Olympische Spiele

Wie ein deutscher Nobody Gold im Triathlon holte

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Robert Dunker

Jan Frodeno ist der erste deutsche Olympiasieger im Triathlon. „Ich hatte null Druck, niemand wusste, wer ich bin, das war mein größter Vorteil", sagte der 27-Jährige. Vier Jahre lang hatte er während seiner Vorbereitung auf die Spiele in Peking den Moment des Triumphes visualisiert.

Für Jan Frodeno gab es keine bessere Einstimmung auf den Augenblick, der der größte im Leben des deutschen Triathleten aus Saarbrücken werden sollte. An seinem 27. Geburtstag knatterte er mit einer Propellermaschine über den See und den Rundkurs hinweg, wo er knapp 24 Stunden später, nach 1,5 Kilometern Schwimmen, 40 Kilometern Radfahren und 10 Kilometern Laufen erschöpft zu Boden sank. Der Ausflug in Schwindel erregende Höhen war ein Geschenk seiner Eltern. Sie wissen um die Schwäche ihres Sohnes. „Ich bin ein Adrenalin-Junkie. Ich fahre gern schnell Auto und esse schnell. Eigentlich mache ich alles gern schnell.“ Dienstag bewies Frodeno, dass er auch unheimlich schnell laufen kann. In einem packenden Finish besiegte er über die olympische Triathlondistanz sensationell den kanadischen Olympiasieger von 2000, Simon Whitfield und den Zweiten von 2004, Bevan Docherty aus Neuseeland.

Der Weltranglistenelfte Frodeno schüttelte „in einem der härtesten Triathlon-Wettbewerbe aller Zeiten“ bei 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent alle Favoriten ab, unter anderem seinen Landsmann, den Weltmeister von 2007, Daniel Unger als Sechsten, und den amtierenden Weltmeister und Weltcupführenden Javier Gomez aus Spanien als Vierten. „Ich hatte null Druck, niemand wusste, wer ich bin, das war mein größter Vorteil“, sagte Frodeno. Das wird sich nun ändern, nachdem deutsche Medien bereits Homestorys mit Unger vorbereitet hatten. „Der Schatten, den Daniel warf, wurde immer größer“, konstatierte der Aufsteiger: „Am Ende habe ich eine Grubenlampe gebraucht. Aber in Deutschland zählen eben nur Siege.“

Er wird auf immer der erste deutsche Olympiasieger des erst im Jahr 2000 eingeführten Wettbewerbs bleiben. Das Bild des glückstrunken im Ziel auf dem Rücken liegenden BWL-Studenten mit hochgereckten Armen bleibt haften. Diese Szene hat er vier Jahre lang während der Olympiavorbereitung „immer wieder visualisiert. Triathlon ist auch ein psychologisches Spiel.“ Jan Frodeno, den seine Freunde „Frodo“ rufen, horchte in seinen Körper hinein, bei Kilometer vier legte die Führungsgruppe einen Zwischenspurt ein, wodurch er zurückfiel. Er ließ sich aber nicht kirre machen, und „als ich mich wieder zurückgekämpft hatte, wusste ich, das kann heute was geben.“ Auf den letzten Metern dachte er nur: „Augen zu und durch. Sieg oder Sibirien.“

Triathlon, das bedeutet, den inneren Schweinehund zu besiegen. „Du hast Ängste, dass du es nicht schaffen kannst und du fühlst unsagbare Schmerzen“, erklärt er. Triathlon, das bedeutet auch, aus Niederlagen zu lernen. Anders als beim Schwimmen, beim Radfahren oder Langstreckenlauf gibt es im Triathlon ganz selten Seriensiege, der Spanier Gomez, liiert mit der deutschen Triathletin Ricard Lisk, bildet da dieses Jahr eine Ausnahme. Alles hängt von der Tagesform, von der Strecke ab und eben vom Lerneffekt. „Ich habe Jan beim Weltcup in Korea im Sprint geschlagen. Das bedaure ich jetzt“, witzelte der Dritte Docherty und grinste ehrlich.

Nur von Reis und Wasser ernährt

Die Triathleten präsentieren sich gern als verschworene Gemeinschaft. „Wir sind alle irgendwie miteinander befreundet. Unser Sport steht für Kameraderie und Zusammenhalt“, sagte Simon Whitfield. Frodeno versicherte, dass er mit Unger eine enge Freundschaft pflege, auch wenn jeder im deutschen Team, dem auch noch Christian Prochnow aus Potsdam als 15. angehörte, „für sich läuft“. Anders übrigens als Neuseeländer, Kanadier und Spanier, die so etwas wie eine Teamstrategie entwerfen.

Die Schinderei verbindet. 1100 Kilometer schwimmt Frodeno im Jahr, fährt 12.500 Kilometer Rad und joggt noch mal 4300 Kilometer, alles für seinen Sport. Besonders eng sind die Bande zur Triathletin Antje Dittmer, am Montag enttäuschende 33., und deren Freund und Trainer Kris Gemmell. Die drei Ausdauersportler leben drei Kilometer vom Olympiastützpunkt Saarbrücken entfernt zusammen in einer WG; bis auf die letzten drei Monate. Da nahm sich Frodeno direkt am Stützpunkt ein Zimmer, nur mit einer Matratze auf den Boden, hängte die olympische Fahne auf und „ernährte mich nur von Reis und Wasser“. Will heißen: „Ich habe sehr asketisch gelebt.“

Wellenreiten in Südafrika

Das Leben, das er als Jugendlicher führte, klingt dagegen schillernd. Er wuchs in Südafrika auf, weil sich seine Eltern eine neue Existenz aufbauen wollten. „Das, was man jetzt als Soap im Fernsehen sieht, haben wir schon vor 15 Jahren gemacht.“ Er begann mit Wellenreiten, trat mit 16 in einen Schwimmverein an, nahm mit 19 erstmals an einem Sprinttriathlon teil und war von da an „wie so viele andere vom Triathlon-Virus infiziert“. 2004 nach seiner Rückkehr startete er eine Profikarriere, wurde Dritter bei den Deutschen Meisterschaften und gewann 2007 die nationale Ausscheidung.

Früher kam er dank einiger Sponsoren mit seinem Geld „gerade so über die Runden“, jetzt hofft er auf neue Verträge. „Daniel Unger hat nach seinem WM-Sieg gesagt, früher reichte für heute und morgen, jetzt reicht es auch für übermorgen. Ich hoffe, dass es bei mir jetzt genauso ist.“

Und auch für den nächsten Adrenalin-Kick hat er schon vorgesorgt. Damit er die Propellermaschine über dem Triathlongelände von Shisanling das nächste Mal selber steuern kann, will er den Flugschein machen.