Leichtathletik

Dritter WM-Titel – Bolt findet neue Herausforderung

Usain Bolt hat nach seinen Weltrekord-Triumphen auch mit der jamaikanischen Staffel Sprintgold gewonnen. Nach dem Dreifach-Gold bei Olympia 2008 gelang ihm dieser Coup auch bei der WM in Berlin. Ein Wechsel auf die 400-m-Strecke würde für den 23-Jährigen eine neue Herausforderung darstellen.

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Der Plan ist noch nicht einmal offiziell bestätigt, da bringen sich schon die ersten Gegner in Stellung, um ihr Revier zu verteidigen. „Ich freue mich, dass Usain Bolt nächstes Jahr auf die 400 Meter abzielt, ich suche immer starke Gegner“, sagte zwar süffisant LaShawn Merritt, doch der amerikanische 400-Meter-Weltmeister warnte: „Das ist unsere Zeit. Kommt er her, wird es nicht leicht für ihn.“ Und der Dritte der WM in Berlin, Renny Quow (Trinidad & Tobago), rechnete noch einmal vor: „Das sind nicht 100 Meter oder 200, das ist eine ganze Runde!“

Wenn einer mit gerade mal 23 Jahren scheinbar schon alles erreicht hat – drei Olympiasiege, drei Weltmeistertitel inklusive des Sieges mit der jamaikanischen 4x100-m-Staffel in 37,31 Sekunden am Samsatgabend, Weltrekorde nach Belieben – und mit seinen Gegnern Katz und Maus spielt, wo bleiben da die Herausforderungen? Nicht erst seit seinen Bestmarken der vergangenen Woche, den unglaublichen 9,58 Sekunden (100 Meter) und 19,19 Sekunden (200 Meter), drängt Bolts Trainer Glen Mills dem Vernehmen nach auf Abwechslung im kommenden Jahr. Öffentlich wiegelt der Sprinter noch ab: „Man beschäftigt sich im Training damit, und mein Trainer motiviert mich gerne, auf dieser Strecke zu laufen. Doch man muss abwarten, alles ist möglich.“

2010 finden aber keine WM oder Olympischen Spiele statt. Es wäre der perfekte Zeitpunkt für ein Experiment, dessen Ausgang nicht nur Michael Johnson schon jetzt zu kennen glaubt: „Der 400-Meter-Weltrekord ist machbar, Usain Bolt könnte ihn sicherlich knacken“, sagt der Inhaber jener Bestmarke über die Stadionrunde von 43,18 Sekunden, die seit 1999 als unantastbar gilt.

Johnson, den der Jamaikaner auch als 200-Meter-Weltrekordler ablöste, warnt Bolt allerdings gleichzeitig davor, von einem Freifahrtschein auszugehen. „Man braucht Jahre um zu lernen, wie man für diese Distanz trainieren und sie im Wettkampf laufen muss“, sagt der Amerikaner. „Wenn Bolt wirklich gewillt ist, die Arbeit und den Schmerz auf sich zu nehmen – den er, wie er mir sagte, nicht mag –, denke ich, es wäre möglich.“ Mit seiner persönlichen Bestzeit über die Stadionrunde (45,28 Sekunden) wäre Bolt im Finale am Freitag Vierter geworden. Und zwar ohne spezielles Training.

Auf den kurzen Sprintdistanzen gewann Bolt in Berlin derart überlegen, dass seine Gegner bereits verzweifeln. „Als ich aus den Blocks kam, habe ich nur auf ein Blinklicht mit ‚Game over’ gewartet, weil ich mich wie in einem Videospiel gefühlt habe“, sagte der Viertplatzierte über 200 Meter, Shawn Crawford, und blödelte: Die einzige Möglichkeit, Bolt zu stoppen, sei, ihm ein Bein zu stellen.

Um über die doppelte Distanz ähnlich unerreichbar zu werden, müsste der selbst für die Fachwelt rätselhafte Schlaks sich allerdings zunächst einmal dazu aufraffen. „Jeder weiß, dass ich die 400 Meter nicht eher laufen werde, bis mein Coach mir einen wirklich guten Grund dazu gibt“, sagt der Jamaikaner.

Vielleicht ist es der, dass Bolt seiner Zeit sonst überall weit voraus ist. In Wissenschaftsblogs debattieren Experten wonnig die Frage, ob er auf Jahrzehnte unerreichbare Rekorde aufgestellt hat. Statistiker haben anhand der bisherigen Entwicklung der 100-Meter-Zeiten berechnet, dass Bolts Resultate erst für 2030 erwartbar gewesen wären – und dass seine Gegner folglich noch 20 Jahre brauchen werden, um sie zu schaffen.

Angesichts seiner Wundertaten wie am Fließband ist dabei auch Bolts Umfeld in Jamaika zu betrachten. Und dort, kritisiert die frühere Weltklassesprinterin und durch Doping in der DDR geschädigte Ines Geipel (49), gebe es „keinerlei Hinweise für ein funktionsfähiges Kontrollmodell, es gibt nur Anzeichen für erhebliche Mängel beim Antidopingkampf“, sagte sie dem „Focus“. „Bei den neuen Fabelweltrekorden von Usain Bolt fällt es einem als Kenner der Szene schwer, an einen sauberen Hintergrund zu glauben.“

Geipel kann nicht nachvollziehen, warum Leichtathletik-Weltverband und Weltantidopingagentur nach Bolts Bestmarken 2008 in Peking kein transparentes und unabhängiges Kontrollprogramm für ihn installiert haben: „Man hätte sich jetzt bequem hinstellen, die Reihe der Trainingskontrollen, die verschiedenen Blut- oder Hormonprofile kommunizieren und Bolt so vor Verdächtigungen schützen können, nein, müssen.“

So bleibt der ganzen Welt nichts anderes übrig, den Beteuerungen der extrem erfolgreichen Jamaikaner zu glauben, die in Berlin eine Antidopingkampagne präsentierten. 100-Meter-Weltmeisterin Shelly-Ann Fraser sagte treuherzig: „Wenn du betrügst, fliegst du auf. Wir haben Betrügen nicht nötig. Wir siegen durch unsere eigene Leistung.”

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