Neue Entwicklungsstufen

Aschewolke macht Formel-1-Teams große Sorgen

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Robert Dunker

Foto: dpa/DPA

Die Aschewolke bringt auch die Formel 1 in Schwierigkeiten. Auf den verschiendensten Wegen versuchen die Teams aus Shanghai abzureisen, denn der nächste Grand Prix findet am 9. Mai in Barcelona statt. Und da wollen alle Rennställe ihre neuen Entwicklungsstufen an ihren Boliden präsentieren.

Tony Fernandes, der etwas untersetzte Besitzer des kleinen Lotus-Rennstalls, wurde im Fahrerlager über Nacht zu einer ganz großen Nummer. Der 45 Jahre alte Malaysier, Inhaber der Billigfluglinie Airasia, ließ mit einer seiner Maschinen einen Teil der in Shanghai gestrandeten Formel-1-Belegschaft nach Kuala Lumpur ausfliegen. An Bord wurde mit Champagner auf Retter Fernandes angestoßen, denn bei einigen der mitreisenden Mechaniker und Ingenieure von Ferrari, Toro Rosso, Sauber und Mercedes wären in den nächsten 24 Stunden die Visa für China abgelaufen.

Der eingeschränkte Flugverkehr bedingt durch die Aschewolke über Europa bringt erbitterte Rivalen näher. Der McLaren-Rennstall chartert am Mittwoch eine Maschine, um das Personal zurückzufliegen. McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh bot an, freie Plätze nach England zur Verfügung zu stellen. „Wir laden jeden ein mitzufliegen.“ Michael Schumacher machte sich im Privatjet von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone über Bangkok in die Heimat auf. Mercdes-Motorsportchef Norbert Haug landete mit einer Lufthansa-Maschine gestern in Frankfurt und fuhr zur Arbeit. Er hatte es eilig: „Wir arbeiten an einem Siegerauto.“

Beim Großen Preis von Spanien in Barcelona am 9. Mai, dem ersten Europarennen, werden alle Teams neue Entwicklungsstufen an ihren Rennwagen präsentieren, doch durch die Komplikationen beim Rückflug aus China sind die Vorbereitungen beeinträchtig worden. „Wer als erstes entwickelt, gewinnt“, sagte McLaren-Mann Whitmarsh. „Barcelona wird definitiv eine Herausforderung. Wir müssen die Autos so schnell wie möglich ins Werk schaffen, damit wir mit ihnen arbeiten. Wenn nicht, wird es chaotisch.“

Zum ersten Mal seit Saisonbeginn und den Stationen Bahrain, Australien, Malaysia und China sollen die Boliden an der Basis inspiziert werden, zunächst von einer schmalen Besetzung. Ein Großteil der Mechaniker und Ingenieure – rund 750 Helfer entsenden die Teams zu den Überseerennen – sitzt noch in China fest. „Ich habe 76 Mitarbeiter aus acht verschiedenen Ländern vor Ort und 40.000 Kilogramm Fracht. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir das egal wäre“, stöhnte Red-Bull-Teammanager Jonathan Wheatley.

Auf der Suche nach freien Plätzen bei den Flügen zurück nach Europa ist er verzweifelt: „Ich schaue mir schon die Route der Transsibirischen Eisenbahn von Peking aus an, habe einig Japan und die USA nach Europa fliegen lassen.“ Der Reisedisponent von Bernie Ecclestones Marketingfirma FOM, Alan Woollard, versprach, in Shanghai zu bleiben, bis der letzte Mechaniker auf den Weg gebracht worden ist: „Das passiert hoffentlich am Wochenende.“

Um im Wettrüsten nicht ins Hintertreffen zu geraten, riskiert Sebastian Vettels Team sogar Ärger mit dem Arbeitsschutz. Falls Mechaniker nicht rechtzeitig in der Fabrik in Milton Keynes eintrudeln, will Red-Bull-Teamchef Christian Horner das verbliebene Personal in Doppelschichten einsetzen. „Wir haben hier eine Mission zu erfüllen, und wir werden eine Lösung finden. Das kann nur etwas anstrengender als sonst sein.“

Die Überseerennen sind für die Formel 1 ohnehin eine logistische Herkulesaufgabe. Organisiert werden die Transporte in sechs Jumbojets von Ecclestones Vermarktungsagentur FOM. Sie stellt den Teams das Chartern in Rechnung – nach einem ausgeklügelten Schlüssel. Promoter Ecclestone will zwar darauf verzichten, zusätzliche Kosten den Rennställen in Rechnung zu stellen, aber allein der Aufwand für Hotels und Verpflegung der Teammitglieder übersteigt insgesamt rund 100.000 Euro pro Tag.

Kleinere Rennställe geben schon klein bei. Das Virgin-Team hat bekannt gegeben, wahrscheinlich nur eines von geplanten zwei komplett überarbeiteten Autos mit größerem Tank in Barcelona aus der Box fahren zu lassen. Die Schmiede des britischen Milliardärs Richard Branson hat nur ein Chassis in der heimischen Fabrik, das umgerüstet werden soll, das andere soll direkt nach Barcelona dirigiert werden.

Die Boliden von Michael Schumacher und Nico Rosberg befanden sich gestern in einem Frachtjumbo auf dem Weg nach Barcelona und sollen morgen im Mercedes-Werk in Brackley eintreffen. „Es wird keine Beeinträchtigungen des Entwicklungsprogramms geben“, versichert ein Mercedes-Sprecher.

Die Schwaben streben für den kommenden Grand Prix das Debüt eines runderneuerten Silberpfeils an. Der Frontflügel soll etwas höher gezogen werden, die Vorderräder rücken von den Seitenkästen ab, so dass sich der Radstand verlängert. Die Hinterachse wird umgebaut. Das Getriebegehäuse wird neu gestaltet und ein größerer Doppeldiffusor aus dem Unterboden herausgeschnitten. In Spanien soll auch der von McLaren kopierte F-Schacht debütieren – und letztlich auch Michael Schumacher endlich zu einem Erfolgserlebnis verhelfen. „Michael wird bald starke Ergebnisse einfahren“, glaubt Mercedes-Sportchef Haug, „daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.“

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