Handbike-Marathon

Ronny Ziesmer startet sportliches Comeback in Berlin

Vor fünf Jahren stürzte der Turner Ronny Ziesmer bei der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele mit dem Kopf auf den Boden und zog sich einen Bruch in Höhe des fünften und sechsten Halswirbels zu. Seitdem ist er gelähmt. Nun startet er sportlich neu durch - als Handbiker beim Berlin-Marathon.

Foto: GM Media International

Die bewegungslosen Beine liegen leicht angewinkelt in metallenen Fußschlaufen. Der mausgraue Plastikhelm sitzt wie angegossen. Die Handgelenke sind an speziellen Bügelgriffen fest eingerastet, um beim Kurbeln nicht herauszurutschen. „Ronny, können wir loslegen?“ Da fragt kein Geringerer als Heinrich Köberle. Er holte im Handbike vier Goldmedaillen bei den Paralympics, einer der größten behinderten Sportler der Welt. „Meinetwegen“, sagt Ronny Ziesmer. „Dann lass uns auf die große Runde gehen.“ Köberle zwinkert Ziesmer kurz zu, und in Sekundenschnelle verschwinden beide auf der waldgesäumten Asphaltpiste.

Köberle fährt vorne weg, Ziesmer rollt im Windschatten hinterher. Achtmal wollen sie an diesem Spätsommernachmittag den 2500 Meter langen Rundkurs im Bundesleistungszentrum in Kienbaum absolvieren. Nicht zum Spaß.

Für Köberle gehört dieses Training seit 40 Jahren zur Alltagsbeschäftigung. Der Badener fährt Tausende Kilometer jährlich. Für Ziesmer ist dies sportliches Neuland. Er war noch 2003 Deutscher Meister im Turnen. Bei einem Trainingssprung, einem Doppelsalto rückwärts, brach er sich die Halswirbelsäule und ist seitdem querschnittgelähmt. Jetzt kehrt er auf die große Bühne des Sports zurück: beim Berlin-Marathon.

Mit seinen nur noch teilweise vorhandenen Beugemuskeln in Armen und Schultern möchte Ziesmer die 42,195 Kilometer im Handbike zurücklegen. Noch sei er nicht aufgeregt, sagt der Lausitzer. Er vermutet aber, dass sich seine Gefühlslage verändern wird, sobald er sich zusammen mit den über 100 anderen Handbikern auf der Straße des 17. Juni im Startbereich einfindet. Irgendwie verdrängt er den Gedanken bislang, noch hat er mit sich selbst zu tun. Für 7500 Euro ließ sich Ziesmer vom szeneberühmten Errol Marklein aus Heidelberg eine Hightech-Maschine maßanfertigen. Halb liegend, nur eine Handbreit über dem Boden, rollt er jetzt über der Straße. Der Antrieb erfolgt wie bei einem herkömmlichen Fahrrad über zwei Kurbeln. Sie stehen parallel zueinander und werden mit den Armen in Schwung gebracht.

Die an der Kurbel befestigten Kettenblätter laufen über einen Kettenantrieb zum vorderen Rad des Handbikes, mit dem zugleich gelenkt wird. Geschaltet wird mit den Ellenbogen, wenn diese unten sind. Wie bei einem Rennrad gibt es 27 Gänge, Höchstgeschwindigkeiten bis zu 40 Stundenkilometern sind so möglich. Die Schnellsten brauchen gut eine Stunde für den Marathon. Eine Richtzeit als Zielvorgabe hat sich Ziesmer nicht gesetzt. „Meinen ersten Marathon möchte ich nicht durch Zeitdruck zur Tortur werden lassen“, sagt der 30-Jährige. „Ich möchte ihn genießen.“

Folgenschwerer Sturz in Kienbaum

Fünf Jahre nach seinem folgenschweren Sturz in jenem Leistungszentrum, in dem er sich nun auf seinen ersten Marathonstart vorbereitet, kehrt Ziesmer als Wettkämpfer in die Öffentlichkeit zurück. Am 12. Juli 2004 war der Mehrkampfmeister in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Athen beim Pferdsprung so unglücklich mit dem Kopf auf den Boden geprallt, dass er sich einen Bruch in Höhe des fünften und sechsten Halswirbels zuzog. Seitdem muss er als sogenannter schwerer Tetraplegiker, der nur noch eingeschränkt seine Arme bewegen kann, das Leben im Rollstuhl meistern. Er hat sich inzwischen nicht nur daran gewöhnt, es fällt ihm dank der neuen sportlichen Herausforderung auch zunehmend leichter. An einen konkreten Auslöser für die Idee, am Marathon teilzunehmen, kann er sich nicht erinnern. Handbiken gehört zu Ziesmers medizinischer Rehabilitation, um, wie er es ausdrückt, „Überpotenzial zum Alltag zu schaffen“.

Irgendwann sei dann der Sportlergeist durchgekommen: „Da habe ich Blut geleckt.“ Seit Jahresbeginn treibt ihn nun der Ehrgeiz. Wenn er vom Marathon erzählt, wird deutlich, wie viel Glück er als Sportler spürt, wieder im Wettkampf zu sein. „Es tut unheimlich gut, sich endlich mal wieder auszukotzen. Wenn man 20 oder mehr Kilometer gefahren ist, stellt sich dieses wohlige Gefühl der Erschöpfung ein. Das ist einfach toll“, schwärmt Ziesmer. Wenn es sein Biotechnologie-Studium erlaubt, versucht er viermal pro Woche in Cottbus zu trainieren. Er wohnt dort am Stadtrand in einem behindertengerechten Haus mit seiner Freundin Katrin. Die angehende Ingenieurin unterstützt ihn bei seinem Comeback: „Ich finde es bewundernswert, mit welcher ansteckender Leidenschaft Ronny versucht, neue Lebensbereiche zu erschließen.“

Daheim absolviert Ziesmer seine Übungseinheiten auf einem Sieben-Kilometer-Kurs. Dort dreht er bis zu drei Runden, ganz allein, zweimal schon ist er 35 Kilometer gefahren. Sonderlich kaputt sei er danach nicht gewesen, sagt Ziesmer. Deshalb hat er keine Sorge, am Sonntag auch die restlichen sieben Kilometer dranzuhängen.

Einen Marathon zu laufen, als er das noch gekonnt hätte, sei ihm „Gott bewahre nie in den Sinn gekommen“. Das lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Knapp sechs Kilometer war das Längste, das er je gerannt ist. Diese Strecke musste er in jungen Jahren oft vor dem Turntraining zur Erwärmung laufen. 15 Jahre liegt das zurück.

Ob der Berlin-Marathon ein Abenteuer bleiben wird, vermag Ziesmer nicht zu sagen. Sein 33 Jahre älterer Mentor Heinrich Köberle, mit dem er über die Straßen der Hauptstadt rollen wird, ist sich dagegen sicher, „dass Ronny davon nicht mehr loskommt. Und eines Tages nimmt er bestimmt auch an den Paralympics teil.“

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