Uefa-Cup

Der Hamburger SV hat jetzt ein Werder-Trauma

Der Hamburger Albtraum ist wahr geworden: Nach dem Aus im DFB-Pokal hat Nordrivale Werder Bremen dem HSV im Uefa-Cup die zweite Titelchance geraubt. In einem Duell auf Augenhöhe spielte eine kleine Papierkugel Schicksal – und Werders Spielmacher Diego weiß jetzt, wie sich Michael Ballack fühlen muss.

Wenn man so will, hat eine lächerliche Papierkugel über den Einzug ins Uefa-Cup-Finale entschieden. Als Michael Gravgaard im Halbfinale gegen Werder Bremen in der 83. Minute den Ball zu seinem Torhüter, dem HSV-Kapitän Frank Rost, zurückspielen wollte, prallte der Ball durch die Müllreste der folgenschwersten Fan-Choreografie in der Geschichte des Hamburger SV gegen das Schienbein des Dänen und von da ins Tor-Aus.

Es passte zu dieser tragischen Slapstick-Einlage, dass die Hamburger Serie, in dieser Saison noch kein Tor nach einer Ecke kassiert zu haben, wenige Sekunden später Geschichte war. Piotr Trochowski schoss bei seinem Rettungsversuch auf der Torlinie Bremens Frank Baumann an – 3:1. Die Entscheidung. Das Team von Martin Jol kam nicht mehr zurück.

Nach dem dritten von vier Nordderbys binnen 19 Tagen ist es also eingetreten: das Hamburger „worst-case“-Szenario. Durch den 3:2-Auswärtssieg im Uefa-Cup hat Werder Bremen dem ewigen Rivalen, bei dem sich Ivica Olic eine Knieprellung zuzog (der Verdacht auf Kreuzbandriss bestätigte sich nicht), die zweite Titelchance geraubt. Zum zehnjährigen Dienstjubiläum kann Thomas Schaaf vom zweiten Double nach 2004 träumen – dem etwas anderen doppelten Titelgewinn: Wenn sein Team das Uefa-Cup-Finale in Istanbul gegen Schachtjor Donzek am 20. Mai und das DFB-Pokal-Finale zehn Tage später in Berlin gegen Bayer Leverkusen gewinnen sollte. Ausgerechnet in der Saison, in der die Bremer die schlechteste Bundesliga-Saison unter Schaaf spielen und der HSV in drei Wettbewerben mit einem überschaubaren Kader eine mitreißende Spielzeit hinlegt.

Doch Gerechtigkeit gibt es im Fußball nicht, Michael Ballack ist dafür der lebende Beweis. Diese bittere Erfahrung musste am Donnerstagabend auch Diego machen: Der brasilianische Spielmacher brachte Werder nach einem Doppelpass mit Claudio Pizarro und dem anschließenden Lupfer über Rost mit dem 1:1 in der 29. Minute wieder zurück ins Spiel. Elf Minuten später wusste er, dass das Uefa-Cup-Finale auf jeden Fall ohne ihn stattfinden wird. Die dritte Gelbe Karte im Wettbewerb war eine zu viel. Von Landsmann und Gegenspieler Alex Silva wurde er durch eine provozierende Geste in eine kurze und heftige Diskussion verwickelt. Der belgische Schiedsrichter Frank De Bleeckere entschied sich für eine Kollektivstrafe.

„Ich finde es einen Skandal, eine solche Gelbe Karte auszusprechen. Da wird ein Spieler durch eine solche Situation um seine Belohnung gebracht“, kritisierte Werder-Manager Klaus Allofs. Während Diego („Ich bin sehr enttäuscht, aber wir können den Titel trotzdem holen“) gute Miene zum bösen Spiel machte, wusste Schaaf in Hinblick auf das Finale genau: „Wir sind dadurch sehr geschwächt.“

Zum ersten Mal seit 2003, als die Drittplatzieren der Champions-League-Gruppenphase erstmals im Uefa-Cup weiterspielen durften, stehen sich in Istanbul zwei solche Absteiger aus der Königsklasse im Uefa-Cup-Endspiel gegenüber. Ein Duell auf Augenhöhe, ohne echten Favoriten. Schachtjor Donezk scheiterte in der Champions League am FC Barcelona und Sporting Lissabon, im Uefa-Cup ließen die Ukrainer Tottenham Hotspur und Olympique Marseille keine Chance. Im Achtelfinale gegen ZSKA Moskau und im Halbfinale gegen Dynamo Kiew waren sie das glücklichere Team.

Ähnlich wie Bremen setzte sich das Team des rumänischen Trainers Mircea Lucescu gegen den in der Liga besser platzierten Kontrahenten durch. Kommende Woche kann Donezk die Parallele zum Weserklub perfekt machen. Wenn sie auch im ukrainischen Pokal-Halbfinale den designierten Meister Dynamo Kiew besiegen.

Gleich fünf Brasilianer gehören zum Stammpersonal bei Schachtjor, dazu die osteuropäischen Defensivspezialisten Razvan Rat (Rumänien), Mariusz Lewandowski (Polen) und Tomas Hübschman (Tschechien). Der bekannteste Name des Bremer Endspielgegners: Dario Srna aus Kroatien.

An der Weser könnte in diesen Tagen eine Ära mit zwei Trophäen ruhmreich abgeschlossen werden. Zwei Jahre, nachdem das Team um Diego, Torsten Frings, Per Mertesacker und Naldo auf dem Höhepunkt der Schaffenskraft im Frühjahr 2007 das Uefa-Cup-Halbfinale gegen Espanyol Barcelona und den Meisterschafts-Endspurt gegen den VfB Stuttgart leichtfertig hergeschenkt hatte.

Die Fokussierung auf die Pokalwettbewerb in diesem Frühjahr vermittelt den Eindruck, dass sich das Team auf einen letzten gemeinschaftlichen Kraftakt eingeschworen hat. Denn eine erfolgreiche Zukunft ist ungewiss: Nächste Saison gibt es erstmals nach fünf Jahren an der Weser keine Champions League, die Zahl der Konkurrenten in der Bundesliga wächst und durch den mutmaßlichen Abgang des brasilianischen Spielmachers entsteht eine große Lücke.

Jetzt kommt es auf Pizarro an

Gezwungenermaßen muss Werder schon im Uefa-Cup-Finale ohne Diego auskommen. Die Last der Verantwortung liegt deshalb auf den Schultern Pizarros. Zusammen haben die Südamerikaner elf der 14 Bremer Uefa-Cup-Tore geschossen. In Hamburg traf der Peruaner mit einem tückischen Schuss in der 66. Minute zum 2:1. „Die Bälle drehen halt wieder weg. Bei vielen Spielen kann auch so was mal passieren. Dann entscheiden halt Kleinigkeiten“, kommentierte HSV-Torwart Rost seinen schweren Fehler.

Vor dem Vierfach-Derby hatte Werders Clemens Fritz gescherzt, dass der HSV ruhig deutscher Meister werden könne, wenn Bremen der Uefa-Cup und DFB-Pokal bliebe. Am Sonntag im letzten Nordduell dieser Saison liegt es an den Bremern, ob der HSV auch die letzte vage Titelhoffnung des Jahres begraben muss. Schon vor dem 31. Spieltag haben die Hamburger fünf Punkte Rückstand auf Tabellenführer Wolfsburg und müssen eher die Qualifikation für das internationale Geschäft absichern. Denn Borussia Dortmund, drei Punkte zurück, drängt von Platz sechs – und auf Gerechtigkeit im Fußball sollten sie an der Elbe nicht vertrauen.