Foul an Ballack

Kevin Boateng zementiert sein Rüpel-Image

In Berlin geboren, in Berlin bei Hertha BSC, in Berlin unangenehm aufgefallen und nun der Mann, der den Knöchel der Nation beschädigt hat: Kevin Prince Boateng wird nach dem Foul an an Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack einmal mehr als der Rüpel vom Dienst gesehen. Ballack jedenfalls fliegt erst einmal nicht nach Sizilien - und muss eine geplante Untersuchung verschieben.

Franz Beckenbauer warf ihm bereits vor 15 Monaten eine "unsportliche Schweinerei“ vor, Matthias Sammer bemängelte im Oktober 2009 "Undiszipliniertheiten“, und die Berliner Staatsanwaltschaft erließ zu Jahresbeginn Strafbefehl wegen Sachbeschädigung - doch erst am Samstagnachmittag wurde Kevin Boateng endgültig zum Buhmann der Fußball-Nation. Der Tritt des gebürtigen Berliners gegen Nationalmannschafts-Kapitän Michael Ballack im Finale des englischen FA-Cups am Sonnabend zementierte das Rüpel-Image Boatengs.

„Ich habe mir die Szene nochmal angeschaut. Das sah schon nach Absicht aus“, sagte Ballack, der nach dem Foul des früheren Bundesligaprofis von Hertha BSC Berlin und Borussia Dortmund in der 44. Minute mit einer Verletzung am rechten Knöchel ausgewechselt werden musste, dem ZDF. Exakt 29 Tage vor dem deutschen WM-Auftaktspiel gegen Australien humpelte der Star des englischen Meisters FC Chelsea vom Platz. „Alle im Stadion haben gesehen, was passiert ist. Da gibt es keine zwei Meinungen drüber“, sagte Ballack-Berater Michael Becker, der offenbar nicht an ein unbeabsichtigtes Foulspiel glaubt.

Für Boateng folgte die Strafe auf dem Fuß. Der 23-Jährige in Diensten des Premier-League-Absteigers FC Portmouth verschoss in der 54. Minute einen Foulelfmeter, Chelsea feierte durch das 1:0 das Double. Während Ballack minutenlang mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag und in der 44. Minute vorzeitig vom Platz humpelte, blieb eine Entschuldigung des 23 Jahre „Pompey“-Angreifers laut Ballack aus.

Die geplante Kernspin-Untersuchung an seinem verletzten rechten Sprunggelenk hat Ballack nun verschieben müssen. Die Schwellung ist zurzeit noch so stark, dass die Kernspintomographie noch nicht durchgeführt werden konnte. Dies gab der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Regenerations-Trainingslager im sizilianischen Sciacca bekannt. Nach Angaben von Bundestrainer Joachim Löw wird die Kernspintomographie am Montag in London vorgenommen. Anschließend wird Ballack mit dem Nationalcoach telefonieren. In diesem Gespräch wird vereinbart, ob der Chelsea-Star zu weiteren Untersuchungen und Behandlungen zu Nationalmannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach München oder nach Sizilien reist. Der für 10. 30 Uhr am Montag geplante Abflug von London nach Sizilien muss auf jeden Fall verschoben werden.

Im Gegensatz zu Ballack-Berater Becker wollte der Bundestrainer nicht den Stab über Boateng brechen, den 41-maligen deutschen Junioren-Nationalspieler. „Das war eigentlich eine Rote Karte, aber ich will ihm keine Absicht unterstellen“, betonte Löw, der sich nicht ohne Grund zurückgehalten haben dürfte. Schließlich trifft Löw mit seinem Team im WM-Gruppenspiel am 23. Juni auf die Auswahl Ghanas, in die der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen berufen wurde. Zudem steht Kevins jüngerer Bruder Jerome im Aufgebot der deutschen Auswahl. Im Gegensatz zu Jerome hatte Kevin dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) den Rücken gekehrt.

DFB-Sportdirektor Sammer sah darin schon vor einem halben Jahr keinen Verlust. „Bei Kevin zeigt sich aus meiner Wahrnehmung, dass das rein sportliche Potenzial am Ende allein nicht ausreicht, um Karriere zu machen. Man muss außerdem in der Lage sein, sich einzuordnen“, sagte der Europameister von 1996. Diese Kritik wollte der Großneffe des 54er-WM-Helden Helmut Rahn allerdings nicht auf sich sitzen lassen. „Er kennt mich nicht persönlich. Von daher kann er das gar nicht sagen. Ich würde ja auch nie erzählen, dass Matthias Sammer nicht einschlafen kann. Weil ich es nicht weiß“, entgegnete Boateng, der im Sommer 2007 für 7,9 Millionen Euro von der Hertha zu Tottenham Hotspur gewechselt war.

Doch nicht nur Sammer ist kein Fan von Boateng. Nachdem der Mittelfeldspieler am 8. Februar 2009 den am Boden liegenden Nationalspieler Miroslav Klose in einem Punktspiel zwischen Dortmund und Bayern München getreten hatte, warf ihm Beckenbauer vor, dass er Klose „absichtlich verletzen“ wollte. Auch dagegen wehrte sich Boateng. „Das Problem war, dass sich Franz Beckenbauer geäußert hatte und es als Absicht darstellte. Und weil es Beckenbauer sagte, glaubte es jeder“, meinte Boateng, der sich nach Ansicht der Berliner Staatsanwaltschaft auch neben dem Platz daneben benommen haben soll. Boateng wird vorgeworfen, am 18. März 2009 mehrere Autos beschädigt zu haben.

Trotz der negativen Schlagzeilen um seine Person ist Boateng in England nach wie vor sehr gefragt. Gleich vier Premier-League-Klubs wollen den Deutsch-Ghanaer verpflichten und sind bereit, eine Ablösesumme in Höhe von 6,9 Millionen Euro zu zahlen.