Buemi-Unfall

Formel 1 – Wettrüsten bis über die Schmerzgrenze

Der Unfall des 21-jährigen Toro-Rosso-Piloten Sebastien Buemi im Freien Training von Shanghai, bei dem sein Wagen beide Vorderräder verlor, ist kein Zufall: Er steht exemplarisch für das Wettrüsten aller Formel-1-Teams in diesem Jahr, bei dem fieberhaft um den kleinsten technischen Vorteil gerungen wird.

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Die jüngste Materialschlacht begann für Red Bull auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Weil der Luftraum über Großbritannien infolge des Vulkanausbruchs Eyjafjallajökull auf Island gesperrt war, musste die brandneuen Bauteile für die Boliden der Formel-1-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber umständlich umgeleitet werden. Von der englischen Hauptstadt aus per Zug durch den Eurotunnel wurden sie nach Paris verfrachtet und von dort nach Shanghai geflogen.

Früh in der Saison wird fieberhaft um den kleinsten technischen Vorteil gerungen. Während sich der Aufwand bei Red Bull im Training zum Großen Preis von China am Sonntag mit zwei fünften Plätzen von Vettel nicht niederschlug, wähnt sich Mercedes dank eines technischen Kniffs im Aufwind. Nico Rosberg rangierte im Mercedes hinter dem Tagesbesten Lewis Hamilton (McLaren) auf Platz zwei. Der dem blonden Deutschen auf Rang vier wieder einmal unterlegene Teamkollege Michael Schumacher schöpft im Titelrennen prompt neue Hoffnung. „Wir scheinen der Spitze näher gekommen zu sein.“

Ein neuer Heckflügel soll die Silbernen beflügelt haben. Die Erfindung wird auf Teamchef Ross Brawn zurückgeführt, der bei Ferrari als „Superhirn“ geadelt wurde. „Wir würden ihn nicht benutzen, wenn er nicht besser wäre“, lobte der Rekordchampion den Spoiler. „Wir sind dabei, das Ganze zu perfektionieren“, sekundierte Rosberg.

Geniestreiche haben immer wieder den Weg zu Titelgewinnen geebnet. Zuletzt wartete McLaren im Saisonfinale 2008 mit einem Speziallenkrad an Lewis Hamiltons Silberpfeil auf, das zwei extra Schaltwippen aufwies, mit denen man eine Art Traktionskontrolle nachahmen konnte. Im Vorjahr setzte Brawn-GP den Doppeldiffusor ein, der am Unterboden den Luftstrom günstig leitet. Er ist inzwischen Standard.

Nun versucht die Konkurrenz, den Einfallsreichtum zu überbieten. Allerdings erlaubt das Testverbot Neuentwicklungen weniger zuverlässigen Probeläufen am Simulator. Die Ausgewogenheit des Fahrerpersonals der Spitzenteams setzt die technischen Abteilungen zusätzlich unter Druck. Die Konkurrenz sei härter denn je, konstatiert Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug: „Eine Handvoll Teams hat inzwischen die Ideen. Die Luft wird dünner.“

Zu Saisonauftakt preschte McLaren mit dem so genannten „F-Schacht-System“ vor, einem Luftdurchfluss im Cockpit, das auf der Geraden für Anpressdruck sorgt. Der neue Spezialspoiler der Silberpfeile ist nun eine Reaktion auf den F-Schacht. Motorsportchef Norbert Haug kündigte an, McLarens Trick noch weiter kopieren zu wollen. „Aber das kann noch ein bisschen dauern.“ Ferrari und Sauber haben Blaupausen der viel gerühmten McLaren-Lufthutze in Shanghai schon zur Rennreife gebracht.

„Wir erwarten ein hartes Wettrüsten während der gesamten Saison“, sagt Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko. Der österreichische Rennstall hat seinen Teil zum High-Tech-Manöver beigetragen. Die Mannschaft um Teamchef Christian Horner soll eine Vorrichtung einsetzen, die die Höhe des Fahrwerks des RB6-Boliden reguliert. Weil die Debatte um ein derartiges System heißlief, untersagte der Automobilweltverband Fia den Rennställen vor der China-Reise noch einmal ausdrücklich dessen Gebrauch.

Auch der F-Schacht stand vorübergehend auf dem Prüfstand der Fia-Kontrolleure, weil er sich vom Piloten verstellen lässt, doch nun ist Red Bull auf den Geschmack gekommen. „Wenn man die Zeiten auf den Geraden sieht, muss man das Ding einfach haben“, sagt Sebastian Vettel. Bis zu 14 km/h schneller war Jenson Button im McLaren auf der Zielgeraden von Sepang/Malaysia als die Konkurrenz, ein Vorteil vor allem auf dem Kurs in Shanghai mit den langen Geradeausstücken. Vettel sagt: „Der Druck ist enorm, weil McLaren schon eine ganze Weile an dem Schacht geforscht hat.“ Das Einführungsdatum des Nachbaus bei Red Bull steht noch nicht fest, „irgendwann bei den Europarennen“, soll die Lufthutze debütieren.

Am Freitag zeigte sich, unter welchem Druck die Ingenieure stehen und an welche Grenzen sie stoßen. Ferrari verzeichnete im Training den zweiten Motorschaden in dieser Saison. Fernando Alonso verfügt in den ausstehenden 16 Rennen nur noch über sechs Triebwerke. „Ich glaube nicht, dass es ein großes Problem sein wird“, beteuerte der Spanier.

Entweder aus Schludrigkeit an der Toro-Rosso-Box oder wegen eines Materialfehlers am Radträger brachen am Auto des Schweizers Sebastien Buemi beim Anbremsen bei mehr als 300 km/h an einer heftigen Bodenwelle plötzlich beide Vorderräder ab. Buemi rutschte an der Leitplanke entlang durch ein Kiesbett in einen Reifenstapel. Der 21-Jährige blieb wie durch ein Wunder unverletzt.