Schwimmen

Britta Steffen sagt ihren Start bei der EM ab

Olympiasiegerin Britta Steffen kuriert sich aus und setzt auf die Herbstsaison – Paul Biedermann wird Deutscher Meister über 200 m Freistil.

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Britta Steffen (26) sah aus, als ginge sie zum Reiten auf einen Pferdehof oder zum Baden ins Freibad, jedenfalls schien sie ihre Bekanntgabe des Verzichts auf einen Großteil dieser Schwimmsaison nicht weiter zu bekümmern. Dass die Doppel-Olympiasiegerin von 2008 mit braunen Strohhut und schwarzem Top als Zuschauerin der Deutschen Meisterschaften in Berlin bei der EM im August in Budapest fehlt, galt ohnehin als offenes Geheimnis. Nach Schulterproblemen und einer Nasennebenhöhlenentzündung plagt die Blondine derzeit eine akute Bronchitis. „Ich konnte dieses Jahr nicht mal zehn Tage am Stück trainieren.“ Sie klammert sich an einen dünnen Strohhalm: die Kurzbahnsaison im Herbst.

Zumindest ihre Professoren wird die Absage erfreuen, denn die Freizeit widmet sie nun ihrem Studium. Zwei Klausuren schreibt sie in den kommenden zwei Wochen, im Herbst will sie alle Scheine für das Studium der Wirtschaftsingenieurwissenschaften in den Händen halten. „Das Schwimmen fehlt mir sehr“, bekannte sie pflichtschuldig, „mein Herz schlägt heftig, wenn ich auf der Tribüne sitze.“

Ihre Leidenschaft musste sie am Sonntag passiv stillen. Sie stand am Becken, als Freund Paul Biedermann über 200 m Freistil sein angeknackstes Selbstvertrauen instand setzte. Er schlug mit über einer Länge Vorsprung als Erster vor Tim Wallburger und Robin Backhaus (beide Berlin) an. „Enorm wichtig“, fand der Doppel-Weltmeister den Sieg und noch mehr die Zeit: 1:45,84 Minuten, Weltjahresbestzeit. Sein großer Widersacher, der 14-malige Olympiasieger Michael Phelps, war dieses Jahr zwei Sekunden langsamer.

Nach der Ära der High-Tech-Anzüge müssen alle Schwimmer ihre Pfründe neu abstecken. In den „Jammer“ genannten Badehosen mit langem Bein sieht Bundestrainer Dirk Lange alle Athleten sozusagen vor einem Sprung ins kalte Wasser. Er sagt: „Gemessen an den Zeiten ist es in manchen Disziplinen ein Rückfall auf das Niveau der 90er-Jahre. Viele Athleten kennen das Schwimmen in Badehose und Badeanzug gar nicht mehr, und auch die Trainer müssen bei der Trainingsgestaltung erst wieder neue Erfahrungen sammeln. Das ist ein Dilemma.“

Über die längere Distanz fällt Biedermann die Umstellung besonders schwer. Sein erster Auftritt tags zuvor rief großen Frust hervor. „Ich habe mich noch nie bei 400 Metern so schlecht gefühlt“, nölte er, nachdem er vier Sekunden über der Weltjahresbestzeit des Chinesen Lin Zhang geblieben war. „Aus der ersten Enttäuschung heraus habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ein EM-Start über diese Distanz Sinn macht“, sagte der 23-Jährige aus Halle/Saale und suchte nach Gründen: „Vielleicht war ich übermotiviert, vielleicht bin ich noch zu schwer.“ Auf 90 Kilogramm speckte er sein Gewicht ab, aber wird wohl noch weiter auf seine heiß geliebte Schokolade verzichten müssen, weil „jedes Gramm im Wasser nach unten zieht“. Zumindest bewies er danach über die 100 m Freistil Kampfgeist. In 48,80 Sekunden verwies Biedermann die Hamburger Deibler-Brüder Steffen (48,97) und Markus (49,22) auf die Plätze zwei und drei. Alle drei blieben jedoch unter der EM-Norm.

Bei den Europameisterschaften sollen neben Biedermann, Steffen, Deibler sowie die WM-Zweite Daniela Samulski und ihr Essener Teamkollege Hendrik Feldwehr helfen, die Zielvorgabe des Deutschen Schwimmverbandes von elf Medaillen zu erfüllen. Ohne Britta Steffen scheint das kaum realisierbar, denn auch der Nachwuchs bereitet Lange Kopfzerbrechen. Etwas mehr als 20 Schwimmer wird der Übungsleiter nach dem Berliner Eignungstest mit nach Ungarn nehmen. Doch der Perspektivkader Olympia 2012 umfasst 30 Athleten. Lange sagt: „Da haben sich einige nicht so präsentiert, wie wir uns das vorgestellt haben.“