Sommerspiele 2016

Auch Deutschland freut sich über Rios Olympiasieg

Rio de Janeiro gelang es trotz der hohen Kriminalität, die IOC-Mitglieder zu überzeugen, ausreichende Sicherheit in jeder Beziehung – auch finanzieller – zu gewährleisten und erhielt den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2016. Diese Entscheidung sorgte auch in Deutschland für Erleichterung.

Nicht einmal Barack Obama kann zaubern. Also saß der mächtigste Mann der Welt in seinem Präsidentenflieger Air Force One auf dem Heimweg von Kopenhagen nach Washington hilflos über dem Meer zwischen Neufundland und Nova Scotia, als der Fernsehempfang immer wieder aussetzte: CNN übertrug live, wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Freitag die Ausrichterstadt der Sommerspiele 2016 wählte.

Mit seiner Frau Michelle hatte Obama sich für seine Heimatstadt Chicago in die Bresche geworfen. Der Mann, den seine Berater als „beste Marke der Welt“ preisen, war zu einem fünfstündigen Kurzbesuch über den Ozean gejettet, um dem US-Bewerber zum Triumph über Rio de Janeiro, Madrid und Tokio zu verhelfen.

Auf dem Rückflug erlebte er dann bei gestörtem Fernsehbild die bitterste Pleite seiner Präsidentschaft: Ohne kurzzeitig das Entsetzen in seinem Blick kaschieren zu können, musste IOC-Chef Jacques Rogge nach dem ersten Wahlgang verkünden, dass Chicago bei nur 18 von 94 Stimmen vor allen anderen eliminiert wurde.

Weil Rio in den folgenden Runden sowohl die Voten der US-Metropole als auch des folgenden Streichkandidaten Tokio fast vollständig übernehmen konnte, gewann es mit 66 zu 32 Stimmen gegen Madrid. „Du kannst ein großartiges Spiel abliefern und trotzdem nicht gewinnen“, sagte Obama Journalisten im Weißen Haus, „obwohl ich wünschte, mit besseren Neuigkeiten heimzukommen, könnte ich kaum stolzer sein.“

Tränen der Rührung vergoss in Dänemark Obamas brasilianischer Amtskollege: Als Garant des Sieges genoss Luis Inacio Lula da Silva mit der Authentizität eines Charismatikers den Triumph Rios nach fünf erfolglosen Bewerbungen. Der frühere Gewerkschaftsführer, der nicht wie Obama in letzter Sekunde, sondern über zwei Jahre regelmäßig die Olympier umgarnt hatte, heulte vor Freude. „Nie zuvor habe ich größeren Stolz in Brasilien gefühlt“, sagte Lula, „nun beweisen wir der Welt, was wir für ein großartiges Land sind. Wir sind nicht die Vereinigten Staaten, kommen aber dahin.“

Sieger Rio sorgte auch in Deutschland für Erleichterung: Weil München sich in zwei Jahren um die Winterspiele 2018 bewirbt, hätte ein Zuschlag für Madrid das Aus bedeutet, da Europa nach Spielen in London 2012 und Sotschi 2014 kaum vier Mal in Folge bedacht worden wäre. Nun darf München hoffen, als erste Stadt nach den Sommerspielen 1972 auch Winter-Olympia austragen zu dürfen.

Während Rio sich mit seiner geopolitischen Argumentation durchsetzte, dass endlich erstmals auch ein südamerikanisches Land die Spiele verdient hätte, verdankt Obama seine Pleite dem miserablen internationalen Standing der wichtigsten Sportfunktionäre des Landes. Das Ausmaß des Debakels mit dem Erstrunden-K.o. gilt als Betriebsunfall: Wie schon Rogge zeigten sich später fast alle IOC-Mitglieder selbst schockiert über den Affront gegenüber dem US-Bewerber. „Ich bin sicher, dass viele politische Manöver auf Grund des Besuchs von Obama stattfanden“, sagte der Kanadier Richard Pound, seit 31 Jahren im IOC, „die Leute haben gedacht: ‚Wir müssen Chicago sicher aus dem Spiel halten oder wir sind alle tot’.“

Die USA gelten als wichtigster Einzelmarkt des Komitees. Nirgendwo anders akquirieren die Olympier bei Sponsoren und Fernsehsendern höhere Anteile für ihre gut vier Milliarden Dollar Einnahmen pro vier Jahre währender Olympiade. „Es tut mir sehr leid, dass Chicago so früh ausgeschieden ist“, sagt IOC-Vermarktungschef Gerhard Heiberg, „aber ich habe keine Befürchtungen: Ich habe mit Sponsoren gesprochen, sie sagen, es gebe keine Komplikationen.“

Das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC) hingegen hatte sich über Jahre ins Abseits gebracht. Derzeit stellt das Land nicht einmal ein IOC-Vorstandsmitglied. Zu spät und zu widerwillig stimmte das USOC erst im Frühjahr der Änderung eines Knebelvertrages aus jener Ära zu, als fast alle Sponsoren des IOC aus den USA stammten: Dass seit 1988 der unbefristete Kontrakt dem USOC 12,75 Prozent der Zahlungen des US-Fernsehens und 20 Prozent der Einkünfte aus dem IOC-Sponsorenprogramm sicherte, zuletzt etwa 38 Millionen Dollar in einer Olympiade, geißelten IOC-Mitglieder wie der Niederländer Hein Verbruggen, als „unmoralische Menge Geld“ im Vergleich zu allen anderen 204 NOKs, die gemeinsam so viel kassieren.

Nun wurden die Amerikaner dafür abgestraft, dass erst ab 2020 ein neuer Verteilerschlüssel gelten soll. Auch die jüngste Initiative des USOC, einen eigenen olympischen Fernsehsender zur Einnahmensteigerung zu starten, stieß im IOC so übel auf, dass das Projekt zum Wohle Chicagos auf Eis gelegt wurde. „Das war eine Niederlage des USOC, nicht Chicagos“, sagte der Schweizer IOC-Vorständler Denis Oswald. Auch Dick Ebersol, Olympiachef des US-Senders NBC, schimpft: „Die IOC-Mitglieder hassen nicht Amerika, sie hassen das USOC – und aus guten Gründen.“

Allerdings wusste bei der Präsentation Chicagos allenfalls das Präsidentenpaar wirkungsvoll um Sympathien zu werben. Michelle Obama berichtete im grellgelben Kleid von der Kindheit in Chicago mit ihrem unter Multipler Sklerose leidenden Vater. Auf seinem Schoß habe sie Olympia-Stars wie Carl Lewis und Nadia Comaneci im Fernsehen gesehen. Und trotz seiner Krankheit brachte der Papa ihr die Werte des Sports nahe. „Er zeigte mir, wie man einen Ball wirft und gemeinen rechten Haken schlägt“, sagte sie, „mein Dad wäre so stolz gewesen, diesen Spielen in Chicago beiwohnen zu können.“ Ihr Mann glänzte, als er selbstkritisch eingestand, die strenge Einreiseprozedur der USA wirke abschreckend. Er versprach, Amerikas Charakter als Schmelztiegel der Nationen wieder zu beleben, „ein weltoffenes Land, in dem sich die Besucher willkommen fühlen“.

Das IOC betritt Neuland

Ausgerechnet Rio de Janeiro gelang es trotz Kriminalitätsproblematik die IOC-Mitglieder zu überzeugen, ausreichende Sicherheit in jeder Beziehung, auch finanzieller, gewährleisten zu können. Am Ende zog das Argument, das IOC könne Neuland erschließen: 30-mal bereits landeten die Spiele in Europa, zwölf Mal in Nordamerika, fünf Mal in Asien und immerhin noch zwei Mal in Ozeanien, nie aber in Afrika oder Südamerika.

Nicht einmal, dass Brasilien mit der Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 zwei Großereignisse stemmen muss und zwei Sportorganisationen auf dem gleichen Sponsorenmarkt kämpfen, schreckt die Olympier: „Die Fußball-WM kann ein gutes Sprungbrett sein für die Olympischen Spiele“, glaubt Deutschlands IOC-Vizepräsident Thomas Bach, „Brasilien mit seinem großen Markt und seiner aufblühenden Wirtschaft, die sich gerade in Krisenzeiten sehr gut bewährt hat mit einem Wachstum von acht Prozent, wird das meistern.“