Kultklub

St. Paulis Spagat zwischen Kult und Kommerz

Seriöse Führung, solide Finanzen und prächtige Neubauten. Geht das beim Aufsteiger St. Pauli auf Kosten des Mythos?

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Den Spielern der Bundesliga steht in dieser Saison ein ungewöhnlicher Gang bevor. Selbst wenn das Münchener Starensemble beim FC St. Pauli aufläuft, führt der Weg aufs Spielfeld unter dem Kindergarten „Piratennest“ hindurch. Der Hort ist Teil der neuen Tribünen des Millerntor-Stadions, über dem Spielertunnel gelegen und mit unverbaubarem Panoramablick in die Arena. Alles in allem 1-a-Lage. Während oben also Knirpse Kastanienmännchen basteln, könnte unten das Bundesligaspektakel über die Bühne gehen.

An diesen Neubauten lässt sich vieles ablesen und hineindeuten. Sie stehen für den FC St. Pauli der Neuzeit, der nach acht Jahren Zweit- und Drittklassigkeit wieder in die Bundesliga zurückgekehrt ist. Sportlich erfolgreich, wirtschaftlich gut aufgestellt, seit Jahren ohne Skandale – ist St. Pauli etwa normal geworden? Und dann dieses Stadion, das mit seiner Modernität, der prachtvollen Fassade und den teuren Business-Plätzen die Frage aufwirft: Wie viel Kult und Mythos steckt noch in diesem Klub?

Corny Littman, 57, fällt da zunächst der Toilettenbesuch ein. An den alten und neuen Urinalen lasse sich ganz gut erkennen, wie kultig das Vereinsgebilde ist, findet er. Littmann ist, wenn man so will, der Bauherr des Stadions und Architekt des modernen FC St. Pauli. ??Er hat als Präsident den Kiezklub 2002 mit der legendären „Retter-Kampagne“ vor dem Aus bewahrt, ihn dann saniert und schließlich salonfähig gemacht. Nach dem Bundesligaaufstieg trat er überraschend zurück. Aus seiner Sicht gab es nichts mehr zu erreichen.

Toiletten verraten, wie kultig St. Pauli wirklich ist

Gegen viele Widerstände hat er St. Pauli fit gemacht für die Zukunft. Auch die Toiletten. Als er das Stadionprojekt realisieren wollte, weil für das baufällige Millerntor der Entzug der Spielerlaubnis drohte, war er „von Befürchtungen umzingelt“, wie Littmann heute erzählt: „Das führte zu solch wahnsinnigen Vorschlägen, dass die Pissrinne der Haupttribüne erhalten werden sollte. Das war ein 20 Quadratmeter großer Raum mit einer Blechrinne. Ein Raum für die gesamte Haupttribüne mit seinen 3500 Zuschauern wohlgemerkt. Stinkend, ekelhaft, ständig musste man Schlange stehen. Altes bewahren zu wollen und jedem Neuen gegenüber skeptisch zu sein, war die Irrsinnigkeit in der Diskussion. Auf den neuen Toiletten lässt sich ablesen, wie kultig St. Pauli wirklich ist. Gehen Sie mal durchs Stadion. Sie spüren, was ich meine.“

Wird gemacht. Wer seine Notdurft verrichten muss, der blickt nun auf glänzende schwarze Fliesen mit dem St. Pauli-Logo. Über den Urinalen hängen Bilder vom alten Stadion. Schöner kann man kaum pinkeln. Die Treppenaufgänge schmücken großformatige Fotos aus vergangenen Tagen, dazwischen hängen immer wieder Kunstwerke. Der Vip-Raum gleicht mit seinen roten Samtvorhängen einem Ballsaal, er heißt praktischerweise auch so.

Logen werden hier Séparées genannt, und wer einen Business?-Seat gekauft hat, ist „Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft“. Die sitzt im Stadion (40 Mio. Baukosten, 28?000 Zuschauer, mehr Steh- als Sitzplätze, Ende der Bauzeit 2014) direkt hinter dem Stehrang der St. Pauli-Ultras. Die alte, von Hand zu bedienende Anzeigentafel aus Holz prangt an einer Wand im Untergeschoss, in der Trikotkammer steht noch das antiquierte Radio von Saba Lindau des ehemaligen Zeugwarts Bubu Bubke und in der Kabine ist die alte, verrostete Messinguhr aus der alten Umkleide angebracht. Es wird gar nicht erst der Versuch unternommen, sich neu zu orientieren. Das Alte ist allgegenwärtig, und das Neue wurde nur aufgemöbelt.

Elf Millionen Sympathisanten weltweit

„Wenn davon geredet wird, der Mythos sei verloren gegangen, dann haben einige die alten Zeiten verdrängt. Das ist schlicht Geschichtsfälschung. Früher war das Stadion oft nicht ausverkauft, heute wäre das undenkbar. Der Verein ist in den vergangenen Jahren zu mehr geworden als das Spiel, das stattfindet“, sagt Littmann. „Der Zuschauerzuspruch ist seit sieben Jahren unabhängig vom sportlichen Erfolg, ähnlich wie bei Schalke und Dortmund. Die Frage ist deswegen nicht, ob der Mythos noch da ist. Die Frage ist, was entstanden ist. Der FC St. Pauli ist mittlerweile wieder Projektionsfläche, auf die sich viele unterschiedliche Menschen beziehen können.“

St. Pauli hat weltweit elf Millionen Sympathisanten. Kein anderer Profiklub hat beim Verkauf von Fanartikeln in den vergangenen Jahren größere Zuwachsraten erzielt, beim Merchandising steht der Klub unter den Top-10 der deutschen Vereine. Das Totenkopf-Emblem ist ein Verkaufsschlager, der Kommerz blüht. Wird damit die Vereinsseele verkauft?

Andre Trulsen gehört mit Unterbrechungen seit 1986 dem FC St. Pauli an. Insgesamt 13 Jahre als Spieler, seit 2006 als Co-Trainer. Er sagt, St. Paulis Seele sei unverkäuflich: „Es gibt Leute, die mit dem Verein Geld verdienen wollen. Aber wir haben unsere Identität immer behalten.“ Fabian Boll sieht das auch so. Der 31-Jährige spielt bei St. Pauli im Mittelfeld und arbeitet nebenbei als Oberkommissar auf einer Dienststelle in Eimsbüttel. Er ist der einzige Profi der Liga, der noch einen normalen Beruf ausübt. Ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft also, der seit acht Jahren beim FC St. Pauli ist. Boll sagt: „Trotz all der Professionalisierung in und um den Verein wird immer versucht, den Charakter des FC St. Pauli beizubehalten. Wir als Mannschaft werden auch in Zukunft ein Team zum Anfassen sein.“

Das Bekenntnis kann man wörtlich nehmen. Die Teambesprechung vor dem Spiel findet im Vereinsheim im Stadion statt, wo auf Bierbänken und Ballsaalstühlen gesessen wird und ein Schild am Eingang darauf hinweist: „Das Mitbringen von Hunden ist nicht gestattet.“ Torwart Mathias Hain und seine Kollegen Florian Lechner und Marcel Eger kommen bei Heimspielen immer zu Fuß im Fanstrom ins Stadion. Sie wohnen in der Nähe. Zugang Moritz Volz, der von den Queens Park Rangers kam, fährt gern mit seinem Klapprad zum Dienst. Und Gerald Asamoah, von Schalke 04 gekommen, ist seit jeher ein volksnaher Profi.

Ohne Frage hat der Klub aus seinen Fehlern gelernt. 2001 wurden nach dem Bundesligaaufstieg wie wild Spieler eingekauft und verscherbelt, 14 kamen, 14 gingen. Die seelenlose Mannschaft war sich selbst so fremd wie den Fans. Bei dieser Rückkehr in die Bundesliga ist das Team weitestgehend das alte geblieben und nur moderat verändert worden. „Die Spieler, die verdient aufgestiegen sind, können aus meiner Sicht auch eine Klasse höher bestehen“, sagt Trainer Holger Stanislawski, dessen Profikarriere 1993 beim FC St. Pauli begann und dort 2004 auch endete.

Seit 2006 ist er Trainer des Klubs, fährt jeden Morgen mit Kaffeethermoskanne im Auto zur Arbeit und hat sich quasi einen FC Deutschland zusammengestellt. Der vor zwei Wochen von Schalke dazu gestoßene Peruaner Carlos Zambrano ist der einzige Ausländer im Team. Schon das ist ein Alleinstellungsmerkmal in der Liga. Sponsoren runden das Bild vom Kultklub nur noch ab. Auf dem Trikot wirbt die Fernsehlotterie mit „Ein Platz an der Sonne“, die Wagen für die Spieler stellt Mini.

Pastor Wilm ist der Hirte der St. Pauli-Schäfchen

Wer Antworten auf die Frage sucht, wie viel Kult und Mythos noch im FC St. Pauli steckt, der wird am besten bei Pastor Sieghard Wilm vorstellig. Wilm, 44, ein Mann mit stylischer Kurzhaarfrisur, Karohemd und iPhone in der Tasche, ist der Hirte der St. Pauli-Schäfchen. Leid und Freud des Stadtteils wird zum Teil auf seinen Schultern abgeladen, kaum einer kommt der Fanseele näher als er. Seinen letzten Gemeindebrief hat er mit der Schlagzeile „Wir sind aufgestiegen“ versehen. Der Geistliche wohnt Luftlinie 1,3 Kilometer vom Stadion entfernt. Wenn dort gejubelt wird, hört er das in seinem Haus auf dem Pinnasberg. Er sagt, das ginge ihm dann „durch Mark und Bein. In dem Moment merkt man, dass das ein Organismus ist“.

Wilm, St. Pauli und der FC, das ist untrennbar miteinander verbunden. Er sorgt sich um Prostituierte, bekämpft Ausbeutung und Menschenhandel, und hat ein großes Herz für die Jugendsozialarbeit. Und bei all dem gibt es eine große Schnittmenge mit dem Klub. Bei Hochzeiten wird seine Kirche schon mal mit Fanschals ausstaffiert, St. Paulis Spieler sitzen bei ihm auf den Kirchenbänken, um etwas über den Stadtteil zu erfahren und mit ihm zu beten. Bei Konfirmationen wird oft die Vereinshymne „You’ll never walk alone“ gespielt und nach dem Gottesdienst wird gern über das letzte Spiel geredet. Wilm sagt, der FC St. Pauli habe „totale Identifikationsfunktion“. Er weiß von den Menschen zu berichten, die Fans sind: „Die gucken sich ihr eigenes Leben an und sagen: Es läuft nicht alles so, wie ich es mir wünsche. Dennoch gebe ich nicht auf. Diese Stimmung ist FC-St.-Pauli-Stimmung.“

Kult und Mythos? Sind total da, sagt Wilm, immer noch und vielleicht mehr denn je. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Vater nach Jahrzehnten wieder sehen wollte. Der Alte, ein Seemann, wohnte auf St. Pauli und war Wilm bekannt. Er brachte beide zusammen. Weil sie sich kaum kannten, hatten sie sich nicht viel zu erzählen. Das Thema aber, was sie letztlich verbunden hatte, war der FC St. Pauli.

Wilm wird auf St. Pauli Himmelskomiker genannt. Er sagt, er kann den Menschen helfen, eine neue Sicht auf ihre eigene Situation zu bekommen. Er ist im Kiez ein anerkannter Seelsorger. Er sagt aber auch: „Durch den Klub wird Freude und Leid geteilt. Das ist schon eine Menge wert. Wer würde es schaffen, wenn es den FC nicht gebe? Es gibt keinen Ersatz. Die Menschen pilgern dahin, das Stadion ist ihr Tempel.“ Der macht es erstmals seit Jahrzehnten möglich, dass ein Bundesligaspiel gegen den HSV wieder im Millerntor-Stadion stattfinden wird. Früher wurden die Begegnungen in der Arena des Lokalrivalen ausgetragen, weil der klamme Klub die größere Einnahme brauchte. Heute hat der FC St. Pauli das nicht mehr nötig.