Kolumne "Querpass"

Warum Schalke 04 nicht Deutscher Meister wird

Bei Verfolger Schalke 04 wird nun von einem Strauchler der Bayern geredet. In der Wirklichkeit sieht die Lage aber ganz anders aus: Der deutsche Rekordchampion hat in Mönchengladbach gewackelt, aber jetzt sind die Münchner durch und werden Deutscher Meister. Schalke ist und bleibt Zweiter.

Kennen Sie den? Felix Magath war am Samstag im ZDF-„Sportstudio“, und der Moderator Poschmann hat den Schalker Trainer gefragt: Wer wird Meister? „Schalke“, sagte der Witzbold.

Tosenden Beifall hat er dafür geerntet, so schräg war dieser Scherz, und in München klopfen sie sich auch jetzt, zwei Tage später, noch auf die Schenkel und halten sich brüllend den Bauch. Dass es nirgends merkwürdiger zugeht als im Fußball, steht jedenfalls spätestens nach diesem seltsamen Wochenende fest: Der FC Bayern ist Deutscher Meister – und keiner hat es gemerkt.

„Bayern rutscht aus“, „Bayern stolpert“, „Titelkampf wieder offen“ – so oder ähnlich lesen sich die kühnen Überschriften, Kommentare und sonstigen Abwegigkeiten nach dem 1:1 des FC Robben, und Magath setzt sogar noch eins drauf und schöpft aus dem Ergebnis in Gladbach den Mut zur Prognose: „Ich glaube, dass die Bayern noch einmal straucheln.“

Sind sie denn gestrauchelt?

Bei soviel blühender Fantasie gehört es zur journalistischen Pflicht, im Rahmen der Ausgewogenheit auch die Realität zu Wort kommen zu lassen. Also kurzer Anruf, und schon sieht die Sache ganz anders aus. Die raue Wirklichkeit meldet sich am anderen Ende der Strippe und lacht über die oben zitierten Schlagzeilen scheppernd. Sie gratuliert den ausgerutschten Bayern zu ihrem Stolpern und Straucheln in Gladbach herzlich und warnt den Anhang der Schalker vor all den Märchenerzählern, bei denen das positive Denken die schönsten Purzelbäume schlägt.

Die Wirklichkeit sieht die Lage so: Die Bayern haben in Gladbach gewackelt, aber jetzt sind sie durch, auch wenn der Magath es weiter mit Feldherr von Moltke, dem alten Preußen, hält: Du musst das Unmögliche fordern, um das Mögliche zu erreichen. Schalke wird Meister, sagt Magath. Schalke wird Meister, haben wir auch Kuranyi irgendwo in eine Kamera sagen hören – diese tapfere Beharrlichkeit erinnert fast an jenen Optimisten, der einmal eine Dose Bier überreden wollte, sich selbst zu öffnen.

Nein, Schalke wird nicht Meister. Schalke ist und bleibt Zweiter. Und das ist toll für eine nur leicht überdurchschnittliche Mannschaft, die mit Magaths Hilfe alles oder noch mehr aus sich herausgeholt und oft genug so gespielt hat wie am Samstag in Berlin: Hinten hilft der Neuer und vorn Kuranyi oder der liebe Gott. Magath hat sich vom Moderator Poschmann deshalb gern gratulieren lassen und über das Erreichte selbst gestaunt: Unglaublich sei das, unfassbar.

Magath ist Realist. Und deshalb haken wir seinen vollmundigen Auftritt im „Sportstudio“ einfach ab unter Volksbelustigung, mitsamt seinem Versprechen: „Wenn wir die letzten zwei Spiele auch noch gewinnen, werden wir Meister.“ Druck will er auf die Bayern aufbauen – doch der Einzige, der bei denen noch Druck verspürt, ist Franck Ribery, wenn er abends in Paris die Champs Elysees entlangschlendert, und eine aufgemotzte Marokkanerin steht in einem Hauseingang und ruft auf Französisch: „Mon Dieu!“

Mein Gott, wie kann nur am Ausgang der Bundesliga gezweifelt werden. Der Mai kann kommen, die Bayern schlagen aus. Van Gaal tippt sich jetzt schon selbst ans Näschen, so fein riecht dieser Trainer alle Notwendigkeiten und Trends. Und van Bommel darf auch wieder ran gegen die Bochumer. Deren Trainer Herrlich und der Abwehrchef Maltritz klopfen zwar Durchhaltesprüche wie neulich die Hannoveraner, aber wohin das führt, wissen wir – in der Tordifferenz werden die Bayern sich nicht verschlechtern.

Und dann geht es zu den bis dahin vollends abgestiegenen Berlinern, zum letzten Spiel, und die Bayern können dort nur noch stolpern, wenn der Schiedsrichter sie auf Befehl des Kanzleramts im Rahmen der Berlinhilfe schäbig bescheißt, der Ribery wieder einem gestreckt auf den Fuß steht oder ein paar Gendarmen von der Pariser Sitte den Schlingel noch vor der Halbzeit verhaften – aber viel eher wahrscheinlich ist, dass die Schalker gegen Bremen verlieren und abschließend noch in Mainz.

Uli Hoeneß kommt jedenfalls mit Recht sehr entspannt daher. Der Präsident des nahenden Meisters trägt zwar nicht immer zur Sachlichkeit bei, aber am Samstag hatte der Hoeneß Hand und Fuß, als er sagte: „Wir haben in Gladbach nicht verloren und deshalb jetzt das Heft in der Hand.“ Das ist selten, dass einer dermaßen auf dem Boden der Tatsachen bleibt in dieser Phase, in der 99 Luftballons aufgeblasen werden, um dem Fußballvolk bis zum letzten Saisonschnaufer ein Höchstgefühl an unerträglicher Spannung unterzujubeln.

Nichts spricht für Schalke

Die Illusion wird krampfhaft am Leben gehalten, die Quote muss stimmen, die Stimmung ist alles – wie schrieb gestern eine Stuttgarter Sonntagszeitung über den VfB: „Jetzt ist sogar die Champions League wieder ein Thema.“ Aufgehen müsste dann folgende Rechnung: Bremen, Leverkusen und Dortmund dürfen dann nichts mehr gewinnen – und ein VfB-Doppelschlag ist Pflicht. Verglichen damit haben es Magaths Schalker kinderleicht.

Aber so rund ist der Ball dann doch nicht, dass es am Ende zum Meister reicht – da ist sogar die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich Elvis, Jim Morrison, Michael Jackson und Roy Black auf einer unentdeckten Karibikinsel bei einem kühlen Drink totlachen bei dem Gedanken, dass alle Welt sie für tot hält.

Was spricht für Schalke? Nichts. Nur das Pferd, das angeblich beim Kotzen vor der Apotheke beobachtet wurde, oder der unumstößliche Fakt, dass es Wunder gibt. Beispielsweise soll in Vancouver einmal ein Grizzlybär an der Bar einen Drink bestellt und ein bekannter Physiker auf die Frage, ob er ein Tischerücken für denkbar halte, gesagt haben: „Warum soll sich ein Tisch nicht bewegen? Der Klügere gibt nach.“ Aber geben die Bayern noch nach?

Nein, weiß Sportskamerad B., aber er schwört: Wenn es anders kommt, wird er sich in zwei Wochen selbst beschimpfen, diesen Text öffentlich in der Luft zerreißen, kleinlaut das glatte Gegenteil behaupten, seinem tiefen Glauben an die Realität abschwören und ins Lager der Traumtänzer konvertieren.