WM-Kolumne

Zweckoptimismus im wunderschönen Kapstadt

An allen Ecken und Enden laufen die Kosten für die Fußball-WM 2010 aus dem Ruder. Immerhin Kapstadts Bürgermeisterin Helen Zille, Nachfahrin des Berliner Künstlers Heinrich Zille, rechnet mit spitzem Bleistift. Alle Ausgaben seien auch für die Zeit nach der Weltmeisterschaft sinnvoll, sagt sie.

Immer wenn Helen Zille im Morgengrauen aus dem Kapstädter Vorort Mowbray in einem unscheinbaren Toyota Hybrid (Stadtverbrauch um die vier Liter) zu ihrem Amtssitz in der City fährt, recken andere Frühaufsteher anerkennend ihre Daumen: „Bravo“ soll das heißen, unsere Bürgermeisterin verschwendet keine öffentlichen Gelder für Luxuslimousinen aus Germany, wie sie ansonsten bei den Großkopferten in Südafrika gang und gäbe sind.

Da ist typisch für Helen Zille, sie geht immer mit gutem Beispiel voran, „irgendwie steckt die deutsche Tugend wohl in mir“ erklärt sie bescheiden. Sie ist Nachfahrin des berühmten Berliner Milieumalers Heinrich Zille. Ihre Tage sind länger als die der meisten Menschen in der mediterran anmutenden Hafenstadt, ‚Kapstadt - Schlafstadt’ wird zuweilen geulkt. Die Journalistin Zille, die einst gegen die Apartheid kämpfte, schläft selten länger als fünf Stunden. Sie lernte als Erwachsene die in diesem Landesteil Südafrikas gebräuchlichste schwarze Sprache ‚Isi-Xhosa’. Mit ihren zwei erwachsenen Söhnen und ihrem Mann, einem Uni-Professor, verbringt sie „quality time“ am Essenstisch – an den meisten Tagen jedenfalls. Denn außer Bürgermeisterin, ist sie auch noch Chefin der größten Oppositionspartei Südafrikas Democratic Alliance (DA). Dass sie mit spitzem Bleistift rechnet, dafür verdient sie Lob.

Der Republik am Kap geht es zurzeit so, wie allen Ländern, die sportliche Großereignisse ausrichten: An allen Ecken und Enden laufen die Kosten aus dem Ruder. Der Katalog der Bauarbeiten im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2010, allein in Kapstadt, ist schwindelerregend: 2 Milliarden Rand (umgerechnet 142 Millionen Euro) für den Flughafenausbau, 1,3 Milliarden für Maßnahmen im öffentlichen Nahverkehr, 1 Milliarde für Straßenbau, 400 Millionen für den Hauptbahnhof, 1,2 Milliarden für neue Züge und einige hundert Millionen für öffentliche Anlagen, sowie die Modernisierung kleinerer Stadien in Philippi und Athlone. Und dann natürlich das Prunkstück, das WM-Stadion in Greenpoint mit 68.000 Plätzen, Austragungsstätte eines Halbfinalspiels, die jetzt die endgültige Höhe erreicht hat und wo zurzeit das Dach und ein Lärm dämmender Mantel - der je nach Tageszeit und Wetterverhältnissen seine Farbe ändert - installiert wird. Derzeit veranschlagte Baukosten bis zur Fertigstellung im Dezember 2009: 4,5 Milliarden südafrikanische Rand gleich 321 Millionen Euro.

„Mit solchen Zahlen kann kaum ein Mensch noch rechnen“ gibt auch Helen Zille zu. Umso mehr freute sie sich, dass ihr jetzt von Südafrikas Rechnungshof „saubere Buchführung“ bestätigt wurde. Denn das ist schließlich hohes Lob in einem jungen afrikanischen Land, wo zuweilen der Umgang mit öffentlichen Geldern, sagen wir mal, unorthodox ist. „Für die Kostensteigerungen“, ließ die Bürgermeisterin jetzt verkünden, “werden nicht die Bürger durch höhere Abgaben zu Kasse gebeten“, staatliche Zuschüsse und Sponsoren sollen es richten. Alle Ausgaben seien auch für die Zeit nach der WM sinnvoll, “Tourismus, Investitionen und die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen sind durchaus erwünschte Nebeneffekte“, so Zilles Stadtverwaltung.

Insgesamt ist Südafrikas Stimmung rund 6 Monate vor dem Confed-Cup und 18 Monate vor dem Weltereignis gedämpft optimistisch. Die glücklose Nationalmannschaft „Bafana Bafana“, die in der Qualifikation für den Africa-Cup schon ausgeschieden ist, hat in ihren letzten Freundschaftsspielen zumindest gezeigt, dass die Spieler unter ihrem brasilianischen Trainer wissen, in welcher Richtung das gegnerische Tor liegt. Fußballboss Danny Jordaan, der joviale Mann mit Mehrt-Tage-Bart und Zahnlücke, hat sich eine fixe Formel zu Recht gelegt für die vielen Besucher die jüngst – zu Vorbereitungen - ans Kap kamen und von denen viele recht skeptisch erschienen. „Kein Großereignis kann sich heutzutage als rezessionssicher betrachten. Aber die Fifa ist zuversichtlich, dass im Hinblick auf die langjährigen kommerziellen Partnerschaften und die abgeschlossenen TV-Verträge die gegenwärtige Finanzsituation gemeistert werden kann und das 2010 ein finanzieller Erfolg wird.“

Wenn im Februar 2009 mit dem Verkauf der Tickets begonnen wird, verspricht man sich genauere Prognosen. Die derzeitige Vorhersage liegt unverändert bei 450.000 ausländischen Besuchern, angeführt von Engländern (60.000) und Deutschen (50.000). Die Zahlen wurden errechnet auf Grund der Erkenntnisse bei der letzten „weit entfernten“ (Fachausdruck: ‚long haul’) WM 2002 in Korea und Japan.

Für Kapstadt verspricht sich Helen Zille übrigens nicht nur sportliche Höhepunkte: „Wenn die Fußballfreunde einmal hier sind, werden sie sich nicht eine der schönsten Städte der Welt entgehen lassen.“