Sperre gegen Pechstein bestehen bleibt und kommt der Sportlerin nicht entgegen. Das Verhalten Pechsteins in den vergangenen Monaten hatte de Maiziere ohnehin heftig kritisiert, weil sie krankgeschrieben war, aber dennoch öffentliche Auftritte absolvierte – allerdings an Tagen, die nicht in den Zeitraum der Krankschreibung fielen. Insoweit war dies rechtens, aber nicht „stilbildend“, wie de Maiziere sagte und unterstrich: „Sie legt Wert darauf, dass sie Polizistin ist. Jetzt lege ich Wert darauf, dass sie Polizistin ist.“

Für Pechstein ist das mit einem Rückschlag gleichzusetzen, einer von vielen in den vergangenen Monaten. Einer, der nun das Fass überlaufen ließ, der einfach zu viel war, um ihn wie all die anderen wegzustecken. Schon oft hat sie gesagt: „Die ISU hat mein Leben zerstört.“ Menschlich wurde ihr viel zugemutet in den vergangenen Monaten. Der Fall ist so verworren, das inzwischen kaum jemand mehr so genau weiß, wo die Wahrheit liegt. Es entzündete sich ein Expertenstreit, in dem renommierte Antidoping-Kämpfer große Zweifel an dem Urteil erhoben. Einerseits, weil nur ein Indiz zu wenig Aussagekraft besitzt und nach den inzwischen geltenden Standards der Weltantidopingagentur Wada nicht ausreichen würde, um einen Sportler als Dopingsünder zu klassifizieren. Andererseits, weil bei Pechstein eine Blutkrankheit (Sphärozythose) diagnostiziert worden ist, die als Ursache für die hohen Werte gilt.

Obwohl so viele erhebliche Zweifel an dem Urteil bestehen, wirkt es unumstößlich. In jeder Instanz aufs Neue. Pechstein – die zuletzt sogar von Olympia 2014 sprach, sich derzeit aber nicht äußert – scheint gegen Windmühlen zu kämpfen. Das zermürbt. „Jetzt aber von einem sofortigen Karriereende auszugehen, wäre verfrüht“, sagt Grengel. Dass die große Rückkehr von Claudia Pechstein ausfällt, wird allerdings immer wahrscheinlicher. Das ist ihr wohl auch klar geworden.