Training mit WM-Stars

Van Gaal freut sich auf den "richtigen FC Bayern"

Knapp drei Wochen vor dem Bundesliga-Start trainieren beim FC Bayern auch alle WM-Stars wieder mit. Doch Trainer van Gaal hat noch einen Wunsch.

Die erste Beobachtung war zwar eine abseitige, aber ein untrügliches Zeichen dafür, dass es wieder losgeht: Der Ehering fehlte, Philipp Lahm hatte ihn im Spind verstaut. „Das ist das erste Mal, dass ich ihn abgenommen habe“, sagte er. Lahm, der WM-Kapitän, hat vor knapp drei Wochen geheiratet. Seit Montag ist er wieder im Vereinsfußball-Alltag angelangt, so wie die anderen elf deutschen und niederländischen Nationalspieler des FC Bayern München auch.

Es hatte etwas Heimeliges, was sich am Montag auf dem Gelände an der Säbener Straße abspielte. Kapitän Mark van Bommel etwa schwärmte von einem „vertrauten Gefühl“, Lahm plauderte darüber, wie froh er sei, „die Jungs wieder zu sehen“. Zehn Wochen waren sie unterwegs, erst die WM, dann drei Wochen Urlaub. Eine ungewöhnlich lange Zeit im Profigeschäft, so dass selbst Trainer Louis van Gaal am Wochenende beim Turnier in Gelsenkirchen, als eine bessere dritte Mannschaft der Münchner im Finale 1:3 gegen den FC Schalke 04 unterlag, bekannte: „Ich freue mich auf den richtigen FC Bayern.“

Es war eine groteske Situation in den vergangenen Wochen. Da trainierten Spieler wie Deniz Mujic oder Mario Erb unter van Gaal, Amateure aus der zweiten Mannschaft, in einem Testspiel musste gar der Fitnesstrainer aushelfen, so groß war die Personalnot.

Seit Montag nun sind sie weitgehend vollzählig. Nur Daniel van Buyten fehlte, nach seiner Bänderdehnung muss er zehn Tage pausieren. Und Arjen Robben verlegte sein Training in den Kraft- und Konditionsraum. „Das hat er voriges Jahr auch schon gemacht“, beschwichtigte Sportdirektor Christian Nerlinger, der die Zeit des personellen Notstandes für beendet erklärte. Selbst der nach seinen Leistenoperationen wieder genesene Franck Ribery übte mit den Neuankömmlingen. Und überhaupt, befand Nerlinger, so wie der Franzose sich reinhänge, „werden wir noch viel Freude an ihm haben“.

Dennoch ist es mal wieder eine Saisonvorbereitung, die van Gaal in die Rubrik „Schwierig“ einordnet. „Normalerweise brauchen wir sechs Wochen Vorbereitungszeit.“ Den Seinen bleiben bis zum ersten wichtigen Spiel, dem Erstrundenauftritt im DFB-Pokal beim unterklassigen TSV Germania Windeck, aber lediglich 14 Tage, inklusive des umstrittenen Länderspieltermins in der kommenden Woche. Doch in München geben sie sich gelassen. „Am Ende war zu sehen, zu was wir fähig sind. Deshalb mache ich mir um diese Saison auch keine Sorgen“, sagte Lahm.

Schon im vergangenen Sommer hatten die Münchner mit schwierigen Umständen zu kämpfen: neuer Trainer, viele Zugänge und etliche Verletzte – am Ende reichte es dennoch für beide nationalen Titel und den Einzug ins Champions-League-Finale. „Diesmal ist die Basis auf jeden Fall da“, sagte Lahm. Jetzt müsse spezifisch am van Gaalschen System gearbeitet werden.

Die Ziele bleiben die üblichen beim FC Bayern: Meisterschaft und DFB-Pokal. Und international? „Unser Ziel ist das Champions-League-Finale“, sagte van Bommel. Aber den Favoritenstatus habe sein Team erneut nicht inne. Ob ihm denn das verlorene WM-Endspiel nachhänge, wurde er noch gefragt. „Ich habe gelitten“, antwortete van Bommel, aber im Urlaub habe er versucht abzuschalten.

Nun können solche Großveranstaltungen wie eine Weltmeisterschaft auch das Gefüge innerhalb einer Vereinsmannschaft ändern. Es gibt Gewinner wie Thomas Müller etwa, den Torschützenkönig und besten Nachwuchsspieler. Und es gibt Verlierer wie Mario Gomez; der Angreifer brachte es nur zu wenig ertragreichen Kurzeinsätzen. Eine Nationalmannschaft könne mit einer Vereinself verglichen werden, sagte Lahm. „Die Hierarchie hat sich vergangenes Jahr schon gebildet.“ Grundlegendes habe sich nicht geändert.

Van Gaal ist ein Trainer, der eine erprobte Stammformation nur ungern wechselt. Und so wird der FC Bayern der kommenden Saison nahezu identisch mit jenem der vergangenen Spielzeit sein. Zumal die Münchner auch noch keinen Cent auf dem Transfermarkt ausgegeben haben. „Wir kaufen niemanden“, hatte van Gaal erst jüngst betont, auch wenn van Bommel gestand, wie gern er seinen Nationalmannschaftskollegen, den Außenverteidiger Gregory van der Wiel von Ajax Amsterdam in München sehen würde.

Doch die Sprachregelung der Kluboberen lautet: Neben Rechtsaußen Lahm „haben wir vollstes Vertrauen in Diego Contento“ (Nerlinger). Der 20-Jährige, seit Winter mit einem Profivertrag ausgestattet, soll sich zur Stammkraft auf der linken Seite entwickeln.

Überhaupt würde van Gaal lieber seinen Kader entschlacken, vor allem in der zentralen Mittelfelddefensive und im Angriff verwaltet er ein Überangebot an Personal. „Wir haben vier Stürmer, das sind zwei zu viel“, hat er gesagt. Van Gaal liebäugelt mit einer Formation mit nur noch einer Spitze. Vor einer Dreierkette im offensiven Mittelfeld mit Ribery, Leverkusen-Rückkehrer Toni Kroos und Robben könnte Müller wirbeln. Zumindest wolle er Müller auf dieser neuen Position ausprobieren, sagte van Gaal. Den anderen Offensiven, Ivica Olic, Miroslav Klose und Mario Gomez, bliebe dann nur die Bank oder gar die Tribüne. Und so könnte es sein, dass bald noch einer wie Gomez das Weite sucht.

Müller jedenfalls ist in Normalform bei van Gaal gesetzt. Überhaupt ist der WM-Held eine der beherrschenden Personen in München, auch wenn Nerlinger versucht, die Euphorie zu bremsen: „Bei Müller sollten wir aufhören, ständig über die WM zu reden.“ Sein zweites Profijahr werde ohnehin schwer genug. Die Vereinsoberen wissen, dass der WM-Hype um Everybody’s Darling Müller auch nach hinten losgehen kann. „Aber wir haben keine Bedenken, dass er abhebt“, hatte jüngst Präsident Uli Hoeneß gesagt.

Am Montag jedenfalls kam Müller als Erster aus der Kabine, er trug wie selbstverständlich ein Ballnetz, so wie es jüngeren Spielern vorbehalten ist, die in der Hierarchie noch nicht ganz oben stehen. „Ich bin geil auf Fußball“, sagte Müller. Aber er müsse sich jetzt wieder wie alle anderen behaupten. „Denn bei van Gaal“, sagte Nerlinger, „zielt in erster Linie das Leistungsprinzip.“