DFB-Pokal

Hertha offenbart Pfullendorfs Schwächen

Hertha hat verdient beim Regionalligisten SC Pfullendorf gesiegt und ist nun in der zweiten Pokalrunde. Doch der neu formierte Zweitligist konnte trotz des Sieges nur teilweise überzeugen.

Eine Stunde lang hatte Markus Babbel auf seiner roten Gartenbank gesessen, dann gab es endlich einen freudigen Anlass aufzuspringen. Adrian Ramos hatte einen Freistoß von Nikita Rukavytsya ins rechte Eck geköpft, es war das erlösende 1:0 für Hertha BSC. Mit nach oben gereckten Armen jubelte der Trainer an der Seitenlinie. Nach einem weiteren Treffer von Rob Friend setzte sich der Zweitligist in der ersten Runde des DFB-Pokals beim SC Pfullendorf mit 2:0 (0:0) durch. Babbel holte somit in seinem ersten Pflichtspiel den ersten Sieg, räumte aber ein: „Wir sind schwer ins Spiel gekommen, haben eine Viertelstunde gebraucht, um uns zu fangen. Dann waren wir aggressiver, lauffreudiger und hatten eine Vielzahl guter Möglichkeiten. Insofern geht unser Sieg voll in Ordnung.“

Für Übermut indessen besteht kein Anlass. Zwar trug eine Gruppe von Hertha-Fans schwarze Sweatshirts mit dem Slogan „Kniet nieder ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast“. Die Darbietung des Bundesliga-Absteigers legt jedoch nahe, dass Hertha Hochmut nicht kleidet. Zunächst hatte der Favorit einige Zeit benötigt, um sich auf die ungewohnten Umstände einzustellen. Hinter den Toren schauten die Zuschauer auf einer Wiese zu, beim Auflaufen kamen die Profis im Kabinengang an Ciao vorbei, dem Maskottchen der WM 1990 in Italien.

Der Sprung in die Gegenwart wäre aber beinahe schief gegangen. In den ersten zehn Minuten war der Hertha-Strafraum eine permanente Gefahrenzone. Christian Lell wurde mehrfach ausgespielt, ebenso Levan Kobiashvili. „Die haben ordentlich Gas gegeben“, staunte Lell. Zum Glück für den Zweitligisten vermochte der Außenseiter aus der Regionalliga kein Kapital zu schlagen.

Mit zunehmender Dauer dominierten jedoch die Gäste. Hertha hielt den Ball in den eigenen Reihen, Valeri Domovchiyski und auch der Australier Rukavytsya spielten ihre Schnelligkeitsvorteile aus. Was jedoch auffiel: Die neue zusammengestellte Mannschaft – gaben Maikel Aerts, Kapitän Andre Mijatovic, Lell, Peter Niemeier, Rukavytsya, Friend und später auch die Nachwuchsspieler Nico Schulz und Sebastian Neumann ihren Pflichtspiel-Einstand bei Hertha – ist noch dabei, sich zu finden. So sehr sich die Spieler mühten, im Vorwärtsgang gab es kaum Kombinationen. Chancen entstanden aus Einzelaktionen. Etwa als Domovchiyski den Ball artistisch an zwei Verteidigern vorbeilegte, dann aber Torwart Ralf Hermanutz in die Arme schoss (17.). Eine neue Qualität indessen zeichnet sich ab: Die Stärke bei hohen Bällen, vor allem nach Standardsituationen. Das war ein probates Mittel gegen Pfullendorf, und wird es auch in der Zweiten Liga sein, wenn Hertha auf viele defensiv eingestellte Gegner treffen wird. Friend, der in der Vorbereitung nur schwer in Fahrt gekommen war, köpfte, doch mit den Fingerspitzen konnte der Schlussmann der Gastgeber den Ball noch über die Latte drehen (22.).

Nachdem die Berliner weitere Möglichkeiten fahrlässig ausgelassen hatten, passierte das, was immer möglich ist: Pfullendorf hatte unmittelbar vor der Pause die Chance, das Geschehen auf den Kopf zu stellen. Aber Jörg Schreyeck jagte den Ball freistehend aus sieben Metern über das Hertha-Tor – eine Schrecksekunde für Hertha (41.). Nach der Pause wurde das Geschehen noch einseitiger. Hertha drängte auf das Tor – und wurde nach einer guten Stunde belohnt. Natürlich war es ein ruhender Ball, Adrian Ramos hatte seine beste Aktion und traf. Eine Viertelstunde später beseitigte Friend letzte Zweifel beim Favoriten. Der Kanadier köpfte eine Ecke von Kobiashvili ein, 2:0 (76.), damit war die Partie vor 7100 Zuschauern entschieden. Friend sagte: „Das erste Pflichtspiel ist immer nicht einfach. Aber wir haben es geschafft, das ist gut. Wir brauchten etwas Geduld, haben aber ruhig weitergespielt und hatten dann auch Erfolg. Pfullendorf hat es uns vor allem in der erste Hälfte sehr schwer gemacht.“

So nahm die Dienstreise nach Südbaden das erhoffte Ende. Die Mannschaft bedankte sich bei 700 mitgereisten Hertha-Fans, die von Anfang bis Ende die akustische Hoheit in Pfullendorfs kleinem Stadion hatten. Manager Michael Preetz, der die Partie im dunklen Anzug auf der Bank verfolgt hatte, war zufrieden: „Für das erste Spiel war das in Ordnung. Wir haben mehr Chancen rausgespielt als Tore gemacht, da ist noch Luft nach oben.“

Trainer Markus Babbel erzählte, dass er zur Pause in der Kabine zwar nicht laut, aber doch schon bestimmt geworden sei: „Ich habe gesagt, dass wir konsequenter in die Zweikämpfe gehen müssen. Die zweite Hälfte hat mir besser gefallen als die erste, da haben wir nach hinten nichts zugelassen. Wir sind verdient weitergekommen.“ Gleichwohl weiß er, dass bis zum Zweitliga-Start am Freitag gegen Rot-Weiß Oberhausen (18 Uhr, Olympiastadion) noch einiges an Arbeit wartet.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.