Aus in der Champions League

Michael Ballacks Karriere bleibt unvollendet

Schiedsrichter attackiert, Gelb kassiert, Finale verpasst: Nach Chelseas K.o. im Champions-League-Halbfinale hat Michael Ballack wieder einen großen Titel verpasst. Er und seine Teamkollegen machen dafür den Referee verantwortlich. Dabei hat der 32-Jährige ganz andere Sorgen: Ihm läuft die Zeit davon.

Irgendwann in den nächsten Tagen, wenn sich der Ärger über das unglückliche Ausscheiden nach dem 1:1 gegen den FC Barcelona gelegt hat, wird Michael Ballack froh sein. Darüber, dass er in der siebten Minute der Nachspielzeit sich nicht hat hinreißen lassen zu einer Frusthandlung, die einen dunklen Schatten über seine beeindruckende, aber weiter unvollendete Karriere gelegt hätte.

Der norwegische Schiedsrichter Tom Henning Övrebö entschied auch die letzte Szene des Spiels, die sechste strittige Elfmeter-Entscheidung des Abends gegen den FC Chelsea und gegen Michael Ballack. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft hatte dem sich abdrehenden Samuel Eto'o den Ball an den Oberarm geschossen und forderte den Strafstoß, der Chelsea die große Chance zum 2:1 gegeben hätte.

Doch Övrebö signalisierte Weiterspielen, Ballack attackierte den Referee, verfolgte ihn vom gegnerischen Strafraum bis in die eigene Hälfte, erhob mehrfach die Faust gegen den Norweger, hielt sich doch noch zurück und rettete damit seinen Ruf. Ein Angriff auf den Schiedsrichter – und Ballack wäre in einem Atemzug mit Zinedine Zidanes Materazzi-Kopfstoß und Toni Schumachers hässlichem Foul gegen Patrick Battiston genannt worden.

Die Gelbe Karte gab es trotzdem. Dass Ballack deshalb im Finale gesperrt gewesen wäre – egal. Das Endspiel hatte Chelsea in diesem Moment schon verpasst, weil Andres Iniesta in der 93. Minute mit Barcelonas einzigem Schuss aufs Tor der entscheidende Auswärtstreffer gelang. „Wir waren die bessere Mannschaft und hatten mehr Chancen. Wir sind enttäuscht darüber, dass wir es selber nicht gepackt haben – und über den Schiedsrichter. Ich weiß nicht, ob es Betrug war – ich hoffe nicht“, sagte Ballack nach dem Spiel. „In der 94. Minute auszuscheiden, in einer Situation, wo man nicht mehr reagieren kann – das ist natürlich eine riesige Enttäuschung.“

Das Team von Josep Guardiola spielte an der Stamford Bridge ungewöhnlich schwach, einfallslos, zaudernd. Das schnelle und sehenswerte 1:0 durch Michael Essiens Volleyschuss in der neunten Minute schien Messi und Co. zu lähmen. Die Katalanen kamen mit Chelseas beeindruckender Ordnung in der Defensive nicht zurecht. Auch Deutschlands bester Fußballer zeigte eine gute Leistung, trieb im defensiven Mittelfeld Barcelonas Spielgestalter Xavi und Iniesta beinahe zur Verzweiflung: 80 Prozent gewonnene Zweikämpfe, nur ein Foul und eine Laufleistung von zwölf Kilometern.

Zu den entscheidenden zwei Metern war Ballack in der Nachspielzeit allerdings nicht mehr in der Lage. Beim späten Gegentor stand er nahe beim Schützen, zwei Schritte in Richtung des Spaniers hätten höchstwahrscheinlich genügt, Iniesta entscheidend am Schuss zu hindern. Ballacks Jagd nach großen Titeln bleibt damit weiter ein einziger Konjunktiv.

Chelsea wäre weitergekommen, wenn Didier Drogba die Großchance in der 52. Minute zum 2:0 genutzt hätte. Wenn das Team von Guus Hiddink nur einen der vielen Konter gegen die entblößte Defensive der Katalanen zielstrebig zu Ende gebracht hätte. Oder wenn Övrebö nur ein einziges Mal auf dem Elfmeterpunkt gezeigt hätte: Als Daniel Alves Florent Malouda im Strafraum attackierte, als Toure zweimal Drogba und einmal Nicolas Anelka im Sechzehner zweifelhaft stoppte, als Gerard Pique den Ball an die Hand und wenig später Eto'o Ballacks Schuss an den Oberarm bekam.

Die Dramatik des Spiels wäre für Ballack leichter zu ertragen gewesen, wenn Chelsea-Kapitän John Terry im Elfmeterschießen des letztjährigen Finales gegen Manchester United im Regen von Moskau nicht ausgerutscht wäre und den siegbringenden Strafstoß ebenso wie Anelka kurz danach den entscheidenden Elfmeter verschossen hätte. Die Chance auf die große Revanche gegen den Titelverteidiger, der als Finalist schon feststand, war da – bis Iniesta traf.

„Ich spiele in einer super Mannschaft, da ist die Chance relativ hoch jedes Jahr, ins Finale zu kommen“, betonte Ballack. „In den letzten Jahren waren es fast immer dieselben Mannschaften, die im Halbfinale standen, von daher hoffe ich, dass da in den nächsten ein, zwei Jahren noch etwas möglich ist.“

Gerade das verpasste Finale in der Königsklasse 2009 ist für Ballack ein schmerzhaftes Deja-vu: Als der 32-Jährige das letzte Mal in einem großen Halbfinale ausschied, verpasste er es ebenfalls, den entscheidenden Schuss zu blocken. Es war in der 119. Minute des WM-Halbfinales 2006 gegen Italien. Fabio Grosso gelang das Tor seines Lebens. Fünf Tage später war die Squadra Azzurra Weltmeister und Deutschland blieb nur das Sommermärchen. Ballacks Lichtblick in diesen traurigen Tagen: Nächstes Jahr ist wieder WM – seine vielleicht letzte Chance auf einen großen Titel.

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